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Die University of Cape Town gilt als beste Hochschule Südafrikas.

Südafrika

Weit geöffnete Bildungsschere

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Noch immer ist keine Entwarnung für Südafrikas Universitäten und Hochschulen in Sicht.

Der kürzlich in Berlin auf Einladung von  Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehaltene Afrika-Gipfel hatte das Ziel, auszuloten, wie und unter welchen Bedingungen sich die deutsche Privatwirtschaft in einigen afrikanischen Staaten engagieren kann. Das Treffen wurde dann auch von Fachleuten kritisiert: Das Hauptanliegen, so die Kritik, könne nicht die Wirtschaftsförderung durch private Investoren sein, ohne sich mit den dort herrschenden Bedingungen vertraut gemacht zu haben. 

Einer der Teilnehmer war Cyril Ramaphosa (ANC), der Präsident Südafrikas. Das Land am Kap ist jener Staat auf dem Nachbarkontinent mit dem heute noch weitaus höchsten Industrialisierungsgrad. Aber rasante Inflation, Misswirtschaft, Korruption und Abwanderung von Fachkräften lassen selbst hier die Fachleute an einem Wirtschaftsaufschwung zweifeln. Und gerade wenn es, wie in Berlin mehrfach hervorgehoben, nicht um Entwicklungshilfe gehen soll, ist für einen wirtschaftlichen Aufschwung der Grad der Bildung der Bevölkerung im Land ein wichtiges Indiz für die Chancen eines solchen gewaltigen Projektes. 

Es wurde versäumt, den Nachwuchs gut auszubilden

Für Südafrika liegen dazu einige Basisinformationen vor: Von insgesamt 28 Unis gelten elf als Volluniversitäten mit rund 767.000 Studenten. Auch sechs technische Universitäten mit 168.000 Studenten zählen dazu. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass im ehemaligen Apartheid-Staat, wo es für Schwarze lediglich eingeschränkte Bildung gab, nunmehr 66,4 Prozent „schwarze“ und 18,4 Prozent „weiße“ Studierende immatrikuliert sind. 

Dass diese Zahlen nur wie ein vermeintliches Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse zu deuten sind, belegen die Unruhen an den Unis in den vergangenen Jahren: Immer wieder hatte es an den Universitäten Südafrikas Demonstrationen und Besetzungen gegeben, Unterricht fiel aus, Einrichtungen und Gebäude wurden zerstört, darunter auch wertvolle Kulturgüter. 

Konnte man für die studentischen Proteste der vergangenen Jahre noch Verständnis aufbringen, wenn es sich um die Abschaffung oder Reduzierung der Studiengebühren handelte, so war Unverständnis in der Scientific Community und bei ausländischen Beobachtern breit vertreten, wenn ungehinderter Zugang zu den Universitäten ohne schulische Voraussetzungen oder auch die Abschaffung der Prüfungen gefordert wurden. 

Zu den Ergebnissen der Proteste zählt unter anderem, dass auch den letzten Universitäten das Vorrecht genommen wurde, in Afrikaans zu lehren, was ihnen unter Mandelas Regierung noch in den 1990er-Jahren zugestanden worden war. Afrikaans war zwar die Sprache der Apartheid, aber sie wird nicht nur von Weißen, den Buren, gesprochen. Sie ist eine der elf Landessprachen.

Viele Lehrmaterialien existieren in dieser Sprache. Die studentischen Proteste zur Abschaffung der Studiengebühren, die immer noch nicht ganz abgeebbt sind, stellten ein Politikum dar und werden von der Bevölkerung hoffnungsvoll begleitet, da die für viele unerschwinglich hohen Gebühren den Zugang zu höherer Bildung behindern. 

Unter den Lehrenden der Universitäten macht sich dahingegen verstärkt Unsicherheit breit. „Transformation“ ist das neue Schlagwort, was den Austausch weißer Professoren und Hochschulmitarbeiter gegen schwarzes Personal meint. Das jedoch ist nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Leidtragende sind zunächst die Studierenden – und bald schon die gesamte Gesellschaft. Denn auch für Südafrika gilt: In der Moderne kann nur derjenige bestehen, der über gebildetes Personal verfügt, das die Gegenwart meistert und die Zukunft gestalten kann. 

Aber an solchem Personal fehlt es zurzeit am Kap. Auch wenn dies im ersten Moment ein Problem der Universitäten darstellt, so liegen die Gründe hierfür mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid tiefer. Schon 1994, als die einstige Befreiungsorganisation African National Congress (ANC) versuchte, das Ungleichgewicht zwischen weißen und nicht-weißen Professoren an den Universitäten durch einer Politik der „affirmative action“ zu beheben, lief dies weitgehend ins Leere. 

Einige Weiße wurden zwar aufgrund dessen entlassen, jedoch blieben sichtbare Lücken in Lehre und Forschung. Die Verpflichtung, für jeden auf das Rentenalter zusteuernden Weißen einen nicht-weißen Ersatz heranzubilden, wäre ein effektiverer Weg gewesen. Das hatten ausländische Kollegen den übereifrigen neuen Universitätsleitungen auch empfohlen, allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Bei objektiven Beobachtern herrscht wenig Euphorie, dass es dieses Mal mit dem universitären Elitenaustausch besser gehen könnte. Die Folge: Sinkende Qualität der Ausbildung an südafrikanischen Hochschulen. 

