+
34 000 Objekte mit einer Größe von mehr als zehn Zentimetern Durchmesser kreisen um die Erde – zählt man die kleineren Splitter noch dazu, sind es weitaus mehr.

Interview mit Holger Krag

Schrott im Weltraum - ein Problem, das gelöst werden muss

  • schließen

Holger Krag, Experte für Weltraumsicherheit bei der Esa, über zu viel Betrieb im Orbit,  Möglichkeiten der Überwachung im All und die Notwendigkeit von Gesetzen.

Im Erdorbit herrscht immer mehr Gedränge. Zehntausende Satelliten ziehen heute bereits in unterschiedlichen Höhen ihre Bahnen um unseren Heimatplaneten – und es werden immer mehr. Was geschieht mit all diesen Objekten, wenn sie nach einigen Jahren ihren Betrieb einstellen? Wie lässt sich Müll im All vermeiden und entsorgen? Bislang gibt es kein international gültiges Weltraumrecht für solche Fragen. Viele Länder versuchen deshalb, die Raumfahrt auf nationaler Ebene zu regeln. Auch in Deutschland wird derzeit an einem Weltraumgesetz gearbeitet. Im Kontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation Esa trafen sich jüngst Experten aus 27 Ländern, um über die Inhalte solcher nationalen Weltraumgesetze zu diskutieren.

Im All existieren irdische Staatengrenzen nicht mehr. Ist der Weltraum deshalb ein rechtsfreier Raum?
So würde ich es nicht formulieren. Nach dem Start des ersten Satelliten Sputnik im Jahr 1957 haben sich die Nationen, die Raumfahrt betreiben, relativ schnell zusammengefunden und internationale Verträge abgeschlossen. In den Vereinten Nationen ist zu diesem Zweck 1959 eigens ein Gremium eingerichtet worden: der Ausschuss zur friedlichen Nutzung des Weltalls.

Was ist in diesen Verträgen geregelt?
Sie räumen einem Land viele Freiheiten ein, den Weltraum zu nutzen. Aber sie verpflichten die einzelnen Staaten auch, die Raumfahrt-Aktivitäten im Land zu kontrollieren. Und es gibt noch eine Einschränkung: Das ist die Haftungs-Übereinkunft. Sie soll sicherstellen, dass ein Staat für Schäden haftet, die durch ein aus seinem Land stammendes Raumfahrtobjekt verursacht werden. Diese Haftbarkeit ist bei Schäden auf dem Boden absolut. Das bedeutet: Es spielt keine Rolle, wie der Schaden zustande gekommen ist. Bei Schäden, die im All selbst auftreten, verhält es sich anders. Wird ein Satellit durch eine Kollision mit einem anderen zerstört, müsste nachgewiesen werden, dass jemand grob fahrlässig gehandelt hat. Nach Ansicht von Rechtsexperten ist dieser Nachweis aber sehr schwer zu erbringen.

Weltraumschrott-Problem war früher unbekannt

Explodierende Satelliten und Raketenteile setzen zahllose Splitter frei.

Bei einem Workshop der europäischen Weltraumorganisation Esa diskutierten Experten vor einigen Wochen über die Ausgestaltung eines künftigen Weltraumrechts. Das legt nahe, dass die bisherigen Regelungen nicht ausreichend sind ...
Man muss bedenken, dass die Verträge aus der Anfangszeit der Raumfahrt sehr schnell geschaffen wurden. Vor allem hat sich seit damals einiges verändert. Das Wort Weltraumschrott taucht gar nicht auf, denn das Problem war noch nicht bekannt. Die Zahl der Nationen, die Raumfahrt betreiben, ist seit den 1960er Jahren stark gewachsen. Heute spielen auch private Unternehmen eine zunehmend große Rolle. So steht in naher Zukunft der Start von großen Satelliten-Konstellationen an, die für Breitband-Internet aus dem All sorgen sollen. Die privaten Weltraumaktivitäten werden die staatlichen schon bald weit überholen. Damit ist die Raumfahrt nicht mehr nur eine Angelegenheit zwischen Staaten. Entsprechend müssen auf nationaler Ebene Regelwerke geschaffen werden, in denen geklärt ist, wie die Raumfahrt, die von einem Land ausgeht – sei es durch Unternehmen, Universitäten oder den Staat selbst -, von diesem Land kontrolliert wird.

Gibt es Staaten, die bereits solche Regelungen haben?
Ja, die gibt es. Die USA und Neuseeland zum Beispiel. In Europa ist Frankreich der Vorreiter, aber auch Finnland, Österreich und Dänemark haben bereits Weltraumgesetzte. In Deutschland arbeitet man derzeit daran. Überall entstehen derzeit solche nationalen Gesetze. Diese Entwicklung bietet eine günstige Gelegenheit, Regelungen zum Thema Weltraumschrott zu berücksichtigen und in dem Gesetz unterzubringen. Dabei sollte man sich an Richtlinien orientieren, die eine Gruppe von Experten, das „Interagency Debris Coordination Comittee“, erarbeitet hat. In diesem Gremium sind Fachleute aus den Weltraumorganisationen wie der NasA, Roskosmos und der Esa vertreten.

