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Im Erdorbit tummeln sich rund 4500 Satelliten ? und es werden ständig mehr. Die Kollisionsgefahr wächst.

Raumfahrt

Esa warnt vor Gefahren aus dem All

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Die europäische Weltraumorganisation Esa fordert mehr Mittel für das Thema Sicherheit. Welche sind die größten Bedrohungen?

Schon vor 50 Jahren beschrieben die Astronauten der ersten Apollo-Missionen, wie verletzlich die Erde als Oase des Lebens im dunklen All auf sie wirkte. Viele Raumfahrer nach ihnen haben diesen Eindruck bestätigt. Unser Heimatplanet ist mannigfaltigen Gefahren ausgesetzt, nicht nur durch Katastrophen, die sich auf seiner Oberfläche ereignen, sondern auch durch Gefahren aus dem All – hier wie dort verursachen die Menschen einen Teil davon selbst.

Ungemach droht der Erde aus den unendlichen Weiten ebenso wie aus dem eigenen Orbit. Asteroiden könnten zu uns unterwegs sein und bei einem Einschlag verheerende Schäden anrichten. Sonnenstürme könnten Flugverkehr und Stromnetze beeinflussen. Und angesichts des immer dichter werdenden Getümmels in der Umlaufbahn könnten Satelliten miteinander kollidieren; mit den unterschiedlichsten Auswirkungen für das alltägliche Leben auf der Erde.

Bei der europäischen Weltraumorganisation Esa will man deshalb in Zukunft das Thema Sicherheit und Schutz für unseren Planeten noch stärker in den Fokus rücken. Generaldirektor Jan Wörner wird zu diesem Zweck bei der Ministerratskonferenz der Esa-Mitgliedsstaaten im November für das Programm „Space Safety and Security“ finanzielle Mittel in Höhe von rund 200 Millionen Euro beantragen, sagte Rolf Densing, der Leiter des Esa-Satellitenkontrollzentrums Esoc in Darmstadt, bei einer Pressekonferenz zum Jahresauftakt am Donnerstag.

Der Bereich „Space Safety and Security“ ist im Esoc angesiedelt, für das die beantragten 200 Millionen Euro nahezu eine Verdoppelung des Etats darstellen würden. Das Jahresbudget des Esoc liegt bei 215 Millionen Euro, das der gesamten Esa bei 5,75 Milliarden Euro. „Das würde ein gewaltiges Potenzial für unser Zentrum in Darmstadt bieten“, betonte Densing.

Bereits ein Bruchstück könnte reichen

Gut investiertes Geld, wie er findet. Vor 65 Millionen Jahren führte der Einschlag eines Asteroiden vermutlich zum Aussterben der Dinosaurier. Es muss nicht gleich ein solches Horrorszenario sein, aber bereits ein Bruchstück eines Himmelskörpers könnte auf der Erde Furchtbares anrichten: So würde das Auftreffen eines Gesteinsbrockens von nur zehn Metern Durchmesser die fünffache Energie einer Hiroshima-Bombe entfalten, veranschaulichte Densing. Bei 500 Metern Durchmesser könnte Europa verwüstet werden, bei einem Kilometer Durchmesser gäbe es Millionen Tote, zehn Kilometer Durchmesser würden zum Ende der Menschheit führen.

Möglicherweise herannahende Asteroiden früher zu erkennen, das ist auch die Aufgabe des Flyeye-Teleskops (Fliegenaugen-Teleskops) der Esa, das in diesem Jahr in Betrieb gehen soll. Es steht auf einem Berg in Sizilien, in einem Naturschutzgebiet, wo es keine störenden Einflüsse durch künstliches Licht gibt.