Ab und an kommt die seit Jahren nicht gelöste Frage auf, dass etwa ein Viertel des akademischen Personals an den Universitäten keinen Doktortitel besitzt. Das führt zu Diskussionen in den Fakultäten, ob unpromovierte Professoren an Universitäten und Technischen Hochschulen bis zu einigen Jahren Forschungsurlaub erhalten sollten, damit sie die Promotion nachholen. Davon hängt eine immer wieder diskutierte Frage ab, ob ein Unpromovierter eine Dissertation betreuen darf oder nicht. Eine abschließende Lösung wurde nicht gefunden und wird es angesichts der realen Situation im Hochschulwesen nicht geben können.

Das Schulwesen: Eine Ursache für den Niedergang des Niveaus der universitären Ausbildung ist nicht zuletzt im Bildungsstand der meisten Schulen zu sehen. Auf den ersten Blick ist das öffentliche Bildungssystem des Landes im Vergleich mit dem übrigen Afrika durchaus beeindruckend. Es herrscht allgemeine Schulpflicht für Kinder zwischen sieben und 16 Jahren, das heißt, alle müssen die ersten neun Schuljahre durchlaufen. 

Das betrifft mit Stand von 2016 etwa 14 Millionen Schülerinnen und Schüler. Ein Lehrer unterrichtet in der Regel 31 Kinder in den etwa 26.000 vorhandenen öffentlichen Schulen, wobei deren Anzahl beständig abnimmt. Der Negativtrend trifft vor allem auf Einrichtungen auf dem Land zu. 

Um die negativen Nachwirkungen der Apartheid wenigstens etwas abzumildern, erhalten Kinder aus „benachteiligten Bevölkerungsgruppen“ schon seit vielen Jahren finanzielle Unterstützung vom Staat. Dennoch ist es kaum gelungen, die Bildungsschere zwischen „arm“ und „reich“ zu schließen. 

Nur ein Drittel der Kinder beendet die Schule

Diese Tatsache weist darauf hin, dass sich das Bildungswesen in der Krise befindet. Internationale Organisationen stellten fest, dass Südafrikas Schulen auf Platz 117 von 144 Ländern beim Internetzugang in Schulen rangiert. Nur den 133. Platz errangen die Schulen bei der Qualität der Grundschulausbildung. Eine andere internationale Spezialorganisation stufte das allgemeine Bildungsergebnis als „poor“ ein. Und dies trotz relativ hoher Bildungsausgaben und staatlicher Unterstützung für viele Schulkinder.

Das Dilemma, vor dem Südafrikas Gesellschaft steht, machen folgende Zahlen deutlich: Von den 1,2 Millionen im Jahr 2005 eingeschulten Kindern erreichten 2017 etwa 401.000, rund ein Drittel, nach zwölf Jahren die Landesabiturprüfungen (Matric). Aber nur 161.000 davon (etwa nur ein Drittel) auch eine Punktezahl, die hoch genug ist, um sich mit Erfolgschancen für einen Studienplatz zu bewerben. Dabei sollte man beachten, dass Schulabgangszertifikate unter dem Niveau der Matric in der Bewerbungspraxis für Bildungszugänge praktisch wertlos sind. 

Ein ausschlaggebender Grund für die schlechten Schulleistungen ist nach Ansicht  internationaler Wirtschaftsexperten die schlechte Lehrerausbildung. Und damit sind wir wieder bei den Verhältnissen an den Universitäten. Für das Bildungssystem, das ja „die Bereitstellung von Humankapital“ sichern soll, wurde ein „delivery problem“ festgestellt, weil es nicht die Arbeitskräfte hervorbringt, die von der Wirtschaft benötigt und auch nachgefragt werden. Nicht allein, aber auch deswegen liegt die Arbeitslosigkeit bei insgesamt 27 Prozent. Im Jahre 2017 war unter den 15- bis 25-Jährigen mit 53 Prozent etwas mehr als die Hälfte arbeitslos. 

Die Rechnung ist einfach und liegt auf der Hand: Um die Arbeitslosigkeit abzubauen, gilt es, ein Wirtschaftswachstum von mindestens fünf, besser sechs Prozent zu erreichen, was indes bei gegenwärtig 0,9 Prozent Wirtschaftswachstum und einer Inflationsrate von etwa 5,3 Prozent (Stand 2017) illusorisch erscheint. 

Dieses Paradoxon stellte jüngst auch Brian Kantor heraus. Er ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der University of Cape Town, die im Weltranking 2018 als beste Universität des Landes abgeschnitten hat. Er sagt: Während im Land eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen für Hochqualifizierte nicht besetzt werden könne, stehe eine wachsende Zahl geringqualifizierter Arbeitssuchender einem schrumpfenden Kontingent von Arbeitsplätzen gegenüber, die nur relativ geringe Qualifikationen erfordern. 

Im Ergebnis gleiten immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit, in Existenzen in der informellen Wirtschaft und Kriminalität ab. Und gut qualifizierten Arbeitskräfte – und damit sind nicht nur Weiße gemeint – verlassen das Land vor allem aus Angst vor den Folgen der „Transformation“, so dass sich Pessimismus und Zukunftsangst im Lande immer weiter verstärken. 

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich nun die Frage: Wäre es in Berlin nicht angeraten gewesen, statt über Wirtschaftskooperationen zunächst über Kooperationen in der Wissenschaft, der Hochschulbildung und des Bildungswesens zu debattieren?

PD Dr. mult. Ulrich van der Heyden ist Historiker und Politikwissenschaftler und forscht zurzeit als Gastprofessor an der University of South Africa in Pretoria.

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