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Elektroautos dienen im Energiebroker-Konzept auch als Batteriespeicher.
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Elektroautos dienen im Energiebroker-Konzept auch als Batteriespeicher.

Energie

Wenn das E-Auto die Stromlieferung aushandelt

  • VonJörg Staude
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Das Konzept vom „Energiebroker“ soll für private Haushalte eine niedrigschwellige Energiewende ermöglichen.

Könnte so die Energiewende 3.0 aussehen? Zu Hause angekommen, wird das E-Auto an der eigenen oder öffentlichen Ladestation eingestöpselt, den „Rest“ – welcher Ökostrom von welcher wohnortnahen Energiefirma wann eingekauft oder auch wieder in Netz abgegeben wird – regelt das Fahrzeug mit der Ladesäule – und einem „Energiebroker“.

Diese virtuelle Plattform ist so programmiert, dass sich ein Haushalt oder eine Mietgemeinschaft so weit wie möglich selbst versorgt – vor allem mit eigenem Solarstrom vom Dach oder Gebäude. Die Einzel-Haushalte oder die im Quartier sind dazu flexibel in die Plattform eingebunden. E-Fahrzeuge dienen dabei auch als Batteriespeicher, als eine Art Ausgleichspuffer zwischen Erzeugung und Verbrauch.

Einen „zellularen Ansatz“ nennt das Heinz Werntges, Informatik-Professor an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Jede Zelle der Gesellschaft – und die kleinste ist ein Haushalt – soll versuchen, die Strombilanz auszugleichen und nur das zu „importieren“, was fehlt, sowie nur das zu „exportieren“, was übrig bleibt. Dieses Prinzip lasse sich dann auf höherer Stufe ebenso anwenden für Straßenzüge, Bezirke und Ortschaften, malte Werntges das Konzept kürzlich bei einer Online-Debatte des Deutschen Architekturmuseums zu smarten Energiesystemen aus.

Anzuschauen und auszuprobieren ist der Energiebroker – oder wie es im Jargon heißt, die automatisierte Direktvermarktung kleiner Mengen erneuerbarer Energien – auf der Website der Hochschule zum Projekt „Impact“. Werntges’ Team hat dort eine interaktive Simulation eingerichtet. Je nachdem, wie die Parameter des Brokers eingestellt werden, lassen sich Energie- und Finanzströme beeinflussen. „Impact“ widmet sich den Themen Smart Energy, Smart Home und Smart Mobility und wird als eines von insgesamt 29 Vorhaben im Rahmen des Programms Innovative Hochschule vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Selbst Strom zu erzeugen und damit zu handeln und sich damit auch ein „smartes Klimagewissen“ zu verschaffen, das bietet jetzt schon eine unübersehbare Schar neuer wie alteingesessener Energieversorgskonzerne an. Das Besondere am Energiebroker: Er soll ohne viel neue und teure Technik auskommen. Ein Smart Meter, ein intelligenter Stromzähler, müsse sein, so Werntges – aber ohne das übliche Gateway, das private Verbrauchsdaten an die Betreiberzentrale der Messstelle übermittelt.

Stattdessen sollen die Daten im Haushalt bleiben und in einen Steuerungsrechner, den eigentlichen Broker, fließen. Die nötige Rechenpower lasse sich zum Beispiel problemlos in einen handelsüblichen WLAN-Router „huckepack“ integrieren, meinte Werntges. Am schwierigsten sei es dabei noch, an die Messdaten der Zähler zu kommen.

Sollte das aber künftig klappen, könnte es ein wirklich niedrigschwelliges Angebot für die eigene Energiewende geben. Der Broker kann dem Informatiker zufolge nicht nur kleinste Strommengen handeln, er kennt auch den Wetterbericht und weiß, wann Wolken das solare Stromangebot verringern könnten. Unmerklich im Hintergrund sollen auch die Abrechnungen mit den Netzfirmen und den zuständigen Ämtern erledigt werden.

„Ich mache mit, muss aber nichts machen“, brachte Werntges den Reiz des Energiebrokers für Leute auf den Punkt, die sich für die Energiewende einsetzen wollen, aber weder Zeit noch genug Interesse haben, sich mit der üblichen, meist wenig smarten Technik auseinanderzusetzen. Der geringe Aufwand für den Broker macht es dabei auch für Durchschnittshaushalte attraktiv, ihr Verbrauchsverhalten zu ändern. Verhalte man sich entsprechend „netzdienlich“, werde am Ende auch ein finanzieller Anreiz übrig bleiben, gab sich Werntges sicher.

Am Ende könne durch den Energiebroker ein „geschicktes Schwarmverhalten“ entstehen, und das ohne zentrale Kontrollen und Auflagen. Allerdings reicht es aus Werntges’ Sicht nicht aus, dass der „Schwarm“ nur Waschmaschinen zur günstigsten Zeit an- oder abstellt. „Der wirklich dicke Brocken kommt erst, wenn Deutschland seinen Fuhrpark umgestellt hat und etwa 40 Millionen E-Autos unterwegs sind.“

Für seine „zellulare“ Lösung stellten die Akkus der Fahrzeuge einen „enormen Schatz“ dar, meinte der Professor. Dazu müsse man es hinbekommen, die E-Autos nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Einspeiser ins Stromnetz zu integrieren. „Das übliche Auto steht 22 Stunden am Tag herum, das hat die Zeit dazu“, sagte Werntges in der Debatte. Auch ihm ist klar, dass ein Land wie Deutschland am Ende nicht völlig ohne große Energiespeicher und auch wasserstoffbetriebene Backup-Kraftwerke klimaneutral werden kann. Ein automatisierter dezentraler Ansatz sei aber der kostengünstigste und helfe auch, die Netze nicht übermäßig zu strapazieren.

Um seine Idee weiterzuentwickeln, sucht das Energiebroker-Team jetzt Solar-Haushalte, die für einen Feldversuch ihre Ertrags- und Verbrauchsdaten zur Verfügung stellen. Vielleicht hat ja jemand Interesse, bei der Energiewende 3.0. mitzumachen.

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