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Ein Kahlschlag ohne Wiederbewaldung wäre der Worst Case für das Klima, umstritten ist Energie aus Holz aber auch sonst.

Biomasse

Von wegen klimafreundlich

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Holzpellets werden in Kraftwerken zur Strom- und Wärmegewinnung verbrannt: Doch die Energiegewinnung aus Holz kann so schädlich sein wie aus Kohle, Öl oder Gas.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand es schlecht um den Wald in Europa. Unmengen von Holz verschlangen all die Häuser und Schiffe und überall wurde Brennholz zum Kochen und Heizen gebraucht. Zeitzeugen berichten von „wüstenartigen Landschaften“ und willkürlich kahl geschlagenen Freiflächen – angeblich sollen in Deutschland nur noch zehn Prozent des heutigen Waldes gestanden haben. Wäre die Industrialisierung ausgeblieben, gäbe es heute vielleicht keinen Flecken Wald mehr: Nur durch den Einsatz von Kohle als neuem Energieträger konnte der Raubbau beendet werden. 

Rund 150 Jahre später muss Europa die Kohle wieder loswerden. Bis 2030 will die Europäische Union ihre Klimabilanz um 40 Prozent gegenüber 1990 verbessern und so einen gefährlichen Klimawandel verhindern. Dafür brauchen Industrie und Verbraucher die erneuerbaren Energien, die anders als Kohle, Öl und Gas keine Treibhausgase verursachen. Zumindest bei Sonne, Wind und Wasserkraft ist die Lage eindeutig: Diese Energiequellen sind sauber, also CO2-neutral. 

Streit um die Biomasse

Streit gibt es aber um die Biomasse, die derzeit mit zwei Dritteln den größten Anteil an den erneuerbaren Energien in der EU hat. Zur Biomasse zählt auch Holz, das nicht nur in Kaminen und Öfen verwendet, sondern auch industriell zu Holzpellets verarbeitet und in großen Kraftwerken zur Strom- und Wärmegewinnung verbrannt wird.  Bisher galt die Holzverbrennung als klimapolitisch vorbildlich. Schließlich wird dabei nur jenes CO2 freigesetzt, das der Baum vorher durch sein Wachstum gebunden – also der Atmosphäre entzogen – hat. Mit einer Reform der Erneuerbare-Energien-Richtlinie plant die EU-Kommission deshalb auch die Verwertung von Nutzholz zuzulassen – dann wäre auch das gezielte Anpflanzen und Verbrennen ganzer Wälder eine erwünschte Methode, um erneuerbare Energie zu produzieren. 

Doch nun stößt das Ansinnen bei Klimaforschern auf Widerstand. In einem flammenden Appell warnen viele von ihnen vor einem Freibrief für die Holzwirtschaft. Zwar sei das Verbrennen von Holzresten noch relativ effizient, das industrielle Verfeuern extra angelegter Wälder jedoch eine klimapolitische Katastrophe. Holz emittiere pro erzeugter Energieeinheit die gleiche Menge CO2 wie Kohle, rechnen die Klimaforscher vor, unter ihnen viele Leitautoren des letzten Weltklimaberichts. Holzpellets – bei deren Herstellung weitere Energie zum Verpressen benötigt wird – hätten am Ende sogar eine noch schlechtere CO2-Bilanz als Kohle. Bis 2050 könnte durch das Abholzen von Wäldern doppelt so viel CO2 ausgestoßen werden wie durch fossile Energien, so das vernichtende Resümee. 

Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages sieht die Klimabilanz von Holz nicht ganz so schwarz. Bei der Verbrennung von Holz-Pellets entstehe zwar genauso viel CO2 wie bei der Verfeuerung von Kohle oder Erdöl, jedoch kämen die meisten Pflanzen in der Treibhausgasbilanz auf plus/minus null, da das gespeicherte CO2 auch beim natürlichen Verfaulungsprozess etwa im Wald wieder in die Atmosphäre entweiche. 

Es komme immer darauf an, unter welchen Bedingungen das Holz gewonnen und verbrannt wird, sagt Andreas Bolte vom Thünen-Institut für Waldökosysteme. „Wenn wir von einem Kahlschlag ohne Wiederbewaldung ausgehen, ist diese Art der Holzverwertung natürlich klimaschädlich“, so Bolte. Bei der verbreiteten Praxis der Holznutzung, nur einzelne Bäume zu entnehmen, könne der Wald den Holzverlust jedoch in wenigen Jahren ausgleichen. In dem Fall sei die Verbrennung von Holz anstelle von Kohle sehr wohl klimaschonend, denn Holz könne sich im Gegensatz zu Kohle erneuern. Natürlich abgestorbene Äste und Stämme würden sich im Wald schließlich zersetzen und das gespeicherte CO2 wieder in die Atmosphäre abgeben.

Dennoch hält der Waldexperte die Kritik der Klimaforscher grundsätzlich für richtig. „In Deutschland wird ein Drittel des genutzten Holzes verbrannt – Tendenz steigend.“ Das sei nicht nachhaltig. In Europa litten vor allem naturnahe Wälder etwa in Rumänien und Bulgarien unter dem steigenden Brennholzhunger.

Auch die Waldbewirtschaftung halten einige Forscher für einen Klimakiller: Der Ersatz von Laubbäumen durch schnell wachsende Nadelbäume habe in den vergangenen 250 Jahren zur Klimaerwärmung beigetragen, so eine Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und anderer Einrichtungen. „Man muss aber immer sehr genau schauen, wie ein Wald bewirtschaftet wird, und darf nicht pauschal urteilen“, betont Andreas Bolte vom Thünen-Institut.

Widerstand im Europaparlament

Über den Vorschlag der EU-Kommission, auch Holz als Energieträger zu nutzen, soll nächste Woche das Europaparlament abstimmen. Auch dort gibt es Widerstand – darunter von den Grünen. „Bäume zu verbrennen, um Strom zu erzeugen, ist Nonsens, weil es bessere Alternativen gibt wie Wind- und Solarenergie“, sagt der luxemburgische Europaabgeordnete Claude Turmes. Er plädiert dafür, nur Biomasse aus Abfällen und Rückständen zu nutzen. „Rundholz und Baumstümpfe sollten ausgeschlossen werden.“ 

Weniger besorgt ist der Bundesverband der deutschen Säge- und Holzindustrie: „Jedes Jahr wächst mehr Holz nach, als genutzt wird, und vergrößert somit unsere Vorräte“, erklärt Geschäftsführer Lars Schmidt. Allerdings warnt auch der Verband vor der sofortigen energetischen Nutzung von Holz, das vorher noch für Möbel oder Gebäude verwendet werden könnte: Es gehe um eine größtmögliche Nutzung der „wertvollen Ressource“. Verbrennen, das sagt auch die Holzindustrie, ist nur am „Lebensende“ des Holzes nachhaltig – nachdem es aus dem Wald zum Sägewerk gebracht und als Küchentisch 30 Jahre lang seinen Dienst geleitet hat. 

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