+
Das Bild "Earthrise" entstand während der Mondmission "Apollo 8". Es wurde auf eine US-Briefmarke gedruckt und gilt als Symbol der Umweltbewegung.

"Earthrise"

Das Weihnachtsmärchen von "Apollo 8"

  • schließen

Der Flug von "Apollo 8" um den Mond bescherte den USA heute vor 50 Jahren ein Weihnachtsmärchen und der Menschheit ein ikonographisches Bild.

Eigentlich sollte das Foto, das zu einem der „einflussreichsten Bilder aller Zeiten“ werden würde, nie entstehen. Die Kamera und die Filme, die die drei Astronauten Frank Borman, Jim Lovell und William Anders im Dezember 1968 mit auf die Nasa-Mission „Apollo 8“ nahmen, sollten dazu dienen, die Oberfläche des Mondes zu fotografieren und eine geeignete Landestelle für eine spätere Mondlandung zu finden. Doch bei der vierten von insgesamt zehn geplanten Umrundungen des Mondes am 24. Dezember 1968 geschah etwas vollkommen Unerwartetes: Die Astronauten sahen plötzlich die Erde, die hinter dem Mond aufging – so ähnlich, wie man den Mond auf der Erde aufgehen sieht. „Oh mein Gott! Schaut euch die Aussicht hier drüben an!“, rief Anders seinen Kollegen zu, wie Nasa-Aufzeichnungen belegen. „Die Erde geht auf. Wow, ist das schön!“

Es folgte eine spontane Fotosession – zuerst mit einem Schwarzweiß-Film, der sich gerade in der Kamera befand, kurze Zeit später mit einem Farbfilm, den die Astronauten erst suchen mussten. In einem Interview mit der „Seattle Times“ erinnert sich Astronaut William Anders ganz genau: Er habe wie mit einer Maschinenpistole – „Klick-klick-klick-klick-klick“ – ein Bild nach dem anderen geschossen.

Eines der vielen Bilder, die dabei entstanden, erlangte Weltruhm: Das „Earthrise“ genannte Foto wurde zuerst auf einer US-Briefmarke verewigt und 1970 zum Symbol für den ersten „Earth Day“. Bis heute gilt es als eines der „100 einflussreichsten Bilder aller Zeiten“, die das „Time“-Magazin zusammengestellt hat. Zur Begründung schrieben die Kuratoren: „Das Bild ist unser erster farbiger Blick auf die Erde von außerhalb und es hat zur Entstehung der Umweltbewegung beigetragen.“ Außerdem habe „Earthrise“ den Menschen gezeigt, dass es der Menschheit in einem kalten und gefährlichen Kosmos doch „sehr gut“ gehe.

Die Mission „Apollo 8“ steht jedoch für mehr als das „Earthrise“-Bild. Es war ein Ereignis, das den USA die Hoffnung zurückgab, eine Art Weihnachtsmärchen. 1968 war kein gutes Jahr für das Land: Der Vietnamkrieg und die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy machten dem Land sehr zu schaffen. Und auch im so genannten „Space Race“ zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion sah es für die Vereinigten Staaten nicht gut aus: Die Sowjets hatten gerade erstmals erfolgreich irdische Lebewesen – darunter Schildkröten – in der Raumsonde „Zond 5“ um den Mond geschickt. Es gab Gerüchte, die Sowjetunion würde bald die ersten Menschen in eine Umlaufbahn um den Mond bringen.

Dem wollte man zuvorkommen – konnte man sich doch an den „Sputnik“-Schock von 1957 noch gut erinnern. Außerdem stand ein bis dato nicht eingelöstes Versprechen im Raum: Der frühere US-Präsident John F. Kennedy hatte versprochen, bis Ende des Jahrzehnts Menschen zum Mond zu schicken. So wurde aus der ursprünglich als Test im Erdorbit geplanten Mission „Apollo 8“ kurzerhand der erste bemannte Flug zum Mond.

Und eben dieser Flug gab den Amerikanern am Ende eines blutigen Jahres ein Stück weit die Hoffnung zurück: An Weihnachten übertrugen die drei Astronauten ihren Blick aus der Raumsonde im Fernsehen. Zu den Ansichten der Mondoberfläche und der Erde zitierten sie die ersten Zeilen der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde... Es war das Fernsehprogramm mit den meisten Zuschauern – bis zur Übertragung der Mondlandung.

Bis auf etwa 96 Kilometer kamen die „Apollo 8“-Astronauten bei ihren Mondumrundungen an die Oberfläche des Erdtrabanten heran – doch den Ruhm, als erste Menschen den Mond betreten zu haben, mussten sie anderen überlassen: Im Jahr nach den spektakulären „Earthrise“-Fotos betraten mit Neil Armstron und Buzz Aldrin die ersten beiden Menschen den Mond und lösten Kennedys ehrgeiziges Versprechen ein. Ihre beiden Namen sind es, die bis heute eng mit den „Apollo“-Missionen verbunden sind.

Doch auch wenn die Bilder von den ersten Astronauten auf der Mondoberfläche ebenfalls Geschichte schrieben – „Earthrise“ hatte der Menschheit eine neue, einzigartige Perspektive aufgezeigt. Der fotografierende Astronaut William Anders ist bis heute davon überzeugt, dass „Earthrise“ ein „beschissenes Bild“ ist, da es leicht unscharf sei. Doch die Kraft des Bildes kann man nur schwer übersehen: „Earthrise“ zeigt die Erde in all ihrer verletzlichen Schönheit und Fragilität. Ein bunter Ball, der in einem schwarzen Nichts zu hängen scheint. „Ich habe immer den Begriff “ironisch” verwendet”, erzählt Anders im Interview mit der “Seattle Times”. „Wir sind den ganzen weiten Weg gereist, um den Mond zu erforschen. Und was wir tatsächlich entdeckt haben, war die Erde.“

Auch seine eigene Perspektive habe der Blick auf die Erde von oben zurechtgerückt, erzählte Anders in den Jahren nach seinem Mondflug. „Hier sind wir, auf einem unbedeutenden Planeten, der um einen nicht besonders bedeutenden Stern kreist, der einer von Milliarden Sternen in einer nicht besonders wichtigen Galaxie ist. Und das in einem Universum, in dem es Milliarden und Abermilliarden von Galaxien gibt. Sind wir Menschen wirklich so besonders? Ich glaube nicht.”

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare