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Was bedeutet die Wahl in Brasilien für den Regenwald?

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Von: Constantin Hoppe

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Regenwald Amazonas
Was geschieht nach der Wahl in Brasilien mit dem Amazonas-Regenwald? © Autumn Sonnichsen/dpa

Brasilien stimmt an diesem Wochenende über seinen Präsidenten ab. Die Wahl bestimmt auch die Zukunft des Regenwalds am Amazonas.

Brasilia – Der Amazonas-Regenwald gilt als eines der sogenannten Kippelemente, die das Weltklima aus dem Gleichgewicht bringen können. Forschende schätzen, dass für das Erreichen des Kipppunktes ein Verlust von 20 bis 25 Prozent der Wald-Decke im Amazonasbecken ausreichen könnten.

Gerade deshalb blicken Umwelt-Expert:innen weltweit auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien: seitdem der derzeit amtierende Präsident Jair Bolsonaro 2019 sein Amt antrat, erreichte die Abholzung des Regenwaldes einen Höchststand. Insgesamt stieg die Menge der Rodungen während Bolsonaros ersten drei Regierungsjahren um 11.339 Quadratkilometer an. Insgesamt wurden in den ersten drei Jahren der Regierungszeit Bolsonaros rund 34.000 Quadratkilometer Regenwald gerodet, das entspricht etwa der Fläche von Nordrhein-Westfalen.

Nun besteht die Hoffnung, dass eine mögliche Regierung unter dem Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva eine stringentere Umwelt- und Klimapolitik verfolgt und sich die Entwaldung in Brasilien wieder verlangsamt.

Wahl in Brasilien: Was geschieht mit der „grünen Lunge“ der Erde?

Der Amazonas Regenwald gilt als die „grüne Lunge“ der Erde. Mit 5,5 Millionen Quadratkilometern ist er der größte zusammenhängende Regenwald und damit größer als die gesamte EU. Bäume und Pflanzen des Regenwalds binden große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) aus der Luft und wandeln es in Sauerstoff und Biomasse um. Aktuelle Studien haben herausgefunden, dass der Amazonaswald eine oberirdische Biomasse von ungefähr 90 Milliarden Tonnen besitzt, wovon die Hälfte gebundener Kohlenstoff ist

Der Amazonas-Regenwald
Fläche:5.500.000 Quadratkilometer
Lage nach Ländern:Brasilien (60 Prozent), Peru (13 Prozent), Kolumbien (10 Prozent), sowie kleinere Teile in Venezuela, Ecuador, Bolivien, Guyana, Suriname und Französisch-Guyana.

„Die Abholzung von Wäldern in Brasilien, neben anderen waldreichen Ländern, ist die zweitgrößte Quelle für vom Menschen verursachte Treibhausgasemissionen nach der Nutzung fossiler Brennstoffe“, erklärt Dr. Rachael Garrett, Professorin für Umweltpolitik an der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ)*. „Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die von der Regierung Bolsonaro vorgenommenen politischen Änderungen zu einer beschleunigten Abholzung und Degradierung sowie zu zunehmender Gewalt und Menschenrechtsverletzungen im Amazonasgebiet geführt haben.“

Wahl in Brasilien: 20 Prozent des Amazonas-Regenwaldes sind komplett zerstört

Auf die Auswirkungen der Regenwald-Rodung auf das Weltklima macht auch Dr. Rico Fischer, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig aufmerksam: 20 Prozent des Amazonaswalds seien bereits vollständig zerstört, ein ebenso großer Teil geschädigt – „oft durch Brandrodung, bei der durch die Verbrennung von Waldbeständen große Mengen des klimaschädlichen Gases Kohlenstoffdioxid in die Luft gelangen“, erklärt der Wissenschaftler.

Waldbrände am Amazonas
Die Zahl der Waldbrände im Amazonas ist so hoch wie nie. © Chico Batata/dpa

Damit käme der Amazonas dem sogenannten Kipppunkt bereits bedenklich nahe: „Bereits bei einer Entwaldung von 20 bis 40 Prozent könnte ein Kipppunkt im Amazonas erreicht werden und die Waldschädigung sich selbst verstärken“, sagt Fischer. „Neueste Studien haben gezeigt, dass der Amazonas-Regenwald aufgrund der Abholzung keine große Kohlenstoffsenke mehr ist. Gebremst werden kann dieser Prozess nur, wenn die Entwaldung des Amazonas gestoppt wird.“

Wahl in Brasilien: Hoffnungen auf erweiterten Schutz der Wälder

Deshalb sei es nun wichtig, dass eine zukünftige Regierung strikte Maßnahmen gegen die Rodung des Regenwaldes erlasse – darin sind sich die Forschenden einig. Dabei besteht die Möglichkeit, an die umweltpolitischen Erfolge Brasiliens aus den Jahren 2004 und 2012 anzuschließen: Die damals erlassenen Gesetze sorgten für eine Reduzierung der Entwaldung um 84 Prozent.

„Eine neue Regierung könnte an die nach 2004 erzielten umweltpolitischen Erfolge anschließen, die ordnungsrechtlichen Umsetzungsstrukturen für den Waldschutz sowie die Rechte traditioneller Bevölkerungsgruppen wieder nachhaltig stärken“, erklärt Prof. Dr. Jan Börner, Professor für Ökonomik, nachhaltiger Landnutzung und Bioökonomie an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Jedoch sieht Börner für solche Schritte nur wenig Hoffnung: „Waldschutz wird allerdings auch nach einem Regierungswechsel anfangs sicher nicht zur obersten Priorität einer neuen Regierung gehören. Seit 2017 ist Brasiliens Wirtschaftsleistung rückläufig und die damit verbundene Armut und soziale Ungleichheiten drohen das Land weiter zu spalten.“

Umweltschutzexperten: Brasilien muss sich nach der Wahl wieder beim Klimaschutz einbringen

Trotzdem besteht Hoffnung für den Klimaschutz: „Für die internationale Klimapolitik und den Biodiversitätsschutz wäre es ein großer Gewinn, wenn Brasilien sich wieder proaktiv in die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsagenda einbringt“, sagt Börner. (con)

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