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Der Staufener Missbrauchsfall wurde am Landgericht Freiburg verhandelt.

Kriminalität

Wenn Frauen Sexualstraftaten begehen, liefert oft ein Mann das Motiv

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Eine Studie der Uni Tübingen befasst sich mit erstmals mit Sexualdelikten von Frauen.

Der „Staufener Missbrauchsfall“ erschütterte 2018 die Öffentlichkeit: Eine Mutter hatte ab 2015 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten ihren damals siebenjährigen Sohn und ein drei Jahre altes Mädchen sexuell missbraucht und den Jungen dazu noch gegen Geld an Pädophile vermittelt, die sich brutal an dem Kind vergingen und es dabei filmten. Auch im Fall des „Höxter Horrorhauses“ war eine Frau Täterin. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie über Kontaktanzeigen andere Frauen in das Haus gelockt, sie dort wie Sklavinnen gehalten und sadistisch gequält. Angelika W. galt ihrem Partner Wilfried W. als intellektuell weit überlegen und als treibende Kraft, das Landgericht Paderborn verurteilte sie denn auch zu einer höheren Strafe.

Wenn Frauen Sexualstraftaten begehen, ist das mediale Interesse meist besonders groß, ebenso die Erschütterung: Dass Frauen sich, getrieben von der Lust an Gewalt und Machtausübung ananderen Menschen oder gar dem eigenen Kind vergehen, erscheint schier unglaublich und besonders monströs. Tatsächlich wird nur ein Bruchteil der Sexualstraftaten von Frauen begangen. Laut polizeilicher Kriminalstatistik für das Jahr 2016 betrug ihr Anteil bei sexuellem Missbrauch 4,1 Prozent, bei sexuellen Gewaltdelikten waren es nur 1,2 Prozent. Experten gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegen könnte. Die Wiener Psychiaterin und Gerichtssachverständige Sigrun Roßmanith ist gar der Ansicht, dass „nur die Spitze des Eisbergs“ ans Licht gelangt.

So exotisch die weibliche Sexualstraftäterin in der öffentlichen Wahrnehmung scheint, so wenig wurde das Thema bislang auch in der Wissenschaft beleuchtet. Es gibt weltweit nur wenige Arbeiten, die sich damit befassen. Die Juristin Ulrike Hunger hat nun die Sexualkriminalist von Frauen in Deutschland untersucht. Ihre am Institut für Kriminologie der Universität Thüringen entstandene Studie basiert auf der Analyse der Strafakten von 104 Täterinnen, die zwischen 2003 und 2012 in Bayern und Baden-Württemberg aufgrund eines sexuellen Missbrauchs oder eines sexuellen Gewaltdelikts wie einer Verwaltung verurteilt wurden. Als Vergleichsgruppe dienten 98 männliche Täter, die währen des gleichen Zeitraums in beiden Bundesländern wegen solcher Delikte vor Gericht standen.

Die Studie wurde als Buch unter dem Titel „Verurteilte Sexualstraftäterinnen – eine empirische Analyse sexueller Missbrauchs- und Gewaltdelikte“ im Duncker & Humboldt Verlag veröffentlicht. Nach Angaben der Universität Tübingen handelt es sich um die erste Studie in Deutschland überhaupt, die sich mit der Gruppe der verurteilten Sexualstraftäterinnen auseinandersetzt.

Frauen vergehen sich selten allein an den Opfern

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit: Frauen vergehen sich nur selten allein an ihren Opfern. Bei mehr als der Hälfte der Täterinnen, die wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes oder Jugendlichen verurteilt wurden, gab es Mittäter. Zu 95 Prozent handelte es sich dabei um Männer. Häufig lag in diesen Männern auch das wahre Motiv für die Taten der Frauen. Denn oft handelten die Täterinnen nicht aus einer eigenen sexuellen Neigung heraus. Vielfach stand die Befriedigung des Mittäters im Vordergrund. Manche Frauen wollten auf diese Weise auch Nähe herstellen oder hofften, dadurch eine bestehende Beziehung zu festigen oder deren Fortbestand nicht gefährden. Typischerweise, so Ulrike Hunger, sei es bei vielen Taten nicht zu einem Körperkontakt zwischen den Täterinnen und ihren Opfern gekommen. Auffällig war außerdem, dass Frauen gleichermaßen männliche und weibliche Opfer missbrauchten – und dass ein Großteil davon aus dem Kreis der Verwandten kam, es sich also die eigenen Kinder, Nichten oder Neffen handelte.

Dieses Vorgehen unterscheidet weibliche Sexualstraftäterinnen gravierend von männlichen Sexualstraftätern: Männer verübten ihre Missbrauchstaten fast immer alleine und fast immer zur eigenen sexuellen Befriedigung, erklärt die Studienautorin. Die Opfer männlicher Täter sind größtenteils weiblich. Charakteristisch sei auch, dass die Männer sie sich nur selten im Verwandtenkreis suchten.

Ein ähnliches Bild präsentierte sich der Juristin auch bei den sexuellen Gewalttaten. Wieder kam die Analyse zu dem Schluss, dass es kaum Einzeltäterinnen gab, fast immer waren weitere Menschen – in der Regel Männer – als Täter beteiligt. Und auch hier hatten die Frauen oft selbst keinen körperlichen Kontakt mit ihrem Opfer. Meist forderten sie es zu einer sexuellen Handlung mit ihrem Mittäter auf – und/oder sie sahen bei der Vergewaltigung durch den Mann zu.

In der Regel kennt die Täterin ihr Opfer - bei Tätern ist das nicht so häufig der Fall 

Parallelen gibt es ebenfalls bei den Beweggründen, warum die Frauen zu Täterinnen wurden: Wie beim sexuellen Missbrauch stand auch bei jenen, die sexuelle Gewalttaten begangen hatten, der Mann im Vordergrund: Als Hauptmotive nannten sie die Angst, von ihm verlassen oder körperlich misshandelt zu werden, sollten sie nicht mitmachen. Mehr als drei Viertel der Opfer waren Frauen – und immer kannte die Täterin sie vorher bereits. Ein Drittel der Männer aus der Vergleichsgruppe hingegen kann ihr Vergewaltigungsopfer vorher nicht.

Ulrike Hunger verglich für ihre Studie auch das Alter, die Bildung und die familiäre Situation der Täterinnen sowie das Geschlecht und Alter der Opfer, die Ausführung der Tat und die Urteile, die von den jeweiligen Gerichten gefällt wurden. Demnach waren die Frauen, die sich sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hatten, im Durchschnitt 33 Jahre, ihre Opfer etwa zwölf Jahre alt. Männliche Täter waren im Schnitt 37 Jahre alt. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen seien hohe Bildungsabschlüsse selten gewesen, erklärt die Studienautorin. Die meisten Täterinnen lebten zudem in festen Partnerschaften und hatten eigene Kinder.

Die Frauen, die sexuelle Gewalttaten begangen hatten, waren im Durchschnitt wesentlich jünger: Ihr Durchschnittsalter lag bei nur 23 Jahren, viele waren zur Tatzeit sogar noch Jugendliche. Die Opfer waren meist Gleichaltrige. Anders die Situation bei den männlichen Tätern: Deren Durchschnittsalter betrug 39 Jahre, das ihrer Opfer 25 Jahre.

„Die Erkenntnisse über die Täterinnen können für die Prävention hilfreich sein, indem auf diese Thema aufmerksam gemacht wird“, sagt Ulrike Hunger: Außerdem, so die Juristin, ließen sich mit Hilfe der Studienergebnisse „individuelle Therapiekonzepte“ entwerfen. Bislang sind die Prävention von Sexualdelikten ebenso wie die Behandlung jener, die sie begehen, fast ausschließlich auf Männer ausgerichtet.

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