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Warum Rauchen nicht immer zu Lungenkrebs führt

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Von: Pamela Dörhöfer

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Gehört zu den Raucher:innen, die ein hohes Alter erreicht haben: Altkanzler Helmut Schmidt (SPD).
Gehört zu den Raucher:innen, die ein hohes Alter erreicht haben: Altkanzler Helmut Schmidt (SPD). © Jozef Kudica/dpa

Die Studie des Albert Einstein College hat ergeben, dass einige Raucher:innen besser als andere vor den schädlichen Auswirkungen geschützt sind.

New York – Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist so ein Beispiel: Der passionierte Raucher wurde 96 Jahre alt, obwohl er kaum eine Minute von der Zigarette lassen konnte. Auch sein Vater, der es sogar auf 101 Jahre brachte, sollte bis zuletzt ein starker Raucher gewesen sein. Keine Frage: Kaum ein Lebensstil-Faktor ist so schädlich für die Gesundheit wie Rauchen, sei es im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sei es im Hinblick auf Krebs und andere Leiden. Gleichwohl wird darüber spekuliert, ob manche Menschen aufgrund ihrer persönlichen Disposition vor den schädlichen Auswirkungen besser geschützt sind als andere.

Eine aktuelle, im Fachmagazin „Nature Genetics“ veröffentlichte Studie nährt diesen Verdacht. Verfasst wurde sie von Forschenden des Albert Einstein College of Medicine New York. Ihre Untersuchungen legen nahe, dass einige Raucherinnen und Raucher über „robuste Mechanismen“ verfügen könnten, die Mutationen in ihren Zellen durch die inhalierten Schadstoffe begrenzen und sie damit vor Lungenkrebs schützen, wie es in einer Mitteilung der privaten Hochschule New York heißt. Die Ergebnisse der Studie könnten nach Ansicht des Forschungsteams dazu beitragen, jene Menschen zu identifizieren, die durch das Rauchen einem besonders hohen Risiko für Lungenkrebs ausgesetzt sind – und diese dann engmaschig gesundheitlich zu überwachen (wenn sie es denn nicht schaffen, sich das Rauchen abzugewöhnen).

Forschende untersuchen Nichtrauchende und Rauchende mit bis zu „116 Packungsjahren“

„Das könnte sich als wichtiger Schritt zur Prävention und Früherkennung des Lungenkrebsrisikos erweisen, weg von den Herkulesbemühungen, die zur Bekämpfung von Krankheiten im Spätstadium erforderlich sind, wo das meiste Elend zu sehen ist und die meisten Kosten für das Gesundheitssystem entstehen“, wird Studienautor Simon Spivack, Professor für Medizin, Epidemiologie, Bevölkerungsgesundheit und Genetik, zitiert.

Seit langer Zeit vermute man, dass Rauchen zu Lungenkrebs führt, indem es DNA-Mutationen in normalen Lungenzellen auslöst, sagt der Genetiker Jan Vijg, ein weiterer Studienautor. Bislang aber habe man diese Annahme nie beweisen können, „da es keine Möglichkeit gab, Mutationen in normalen Zellen genau zu quantifizieren“. Vijg selbst hat 2017 eine verbesserte Methode mit Namen „Single-Cell Multiple Displacement Amplification“ zur Sequenzierung der gesamten Genome einzelner Zellen entwickelt.

Das Forschungsteam des Albert Einstein College verwendete dieses Verfahren für seine Untersuchungen von Lungen-Epithelzellen bei Menschen zwischen elf und 86 Jahren, die nie in ihrem Leben geraucht haben, und Menschen zwischen 44 und 81 Jahren, die es auf „maximal 116 Packungsjahre“ brachten. Zur Erklärung: Ein Packungsjahr entspricht einer Packung Zigaretten, die ein Jahr lang pro Tag geraucht wird. Gesammelt wurden die Zellen bei Patientinnen und Patienten, die sich einer Bronchoskopie unterzogen (bei der aber kein Krebsverdacht im Raum stand).

Studie weist auf effektive DNA-Reparatur bei gesunden Raucher:innen hin

Epithelzellen gehören zu den Zelltypen, die bei Lungenkrebs besonders häufig betroffen sind. Die Forschenden fanden heraus, dass sich genetische Veränderungen zwar auch in den Lungenzellen von Menschen fanden, die nie geraucht hatten, aber die Lungenzellen von Raucherinnen und Rauchern erwartungsgemäß deutlich mehr Mutationen aufwiesen. Nach Angaben von Studienautor Simon Spivack erkranken etwa zehn bis 20 Prozent der „lebenslangen Raucher“ an Lungenkrebs. Die Untersuchung des Forschungsteams ergab, dass die Anzahl der Zellmutationen linear mit der Zahl der Packungsjahre stieg – und damit sehr wahrscheinlich auch das Risiko für Lungenkrebs. Allerdings machten die Forschenden die überraschende, scheinbar nicht dazu passende Beobachtung, dass die Teilnehmenden, die am längsten und stärksten rauchten, nicht die höchste Mutationslast hatten.

„Unsere Daten deuten darauf hin, dass diese Menschen trotz ihres starken Rauchens so lange überlebt haben könnten, weil sie es geschafft haben, eine weitere Anhäufung von Mutationen zu unterdrücken“, sagt Simon Spivack. Dieses Phänomen könne darauf zurückzuführen sein, dass die Betroffenen „sehr kompetente Systeme zur Reparatur von DNA-Schäden oder zur Entgiftung von Zigarettenrauch haben“. Die Forschenden wollen nun Methoden entwickeln, um solche Fähigkeiten bei Menschen messen zu können. Das, so Jan Vijg, könne neue Möglichkeiten eröffnen, das individuelle Risiko für Lungenkrebs besser zu beurteilen. (Pamela Dörhöfer)

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