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Das Team der Hochschule Darmstadt mit seinen selbst gebauten Booten namens „Ernie“ und „Bert“ (r.).

Technische Universität

Wendige Kanus aus Beton

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Studierende aus Darmstadt konstruieren Boote für eine internationale Regatta.

Schönheit oder Schnelligkeit – um diese beiden Kategorien wird es am Samstag bei der Betonkanuregatta auf dem Neckar in Heilbronn gehen – rund 1000 Studierende aus Deutschland und dem Ausland werden erwartet. Bereits zum 17. Mal wird der Wettbewerb ausgerichtet; 1986 veranstaltete der Bundesverband der Deutschen Zementindustrie die erste Regatta, damit Studierende auf diesem Weg Erfahrungen mit dem Werkstoff sammeln können.

Wenige Tage vor dem Rennen laufen die Vorbereitungen an der Hochschule Darmstadt auf Hochtouren. Das 13-köpfige Team von Studierenden aus verschiedenen Semestern und Fachrichtungen trägt Ernie und Bert in die Wasserbauhalle. Zum ersten Mal sollen an diesem Tag die selbst gebauten Betonkanus auf dem Wasser schwimmen.

Die Spannung ist groß – ebenso wie der Spaßfaktor, als die nur rund 35 Kilo schweren Boote in die Versuchsrinne gelassen werden und sich je zwei Studierende probeweise hineinsetzen. Das restliche Team umringt die Testfahrer in den wackeligen Kanus – die trotz des ungewöhnlichen Baustoffs nicht untergehen. Plötzlich kommt Unruhe auf – in einem Boot war die Belastung zu hoch. Durch ein kleines Leck dringt nun Wasser ein. Doch die Studierenden lassen sich davon nicht entmutigen; sie sind sogar froh, dass sie den Fehler entdeckt haben, noch bevor das Rennen starten wird. Gemeinsam mit Regina Stratmann-Albert, Professorin am Fachbereich Bauingenierwesen, überlegen sie, wie sich das Kanu reparieren lässt.

Nicht nur von der Form, auch optisch sind die liebevoll gestalteten Boote gut zu unterscheiden. Das gelb angemalte Kanu Bert, das mit der gleichnamigen Figur aus der Kindersendung „Sesamstraße“ geschmückt ist, „ist lang und dünn als Rennboot konstruiert, damit es sich schnell fahren und gut lenken lässt“, sagt der 27-jährige Bauingenieur-Student Timo Schambach. Ein Teil der Rennstecke werde im Slalom zurückgelegt; deswegen müsse ein Boot wendig sein.

Das rund vier Meter lange Modell Ernie dagegen sieht breit und gedrungen aus, da das hintere spitze Ende gekappt wurde, wodurch es mehr einem Segelboot ähnelt. Ernie geht ins Rennen um die schönste Gestaltung, denn auch dafür werden Preise verliehen. Außerdem hat das Team dazu passende Mannschafts-T-Shirts entworfen.

Seit Herbst werkeln die Studierenden in Darmstadt an der Bootskonstruktion. „Der Beton muss wasserundurchlässig, möglichst dünn und leicht sein, ohne brüchig oder spröde zu werden“, berichtet Timo Schambach. Mehrere Mischungen hat das Team getestet – an manchen Stellen ist der Beton nur vier Millimeter dick. Verwendet wurde eine Schalung aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die als Träger für zwei Lagen Beton dient. Die Studierenden trugen das Gemisch mit einem Spachtel auf und verstärkten die Bootswände zusätzlich mit einem flexiblen Textilgewebe aus Basaltfasern.

Darüber hinaus muss jede Menge organisiert werden: vom T-Shirt-Druck bis zum Kontakt zu Sponsoren, Trainingsstunden für die beste Paddeltechnik und der Präsentation am Infostand während der Regatta in Heilbronn. Regina Stratmann-Albert begleitet die Betonkanuregatta seit vielen Jahren; man merkt ihr die Begeisterung an für das bautechnisch anspruchsvolle Projekt. Aber es verlange ihr auch sehr viel ab, berichtet sie.

Gefragt seien nicht nur handwerkliches Geschick und Fachkenntnisse, sondern vor allem „Soft Skills“ wie Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit. Es gehe darum herauszufinden, welche Stärken und Schwächen die Studierenden haben. „Der eine kann besser handwerkern, während der andere mehr geeignet ist, den Konstruktionsbericht abzufassen“, sagt Stratmann-Albert.

Sich abzustimmen und Termine zu finden, koste oft viel Zeit. Zudem seien im März neue Studierende zur Gruppe hinzugekommen. Das Projekt erfordert von den Studierenden viel Eigeninitiative – zumal die Konkurrenz groß ist. Neben Teams von namhaften Technischen Universitäten aus ganz Deutschland wie dem Karlsruher Institut für Technologie oder der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen sind auch Teams aus Österreich, Finnland, Polen und der Schweiz am Start. „Die Niederländer haben jedes Mal den Ehrgeiz, das Rennen zu gewinnen“, berichtet Stratmann-Albert. Dennoch konnte die Hochschule Darmstadt bereits Erfolge feiern: Vor zwei Jahren wurden die beleuchteten Betonkanus, die den Namen „Tag“ und „Nacht“ trugen, in der Kategorie Gestaltung ausgezeichnet.

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