Lesen Sie auch: 

Manuelles Ausweichmanöver verhindert Kollision von Esa-Wettersatellit mit Internet-Satellit von SpaceX

Um welche Maßnahmen handelt es sich dabei?
Ein wesentlicher Punkt ist es, Explosionen an Bord von Satelliten und Raketenstufen zu verhindern, die durch restlichen Treibstoff oder Druck im Tank entstehen können. Leider ist es schon oft passiert, dass dadurch Objekte in viele kleine Teile zersplittert sind. Auch dürfen die Satelliten selbst nicht so lange im All bleiben. Denn ihre Funktion erfüllen sie nur für eine begrenzte Zeit und fliegen danach als Schrott herum. Derzeit kreisen 34 000 Objekte mit einer Größe von mehr als zehn Zentimetern im Orbit. Nur 2000 davon sind funktionierende Satelliten. Mit jedem zusätzlichen Objekt wächst die Gefahr von Kollisionen. Und jede Kollision wiederum setzt neue Trümmer frei, die im All verbleiben. Eine Kettenreaktion.

Wie kann man dafür sorgen, dass ausgediente Satelliten aus dem All verschwinden?
Sie müssen von vornherein so konzipiert werden, dass sie im Laufe von 25 Jahren in der Erdatmosphäre verschwinden, wo sie verglühen. Bei sehr großen Objekten besteht allerdings die Gefahr, dass dabei nicht alles schmilzt und Teile übrigbleiben, die Schaden auf der Erde anrichten können. Diese Satelliten muss man durch kontrollierte Wiedereintritts-Manöver über unbewohntem Gebiet wie dem Südpazifik entsorgen. Mit all diesen Maßnahmen könnte man das Problem des Weltraumschrotts gut eindämmen. Wir hoffen, dass viele Staaten sie nun in ihre nationalen Gesetze einfließen lassen.

Wäre es nicht sinnvoll, ein weltweites Gesetz auf den Weg zu bringen, an das sich dann alle halten müssen?
Das wäre das allerbeste, aber es ist nicht in Sicht, dass die Staaten sich darauf einigen würden. Es ist schon allein positiv zu bewerten, dass der Wille da ist, der Raumfahrt im eigenen Land Auflagen zu machen.

Esa arbeitet an einem Programm namens „Space Safety“

Aber müssten nicht überall die gleichen Bedingungen gelten? Sonst könnte doch ein Land sagen, wir halten unser Weltgesetz lax, dadurch sind wir und unsere Firmen im Vorteil.
Ganz so einfach kann es sich kein Land machen, denn es greift ja auch noch das internationale Weltraumrecht, das einen Staat haftbar machen kann. Das heißt: Wenn etwas passiert, ist das ganze Land dran. Daran kann auch kein Politiker Interesse haben. Natürlich wäre es gut, wenn in der Raumfahrt überall gleiche Bedingungen herrschten – und das nicht auf einem niedrigen Niveau. Aber man kann eine Harmonisierung nicht erzwingen, nur stimulieren: indem man Hilfsmittel und Daten zugänglich macht, Technologie bereitstellt, die die Umsetzung erleichter und gute Standards etabliert. All das versuchen wir bei der Esa zu leisten. Wenn man der Industrie Auflagen macht, muss man sie auch unterstützen und Techniken anbieten, wie sich die Vorgaben umsetzen lassen. In der Esa arbeiten wir an einem ehrgeizigem Programm mit dem Namen „Space Safety“, das diese Technologien bis hin zu einer Aufräum-Mission bereitstellen soll.

Holger Krag

Wie lässt es sich überprüfen, dass solche Auflagen eingehalten werden?
Wo eine Legislative existiert, muss es auch eine Exekutive geben. In jedem Land muss deshalb eine Institution entstehen, die Weltraumaktivitäten überwacht. Es müsste eine Art TÜV sein, wo technische Experten bereits vor dem Bau eines Satelliten ein Vorhaben daraufhin überprüfen, ob das Weltraumrecht eingehalten wird, die es dann bis zum Start begleiten und die, idealerweise, auch nach dem Start bei abnehmender technischer Zuverlässigkeit gegebenenfalls anordnen, dass ein Objekt nicht mehr lange im All bleiben darf. Funktioniert ein Satellit nicht mehr richtig, muss er entsorgt werden, bevor die Technik versagt. Gelingt das nicht, bleibt er im All und kann dort für Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte ein massives Problem darstellen.

