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Waren wichtige Studien zu Alzheimer gefälscht?

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Von: Pamela Dörhöfer

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Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz. Getty
Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz. © Getty Images/Westend61

Das Wissenschaftsmagazin „Science“ erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Forscher der Minnesota University

Alzheimer, wenn auch durch Corona als Thema etwas in den Hintergrund gerückt, zählt zu den großen Herausforderungen für die Gesundheitssysteme weltweit. Bislang jedoch sind die Fortschritte bei der Entwicklung von Medikamenten übersichtlich: Immer noch gibt es keine überzeugende Therapie, und auch die Ursachen dieser häufigsten Form der Demenz sind längst nicht in Gänze geklärt.

Ein Wissenschaftsskandal könnte die Forschung nun erheblich zurückwerfen und etliche Ansätze, auch zur Entwicklung neuer Medikamente, obsolet werden lassen. Wie das Fachmagazin „Science“ in einem auf sechsmonatiger Recherche basierenden Artikel schreibt, soll der französische Biochemiker Sylvain Lesné mehrere Studien zur Entstehung von Alzheimer gefälscht haben.

Das Hauptaugenmerk liegt auf einer als bahnbrechend geltenden Publikation im Fachmagazin „Nature“ aus dem Jahr 2006, die rund 2300 Mal in der wissenschaftlichen Literatur zitiert und zur Grundlage weiterer Forschung wurde. Lesné, der seit 2002 an der University of Minnesota arbeitet, ist Hauptautor der Studie, die vor der Veröffentlichung unabhängig von anderen Fachleuten begutachtet wurde.

Die Ergebnisse der „Science“-Recherche werfen Fragen auf, wie zuverlässig diese „Peer Review“-Praxis ist, wie gut Kontrollmechanismen in der Forschung funktionieren, ob es in der Wissenschaftsgemeinde generell Hemmungen gibt, die Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen offen in Frage zu stellen und wie groß möglicherweise der Druck ist, publizieren und Ergebnisse präsentieren zu müssen. Wobei man über Lesnés Motive nur spekulieren kann, da er sich bislang nicht geäußert hat.

Im Fokus der Studie – und der Vorwürfe des „Science“-Teams – steht ein Molekül namens Abeta*56, abgekürzt Aß*56. Laut Lesné soll es sich um einen Subtyp des Proteins Amyloid-Beta (oder auch Beta-Amyloid) handeln. Eine dominierende Hypothese zur Entstehung von Alzheimer lautet seit mehr als 20 Jahren, dass Fragmente von Amyloid-Beta verklumpen, sich zwischen den Nervenzellen ablagern und dort Plaques bilden, die zum Abbau geistiger Fähigkeiten führen.

Die Krankheit

Morbus Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz und mit einem bislang nicht reversiblen Verlust von Nervenzellen im Gehirn verbunden. Weltweit leiden Schätzungen zufolge rund 33 Millionen Menschen an Alzheimer, in Deutschland etwa 1,5 Millionen.

Heilen lässt sich Alzheimer trotz intensiver Forschung bis heute nicht. Es gibt kein Medikament, das die Veränderungen im Gehirn aufhalten oder rückgängig machen könnte. Bei manchen Menschen lassen sich mit Mitteln aus der Gruppe der Antidementiva und Antidepressiva sowie mit nicht-medikamtentösen Therapien aber die Abbauprozesse zumindest etwas verzögern und die Symptome mildern.

Vorbeugen kann man in gewissem Maße, indem man vor allem den Geist stetig fordert, soziale Kontakte pflegt und sich auch ausreichend bewegt.

Das größte Risiko stellt das Alter dar, auch der Lebensstil nimmt Einfluss. Nach heutigem Stand sind höchstens fünf Prozent der Alzheimer-Erkrankungen erblich bedingt. pam

Ein weiterer Faktor sollen verdrehte längliche Fasern eines anderen Proteins namens Tau sein. Auch wenn die Plaques in Gehirnen von Alzheimer-Kranken nachgewiesen wurden, so sind die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Prozessen bis heute nicht richtig verstanden.

Was das von Lesné beschriebene Abeta*56 angeht, so gibt es nun Zweifel, ob dieses Molekül im menschlichen Gehirn überhaupt existiert. Wie „Science“ schreibt, sieht es danach aus, dass der Biochemiker mehrere Abbildungen, die seine These belegen sollten, so manipuliert hat, dass sie das Vorhandensein von Abeta*56 vortäuschen – etwa so, als würde man per Fotomontage etwas in ein Bild einfügen. Mehr als 20 Veröffentlichungen Lesnés sollen laut „Science“ diese gefälschten Abbildungen enthalten.

In der als besonders bedeutsam gewerteten Studie behauptet Lesné zu zeigen, dass Abeta*56 bei Ratten Demenz verursacht. Das wurde damals in der Fachwelt als Durchbruch und Beleg für die Richtigkeit der Amyloid-Beta-Hypothese gefeiert. Nicht einmal zwei Wochen nach der Veröffentlichung erhielt Lesné den renommierten Potamkin-Preis für Neurowissenschaften. Nobelpreisträger Thomas Südhof von der Stanford University sagte gegenüber „Science“, dass Lesnés Arbeit der Amyloid-Hypothese einen „wichtigen Schub“ gab zu einer Zeit, als die Forschung begann, ihre Aufmerksamkeit auf etwas zu anders zu richten. Große Summen sollen anschließend in die amyloidbezogene Alzheimer-Forschung geflossen sein.

Auch viele Ansätze zur Entwicklung von Therapien konzentrierten sich auf Substanzen, die sich gegen Amyloid-Beta richten; allerdings waren dafür nicht allein Studien um das Molekül Abeta*56 ausschlaggebend. Bislang war keines dieser Medikamente in der Lage, die Krankheit aufzuhalten.

Offenbar haben bereits vor dem „Science“-Artikel einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Ergebnissen von Lesnés Forschung gezweifelt. So suchte ein Havard-Forscher in menschlichen Geweben nach Abeta*56; ohne Erfolg. Andere versuchten vergeblich, die Ergebnisse aus Lesnés Studie zu wiederholen. Auch fand der Neurowissenschaftler Matthew Schrag von der Vanderbilt University, der den Anstoß für den „Science“-Bericht gab, auf der Seite „PubPeer“ Postings, die die Echtheit von Abbildungen in Lesnés Studie in Frage stellten. „PubPeer“ ist ein Internetportal, wo mögliche Fehler in Publikationen gemeldet werden können. Konsequenzen hatte das nicht. Matthew Schrag nahm sich daraufhin das Werk Lesnés vor und fand in rund 20 Publikationen Hinweise auf Manipulationen.

Das Magazin „Nature“ fügte der Studie inzwischen die Warnung hinzu, die Redaktion sei auf Bedenken aufmerksam gemacht worden. Diese würden nun untersucht, eine redaktionelle Antwort folge so bald wie möglich. In der Zwischenzeit empfehle man, bei der Verwendung der Ergebnisse Vorsicht walten zu lassen.

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