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Ein Drittel der Fläche Deutschlands besteht aus Wald, hier ein Forst auf der Insel Rügen.

Gastbeitrag

Waldschutz geht uns alle an

Forstleute tragen keine Schuld am Zustand der Wälder – sie bemühen sich intensiv, die Folgen der Klimakatastrophe einzudämmen.

Anlässlich einer Berichterstattung über die Forderung des Bundes Deutscher Forstleute, für den unter Klimawandelfolgen massiv leidenden Wald einen mit fünf Milliarden Euro ausgestatteten „Marshallplan“ aufzulegen, hat die Frankfurter Rundschau ein Interview mit dem früheren Betriebsleiter eines norddeutschen Stadtwaldes, Lutz Fähser, geführt. Er vertritt darin die These, dass die derzeitigen Waldschäden, anders als in den 80er Jahren, nicht auf Luftschadstoffe und andere menschengemachte Emissionen zurückzuführen seien, sondern auf die „den Wald beschädigende“ Arbeit der Forstleute in Deutschland. Eine Art Kollektivschuldthese für einen ganzen Berufsstand.

Nun mag es vielleicht ein wenig fraglich erscheinen, ob ein seit zehn Jahren nicht mehr in Verantwortung stehender Forstpensionär wohl die berufene Adresse ist, um einen solch gravierenden Vorwurf abzugeben. Sich in dieser Weise öffentlich einzulassen, ist allerdings wohl in erster Linie eine Stilfrage, und steht insoweit außerhalb der Kritik. Anders verhält es sich mit den inhaltlichen Begründungen für die in dem Interview vertretene Weltsicht. Da gilt es, im Sinne des Waldes, einiges zurechtzurücken.

Um es ganz klar zu sagen: Selbstverständlich sind die derzeitigen überaus besorgniserregenden Waldschäden eine Folge der Belastung unserer Atmosphäre mit Emissionen – darin unterscheidet sich die Situation gerade nicht von derjenigen des „Waldsterbens“ der 80er Jahre. Nur ist die Dimension des Problems heute globaler, was die Sache so schwierig macht. Es sollte doch wohl inzwischen nicht mehr bestritten werden, dass die Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen der maßgebliche Auslöser des Klimawandels ist, der im vergangenen Jahrzehnt deutschlandweit zu Wetterextremen und 2018 zu erneuten Trockenheits- und Hitzerekorden geführt hat. Dies ist für die Wälder nicht ohne Folgen geblieben. Waldbrände, vertrocknete, von heftigen Winterstürmen umgeworfene, von Borkenkäfern und anderen Insekten befallene Bäume legen hiervon beredtes Zeugnis ab. Und selbstverständlich sind prinzipiell alle Wälder und Baumarten vom Klimastress betroffen.

Wer vor diesen Entwicklungen die Augen verschließt und den Forstleuten vergangener Zeiten – die, wohlgemerkt, vor dem Eintreten des Klimawandels ihre Entscheidungen treffen mussten – „Kunstfehler“ vorwirft, von denen „die Natur“ unsere Wälder nunmehr endlich „befreit“ habe, der hat offensichtlich etwas nicht verstanden. Schlimmer, er besorgt das Geschäft derjenigen, die noch immer den Klimawandel leugnen und glauben, dessen Folgen, aber auch dessen Ursachen von sich fernhalten zu können.

Natürlich tragen Forstleute eine ganz besondere Verantwortung für den Zustand unserer Wälder. Und aus dieser Verantwortung heraus artikulieren sie derzeit ihre große Sorge, etwa auch im politischen Raum. Zugleich bemühen sie sich intensiv darum, die Folgen der Klimakatastrophe für den Wald einzudämmen. Kunstfehler sind dabei ganz überwiegend nicht zu verzeichnen, wohl aber ist ein hohes Maß an Kunstfertigkeit bei diesem Tun gefragt. 

Es gibt nicht zu viele Nadelwälder

Forstleute und Waldbesitzer stehen in ganz Deutschland vor einer doppelten Aufgabe: Zum einen gilt es, die akuten Schäden zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass diese sich nicht noch weiter ausbreiten, etwa durch eine immer mehr um sich greifende Massenvermehrung von Borkenkäfern. Zum anderen müssen die Wälder, so gut es eben geht, auf die weiteren klimatischen Veränderungen, deren genaues Ausmaß wir noch nicht kennen, aktiv und behutsam vorbereitet werden. Die Entwicklung sich selbst zu überlassen, wäre hingegen höchst fahrlässig und würde vielerorts auf längere Sicht zu Waldverlusten führen.

Die waldbauliche Anpassung der Wälder an den Klimawandel ist in jedem Fall eine Herkulesaufgabe. Immerhin geht es um ein Drittel der Fläche Deutschlands, auf der nur einige tausend Akteure tätig sind, deren so wichtige Arbeit zudem ganz überwiegend aus den Erträgen der Waldbewirtschaftung selbst und nicht aus Steuermitteln finanziert wird.

Bei alledem ist zu bedenken: Ein Baumleben währt viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Waldumbau braucht also Zeit. Umgekehrt zeugen die Waldbilder von heute ihrerseits vom Wirken der Menschen in Zeiten, die schon recht lange zurückliegen. Es ist deshalb nicht angebracht, die Forstleute dafür zu tadeln, dass sie sozusagen unter Missachtung natürlicher Gesetzmäßigkeiten, Nadelbäume aus ihren optimalen Lebensräumen „verschleppt“ und andernorts angepflanzt hätten. Solche Vorhaltungen sind im Kern ahistorisch und taugen nicht als Begründung für die These von den „hausgemachten“ Waldschäden unserer Tage.

