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Watt in der Krise

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Ein Austernfischer sucht nach Nahrung im Watt, das vielen Vögeln das Überleben sichert.
Ein Austernfischer sucht nach Nahrung im Watt, das vielen Vögeln das Überleben sichert. © Getty Images/imageBROKER RF

Die Nordseeküste bietet Lebensraum für mehr als 10 000 Arten. Der Klimawandel bringt das System aus dem Gleichgewicht. Von Hanna Mertens.

Austern gelten als Delikatesse. 1985 wurde die Pazifische Auster in Aquakultur nach Deutschland eingeführt und kultiviert. Sie konnte jedoch entkommen und wird seit dem Jahr 2000 vermehrt im Wattenmeer nachgewiesen. Die Pazifische Auster ist damit eine prominente Gewinnerin der Klimakrise. Wegen der Erwärmung des Wattenmeers überlebt sie und hält sich in ihrem neuen Zuhause, während alte heimische Arten schwinden – und das Wattenmeer insgesamt besonders stark unter dem Klimawandel leidet.

Das Wattenmeer ist ein weltweit einmaliges Großökosystem mit globaler Bedeutung. Es ist gekennzeichnet durch Biotope und Arten, die an extreme Bedingungen angepasst sind. Von Dänemark bis zu den Niederlanden erstreckt sich das Wattenmeer über mehr als 13 500 Quadratkilometer. Rund 10 000 Arten leben hier, von einzelligen Organismen über Algen, Muscheln und Würmern, verschiedensten mikro- und makroskopische Pflanzenarten bis hin zu Robben und Schweinswalen.

1985 wurde das schleswig-holsteinische Wattenmeer zum Nationalpark erklärt, Niedersachsen, Hamburg, die Niederlande und Dänemark folgten. Wegen der weitgehend erhaltenen ökologischen und geologischen Prozesse und der herausragenden Bedeutung für die weltweite Biodiversität wurde es außerdem als Unesco-Weltnaturerbe ausgezeichnet. Doch inzwischen ist ein Drittel der Weltnaturerbe-Stätten in besonders hohem Maße durch die Erderwärmung bedroht. Auch das Wattenmeer zählt dazu.

Ein besonderes Merkmal des Tidebereichs ist seine hohe biologische Produktivität. Zu den charakteristischen biologischen Merkmalen der Gezeitenzone gehören Muschelbänke, Riffe und Seegraswiesen, benthische und pelagische Mikroalgen sowie Plankton. Das Nahrungsgeflecht ist eng geknüpft: Mikroskopisch kleine Algen auf der Sedimentoberfläche werden von kleinen Schnecken abgeweidet, die ihrerseits wieder von Krebsen, Garnelen und Fischen gefressen werden und zuletzt den Zugvögeln auf ihrer langen Reise als „Treibstoff“ dienen. Über zehn Millionen Brut- und Zugvögeln sichert das Watt als Nahrungs-, Mauser- und Rastgebiet das Überleben.

Die Dichte und Diversität der Wattfauna sowie das organische Trockengewicht der Biomasse je Quadratmeter liegen rund zehn- bis zwanzigmal höher als in anderen maritimen Ökosystemen. Dazu kommt, dass diese Biomasse für Konsumenten leicht zu erreichen ist. Die Klimakrise stellt dieses einzigartige Ökosystem in vielfacher Hinsicht vor große Herausforderungen. Steigt der Meeresspiegel, sind nicht nur die Sicherheit und das Überleben der hier lebenden Menschen durch Sturmfluten, Arbeitsplatzverlust und ausbleibende Urlauber:innen bedroht. Auch die für den Klimaschutz besonders wichtigen Salzwiesen geraten zunehmend unter Druck.

Artenreiche Salzwiesen werden regelmäßig vom Salzwasser überschwemmt und bieten Lebensraum für hoch spezialisierte Tiere und Pflanzen. Bei Sturmfluten schützen sie Küste und Deiche, indem sie heranrollende Wellen dämpfen.

Nicht zuletzt dienen sie als Kohlendioxid-Speicher. „Die CO2-Speicherkapazität der Salzwiesen ist vergleichbar mit der von Mooren“, sagt Vera Knoke, Referatsleiterin für Meeresschutz im Kieler Umweltministerium. Zum Vergleich: Moore speichern mehr Kohlenstoff als jedes andere Ökosystem der Welt, pro Hektar etwa sechsmal so viel wie ein Wald. Der Erhalt von Salzwiesen trägt somit erheblich zum Klimaschutz bei. Bei steigendem Meeresspiegel könnten sie jedoch dauerhaft verschwinden.

Die Klimakrise führt außerdem zu einer Verschiebung im Lebenszyklus einzelner Arten. So kann die globale Synchronisierung von Zugbewegungen wandernder Vogelarten mit der Verfügbarkeit von Nahrung durcheinandergeraten. Der Knutt beispielsweise, ein Wattvogel, der im Wattenmeer einen Zwischenstopp auf seiner Reise einlegt, ernährt seine Küken in den arktischen Brutgebieten mit kleinen Insekten. Doch deren Hauptlebenszeit hat sich vorverschoben. Die schlecht ernährten Jungvögel entwickeln kürzere Schnäbel, was ihnen im Wattenmeer und im afrikanischen Winterquartier zum Nachteil wird, wenn sie nach Bodenlebewesen stochern.

Um die Folgen der Klimakrise abzuschwächen, wird versucht, die wegen des Meeresspiegelanstiegs fehlenden Sedimente durch Einspülung auszugleichen. So sollen die Gebiete mit dem Meeresspiegelanstieg quasi mitwachsen. Nach heutigen Erkenntnissen ist der Import von natürlichen Sedimenten in das Wattenmeer eine vorübergehende Anpassungsmöglichkeit. Die Schwierigkeit dabei ist, dass das neu aufgebrachte Sediment die jetzige Wattoberfläche abdeckt und in ihrer Funktion einschränkt. Unklar bleibt, wo die Grenzen für die natürliche Anpassungsfähigkeit sind und welche Folgen ein Überschreiten dieser Grenzen für die Ziele des Naturschutzes und des Küstenschutzes hätte.

Insgesamt sind die Auswirkungen auf ökosystemarer Ebene noch nicht genau abzuschätzen. Sicher ist, dass sich die Klimakrise und ein erheblich angestiegener Meeresspiegel ernstlich auf die Struktur, das Wirkungsgefüge und die charakteristische biologische Vielfalt des Ökosystems Wattenmeer auswirken.

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