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Sonne genießen und Baumrinde schnuppern.

Wald im Wandel

Waldbaden mit allen Sinnen

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Regelmäßiges Flanieren unter Bäumen fördert die Gesundheit ? das machen sich auch Touristiker zunutze.

Wie der Wald auf den Menschen wirkt, ist bei den Dichtern nachzulesen. Für Franz Kafka hat der Wald eine mystische Aura. Er schrieb aus dem Böhmerwald an Max Brod: „Denn in den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“ In Märchen sind Wälder Orte des Schreckens, in denen Hexen und Wölfe lauern, doch wer seine Angst überwindet und sich in der Gefahr bewährt, tritt gereift aus dem Schatten der Bäume hervor. Auf der Suche nach neuen Marketingideen haben Touristiker längst auch die märchenhafte Seite des Waldes entdeckt. Die Tourismus-Gesellschaft des Main-Kinzig-Kreises wirbt mit dem „mystischen“ und „geheimnisvollen“ Spessart um Gäste, zumal die Brüder Grimm dort geboren und aufgewachsen sind.

Überhaupt ist der Wald einer umfassenden Vermarktung ausgesetzt. Statt biederer Trimm-Dich-Pfade locken Flow-Trails für Mountainbiker, Kletterwälder, Baumwipfelpfade und Baumhaushotels mit Abenteuern unter Bäumen.

Romantiker wie Joseph Freiherr von Eichendorff besangen den Wald als Ort der Sehnsucht und des Rückzugs von der Welt: „Da draußen, stets betrogen,/Saust die geschäft’ge Welt,/Schlag noch einmal die Bogen/Um mich, du grünes Zelt!“

An Eichendorffs Vision vom Wald als Gegenwelt und Ruhezone knüpft ein Trend an, der die gesundheitsfördernden Wirkungen des Waldspaziergangs mit wissenschaftlicher Expertise zu untermauern sucht. Von Waldtherapie ist da die Rede, meist unter Bezug auf das japanische Waldbaden. Damit ist das Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes gemeint, eine Art Wald-Wellness für Körper und Seele.

In Japan ist es als Stress-Management-Methode anerkannt, wird wissenschaftlich erforscht und vom Gesundheitswesen gefördert. Beim Waldbad geht es um Entschleunigung und sinnliche Erfahrung, um die Verbindung zur Natur: würzige Luft atmen, Blätterrascheln und Vogelgezwitscher lauschen, federnden Boden oder weiches Moos spüren, die unterschiedlichen Rinden der Bäume ertasten und im besten Fall Eichhörnchen oder Rehe beobachten. Ein Waldspaziergang in aller Gemütsruhe und mit wachen Sinnen soll auch medizinisch nachweisbare Effekte haben. Diverse Studien, vor allem aus Japan und Südkorea, belegen die stressreduzierende Wirkung. Im Blut zirkuliert nach einem Gang durch den Wald weniger Cortisol, ein Hormon, das unter Stress vermehrt ausgeschüttet wird.

Dass ein Waldspaziergang den Blutdruck senkt, die Lungenkapazität erweitert und die Elastizität der Arterien verbessert, konnten zum Beispiel koreanische Forscher der Yongsei-Universität in Seoul nachweisen. Sie schickten ältere Frauen zu einem Spaziergang: eine Gruppe in den Wald und eine andere durch die Stadt. Nach einer Stunde wurden sie untersucht: Die genannten positiven Effekte traten nur bei den Waldspaziererinnen auf, nicht aber bei den Stadtgängerinnen.

Heilsame Terpene

Was die Waldluft so gesund macht, ist ein Cocktail aus gasförmigen Substanzen, die Bäume absondern, um zu kommunizieren. Einem breiten Publikum hat der Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben von diesem „geheimen Leben der Bäume“, erzählt, so einer seiner Buchtitel. Duftstoffe, mit denen Bäume Krankheitserreger und Schädlinge bekämpfen, haben möglicherweise einen positiven Einfluss auf das menschliche Immunsystem, vermutet Wohlleben.

Der japanische Medizinprofessor Professor Quing Li von der Nippon Medical School in Tokio gilt als Pionier moderner Waldmedizin. Er konnte gemeinsam mit einem Forscherteam nachweisen, dass das Einatmen bestimmter von Bäumen produzierter Duftstoffe (Terpene) tatsächlich Anzahl und Aktivität natürlicher Killerzellen erhöht – und auch den Gehalt spezieller Proteine, die Antikrebszellen benötigen, um gegen Tumorzellen zu kämpfen. Unabhängig von der Waldmedizin haben Krebsforscher die Wirksamkeit von Terpenen gegen Krebs bestätigt.

Sicherlich reichen die Forschungsergebnisse längst nicht aus, um Waldspaziergänge als Heilmittel zu propagieren. Der österreichische Biologe und Autor Clemens G. Arvay wirbt aus evolutionsbiologischer Sicht eher für einen Perspektivwechsel: Beim Waldspaziergang, so seine Argumentation, produziert der Körper durch das Einatmen von Duftstoffen der Bäume nicht mehr Abwehrzellen als normal, vielmehr wird ein Defizit ausgeglichen, das durch die naturferne moderne Lebensweise entstanden ist. Weil der Mensch mehr zwischen Beton und Asphalt unterwegs ist als in den Wäldern, trägt er weniger Killerzellen in sich als es unter natürlichen Bedingungen der Fall wäre, so Arvay, und ist daher anfälliger für bestimmte Krankheiten geworden. 

Unbestritten ist, dass das Flanieren unter Bäumen Gesundheit und Wohlbefinden nachweisbar fördert und Heilungsprozesse unterstützen kann. Und das Waldbaden hat den unschlagbaren Vorteil, dass es kostenlos und ohne Nebenwirkungen zu haben ist.

Als Vorreiter waldtherapeutischer Vermarktung darf sich das Ostseebad Heringsdorf auf der Insel Usedom betrachten. Dort eröffnete im September 2017 „Europas erster Kur- & Heilwald“, so die Selbstauskunft des vom Bäderverband Mecklenburg-Vorpommern getragenen Projekts. Der Heringsdorfer Küstenwald wird als „besondere Naturapotheke“ beworben. Ganz im medizinischen Jargon ist die Rede von „Indikationen“ wie Krankheiten der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems, orthopädischen und psychosomatischen Erkrankungen, bei denen der Wald heilend wirken soll. Es gibt Rundwege unterschiedlicher Längen und Steigungen, Teilstücke sind für Blinde und Menschen, die schlecht laufen können, eingerichtet. Bewegungsstationen animieren zu körperlichen oder meditativen Übungen, ein Platz der Stille lädt zum Verweilen ein. Der Heilwald ist handyfreie Zone, nur Notrufe sind erlaubt. Der Wald als „Offlinegebiet“. Das zumindest würde Eichendorff gefallen.

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