Nadelbaumreinbestände sind im Übrigen keineswegs die dominierende Erscheinungsform des deutschen Waldes, der ausweislich der jüngsten Bundeswaldinventur zu gut drei Vierteln aus Mischbeständen besteht. Wo es solche reinen Nadelbaumbestände noch gibt, sind sie zumeist das Ergebnis äußerer politischer Einwirkungen auf den Wald, etwa durch Kriegswirtschaft, sogenannte Reparationshiebe der Besatzungsmächte in der Nachkriegszeit oder planwirtschaftliche Direktiven in der ehemaligen DDR. Die hierbei entstandenen Kahlflächen ließen sich häufig nicht anders als mit gegenüber Freilandbedingungen unempfindlichen Nadelbäumen wieder in Waldkultur bringen.

Dass dies geschehen ist, sollte den Waldbesitzern und Forstleuten jener vergangenen Zeiten gedankt werden. Sie haben den Wald hierzulande bewahrt. Wie hingegen in vielen anderen Ländern der Erde – in Europa etwa im Mittelmeerraum – mit Entwaldungen und Übernutzungen umgegangen worden ist und vielerorts immer noch umgegangen wird, ist bekannt.

Die Wende im Wald braucht Zeit

Indessen gilt es, auch den heute aktiven Kolleginnen und Kollegen zu danken. Der Waldumbau hin zu klimastabileren und naturnahen Wäldern ist seit rund 30 Jahren in Deutschland überall Praxis. Eine nachhaltige naturnahe Waldwirtschaft, die auf Mischwälder setzt, Kahlschläge ausschließt, auf Pflanzenschutzmittel praktisch verzichtet, die Böden weder düngt noch flächig mit Maschinen befährt und die stets weniger Holz nutzt (also Bäume einschlägt) als im gleichen Zeitraum wieder nachwächst, hat hier Enormes bewirkt. Die periodischen Bundeswaldinventuren stellen diese Wirkungen eindrucksvoll unter Beweis: Die Wälder werden immer naturnäher, bestehen aus immer mehr Baumarten, haben immer mehr ältere und dickere Bäume, speichern immer mehr Kohlendioxid, werden von immer mehr einst verdrängten Tier- und Pflanzenarten besiedelt, weisen immer mehr Strukturvielfalt auf und so weiter. Wer sich davon nicht im Wald selbst überzeugen möchte, kann dies anhand der statistisch gesicherten und veröffentlichten Erhebungsdaten der Bundeswaldinventur leicht nachvollziehen.

Wenn in dem erwähnten Interview gefordert wird, dass wir mehr naturnahe Wälder benötigten, so heißt dies, die sprichwörtlichen „Eulen nach Athen“ zu tragen. Denn auf diesem Weg sind wir schon sehr weit vorangekommen. Was wir tatsächlich dringend brauchen, ist eine wirksame Klimaschutzpolitik. Weltweit.

Bis diese vielleicht und hoffentlich einmal Früchte trägt, kann allerdings im Wald nicht gewartet werden. So ist derzeit ein ganzer Berufsstand damit beschäftigt, unsere Wälder im Klimawandel zu stabilisieren. Die einzelnen Akteure: der Forstdienstleister, der Waldarbeiter, die Försterin, der Waldschutzberater und viele andere mehr leisten dabei eine sehr engagierte Arbeit, die sie oftmals an ihre physischen und auch an ihre psychischen Belastungsgrenzen führt. Sie haben es wahrlich nicht verdient, zu Sündenböcken und Prügelknaben gemacht zu werden.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch die jetzt handelnden Akteure bei dieser Arbeit Irrtümern unterliegen und Dinge tun werden, die sich vielleicht in vielen Jahrzehnten als unzweckmäßig erweisen könnten. Seit es Menschen gibt, unterlaufen ihnen immer wieder auch Fehler. Und seit es Menschen gibt, war die nähere Zukunft der globalen Lebensbedingungen auf diesem Planeten noch nie so ungewiss wie jetzt.

Denkt man beides zusammen: die Ungewissheit der Zukunft und die Irrtumsgeneigtheit menschlicher Entscheidungsfindungen, so kann das für die künftige Waldentwicklung in unserem Land nur heißen: Es muss ein breiter Diskurs von Wissenschaftlern, Praktikern, Politik und Zivilgesellschaft geführt werden, um die aus heutiger Sicht bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Die Forstleute stehen hierfür bereit.

Und auch die Zivilgesellschaft zeigt in vielfacher Weise ein willkommenes Engagement. So fanden die zum Tag des Waldes am 21. März überall im Land durchgeführten Baumpflanzaktionen mit Bürgerinnen und Bürgern eine durchweg große Resonanz. Besonders erfreulich war die rege Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an diesen Aktionen. Ebenso unterstützen übrigens auch viele Forstleute im Ruhestand ihre aktiven Kolleginnen und Kollegen, indem sie Mithilfe bei nun anstehenden praktischen Tätigkeiten anbieten.

Alle diese Menschen wollen im Wald selbst, abseits der medialen Wahrnehmung, etwas tun. So kann Hilfe für den bedrohten Wald auch aussehen.

Jens Jacob ist Vorsitzender der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Forst.

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