Doch das frühzeitige Entdecken reicht nicht aus, wenn man außerstande ist, die herannahende Katastrophe abzufangen. „Wir müssen reagieren können“, sagt der Leiter des Esoc. Deshalb plant die Esa gemeinsam mit der US-Weltraumagentur Nasa eine Demonstrationssmission mit Namen „Hera“ zum Doppelasteroidensystem Didymos, um die Abwehr eines solchen Himmelskörpers zu üben. Densing drückte die Arbeitsteilung salopp aus: „Die Amerikaner werden schießen, Europa übernimmt die wissenschaftliche Auswertung.“

Ebenfalls als europäisch-amerikanische Kooperation ist die Mission „LS“ geplant. Hier geht es um die bessere Warnung vor Sonnenstürmen. Esa und Nasa wollen dabei je einen Satelliten zu verschiedenen Stellen zwischen Sonne und Erde, sogenannten Lagrange-Punkten, schicken. Sonnenstürme könnten unter anderem dazu führen, dass Teile des Stromnetzes ausfallen, dass Navigationssysteme oder andere Satelliten nicht mehr richtig funktionieren.

Esa: Auch Satelliten sind eine Gefahr

Doch auch von Satelliten selbst gehen solche Gefahren aus. Denn es kreisen immer mehr im Orbit, das Risiko von Kollisionen steigt. Derzeit drehen rund 4500 ihre Bahnen, nur noch 1500 davon sind in Betrieb; der Rest sei „Sperrmüll“, sagt Paolo Ferri, Leiter des Missionsbetriebs bei der Esa. In naher Zukunft dürfte sich die Zahl der Satelliten vervielfachen, auf zehntausende, sagt Ferri. Der Grund sind ganze Satellitenschwärme, die von kommerziellen Betreibern ins All geschossen werden, damit jeder Winkel der Erde mit Internet abgedeckt ist. Bislang, so Ferri, gebe es keinerlei verbindliche Regulierung.

Schon winzige Splitter können bei einer Kollision schwere Schäden anrichten, wie ein Selfie des Erdbeobachtungssatelliten Sentinel 1 der Esa belegt, nachdem ein sechs-Millimeter großes Teilchens gegen eines der Solarpaneele geprallt war. „Wäre es im Bordcomputer eingeschlagen, wäre es das Ende der Mission gewesen“, sagt Densing. Die Esa ruft die Industrie deshalb auf, Vorschläge zu machen, wie ausgediente Satelliten zur Erde zurückgeholt werden können. Die Weltraumorganisation würde dafür eine Anschubfinanzierung leisten. Bei einem Internationalen Kongress im Esoc sollen sich in der nächsten Woche Experten zum Thema Weltraumsicherheit austauschen.

Eine neue Mission wird die Esa in diesem Jahr nicht ins All schicken. „BepiColombo“ ist nach dem Start im Oktober 2018 auf dem Weg zur Merkur – hat den Mitarbeitern im Kontrollzentrum nach Weihnachten allerdings einige Schreckmomente beschert, als sich Motoren automatisch abschalteten, wie Paolo Ferri erzählt. Jetzt laufe aber wieder alles nach Plan.

Vorbereitet wird zudem der für 2020 vorgesehen Start des ExoMars-Rovers, der auf dem Mars landen soll, seit Oktober 2016 kreist dort im Orbit bereits die ExoMars-Sonde. Das Landetestgerät Schiaparelli stürzte damals über der Oberfläche ab. Aber man habe so viel davon gelernt, dass man zuversichtlich sei, dass mit dem Rover nun alles gut gehen werde, erklärte Rolf Densing. Das gleiche Zeitfenster für einen Start zum Mars wollen 2020 auch die Chinesen nutzen und ebenfalls eine Sonde zum Roten Planeten schicken.

China sorgte jüngst für Schlagzeilen, als die Sonde „Chang’e 4“ auf der Rückseite des Mondes landete. 2019 soll sich „Chang’e 5“ auf den Weg zum Erdtrabanten machen, um dort Proben zu sammeln, die dann zurück zur Erde gebracht werden. Was das mit der Esa zu tun hat? Wie schon bei früheren „Chang’e“-Missionen gebe es eine Kooperation zwischen China und Europa, sagte Rolf Densing. Chang’e 5 wird die Bodenstationen der Esa nutzen.

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