Kann man denn von der Erde aus beobachten, was da oben im Orbit passiert?
Tatsächlich ist es sehr schwer, sich im Weltraum zu verstecken. Mit starken Überwachungssystemen kann man vom Boden aus sehen, was im Orbit passiert. In den USA existieren solche Anlagen bereits, in Europa werden sie gerade aufgebaut. Derzeit greifen wir noch auf die Daten der amerikanischen Systeme zurück. Darauf basierend schreiben wir jedes Jahr einen Bericht über das Verhalten der Raumfahrtbetreiber. Bis jetzt ist die Situation allerdings noch nicht besonders zufriedenstellend. Nur rund 20 Prozent aller Satelliten, die ein Entsorgungsmanöver hätten machen müssen, haben das auch getan. Wir müssen aber wahrscheinlich auch noch ein bisschen Geduld haben. Die Satelliten, um die es geht, sind schließlich meist schon vor längerer Zeit entwickelt worden. Wir rechnen damit, dass mit der Zeit und mit mehr Weltraumgesetzen ein Trend zur Besserung einsetzt.

An das Recht müssten vermutlich auch Sanktionen gekoppelt werden, die greifen, wenn man es nicht einhält.
Es ist Sache jedes Staates, solche Sanktionierungen zu formulieren. Auf jeden Fall darf es zuerst einmal keine Lizenz und keine Startfreigabe geben, wenn ein Satellit die Bedingungen nicht erfüllt.

Gibt es Überlegungen, die Zahl der Satelliten, die ins All geschossen werden, zu begrenzen?
Analysen zeigen, dass man auch viel Raumfahrt betreiben kann, wenn man es richtig macht. Nur verhält es sich heute eben noch so, dass viele Satelliten zu lange betrieben werden und dann irgendwann technisch versagen, bevor sie sich selbst entsorgen konnten. Es müsste gewährleistet sein, dass ein Satellit auch nach zehn Jahren Betrieb zum Beispiel mit mindestens 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit noch funktioniert. Das kann man dadurch erreichen, dass wichtige Systeme an Bord zweifach vorhanden sind. Ist das sichergestellt, kann man auch mehr Satelliten zulassen. Der Weltraum ist eine Ressource, die wir uns alle teilen. Niemand wird verbieten, Raumfahrt zu betreiben. Doch die Auflagen müssen schärfer werden, gerade weil es immer mehr Aktivität geben wird.

Raumfahrt sollte nicht beschränkt werden

Aber eine Obergrenze wird nicht kommen?
Wohl kaum. Man sollte die Raumfahrt nie beschränken. Sie bringt uns Menschen ja auch viel. Allein 40 Prozent aller Smartphone-Apps hängen an Diensten aus dem Weltraum. Wir machen diese Arbeit, weil wir Raumfahrt wollen und das zu den noch moderaten Risiken von heute.

Muss ein Unternehmen eigentlich einen Platz im All beantragen, wenn es vorhat, einen Satelliten ins All zu schießen?
Wenn die Firma in einem Land angesiedelt ist, wo sie einem Weltraumgesetz unterliegt, muss sie sich an dieses Recht halten und der zuständigen Behörde einen Bericht vorlegen. Darin muss aufgeführt sein, was alles an Bord ist, wie zuverlässig die Systeme sind, wie sauber die Rakete ist und wie sie entsorgt werden soll. Erst danach wird der Start freigegeben.

Und wenn die Firma aus einem Land kommt, wo es kein Weltraumgesetz gibt?
Dann muss sie ja trotzdem noch einen Start einkaufen. Nur wenige Länder besitzen die Möglichkeit, eine Rakete zu starten – und jedes davon verfügt über gute Regularien. Es ist also sehr schwer, einem nationalen Weltraumrecht zu entkommen.

Gibt es eigentlich auch Richtlinien für andere Himmelskörper?
Den Mond darf bislang jeder betreten und nutzen – nur nicht zum Schaden der anderen. Aber wir schicken auch immer mehr Satelliten in den Marsorbit. Hier greifen dann andere Regularien, nämlich solche, die den Mars vor der Kontaminierung mit irdischen Bakterien schützen sollen.

Zur Person

Holger Krag ist Leiter des Programms für Weltraumsicherheit bei der europäischen Weltraumorganisation Esa. Er hat an der Technischen Universität Braunschweig Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnik studiert und zum Thema Weltraumschrott promoviert. Seit 2006 arbeitet er als Spezialist für dieses Thema bei der Esa. Neben der Vermeidung von Rückständen im All beschäftigt er sich auch mit Weltraumwetter sowie mit Frühwarn- und Abwehr-systemen für Asteroiden.

Das könnte Sie auch interessieren

Missglückter Landeversuch auf dem Mond: Die private israelische Raumsonde „Beresheet“ ist beim Landeversuch auf dem Mond abgestürzt

Der erste Blick in ein schwarzes Loch: Astronomen fotografieren erstmals ein Schwarzes Loch

2019 ist das Jahr des Mondes:  Gleich mehrere Nationen schicken 2019 Missionen zum Erdtrabanten

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare