Humboldt-Professur

Wählerische Wunschkandidaten

Die Humboldt-Professur überzeugt, doch die Verhandlungen verlaufen zäh.

Von PAUL JANOSITZ

In der Spitzenliga zu spielen, Weltklasse zu sein, dieses sportliche Ziel gilt auch in der Wissenschaft. So möchten die deutschen Universitäten für die Besten ihrer Zunft attraktiv sein. Lange Zeit sah es so aus, als habe man gegenüber den Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien den Anschluss verloren. Um den "Brain Drain" zu stoppen und die Abgewanderten womöglich zurückzuholen, legten Bundesforschungsministerium und Förderorganisationen wie die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) attraktive Programme auf. So auch die Alexander von Humboldt-Professur, die mit einer auf fünf Jahre verteilten Fördersumme von maximal fünf Millionen Euro der bestdotierte deutsche Forschungspreis ist. 2008 wurden neun dieser Professuren an sieben Unis vergeben.

Die Verhandlungen mit den Preisträgern sind Sache der Hochschulen. Spätestens im Mai sollen die Verträge unter Dach und Fach sein. Doch gerade einmal sechs Preisträger des Jahres 2008 haben inzwischen den Ruf auf die Humboldt-Professur angenommen. Zwei weitere verhandeln noch und einer, Thomas Tuschl, gab der Freien Universität (FU) Berlin bereits einen Korb. Der 42-jährige Chemiker, der derzeit an der Rockefeller Universität in New York arbeitet, kritisierte die starre Haltung der Universitätsbürokratie, die zu wenig auf die speziellen Bedürfnisse von Eliteforschern eingehe. Ein herber Rückschlag für die Berliner Exzellenzuniversität.

Bis vor wenigen Tagen drohte der TU München (TUM) ein ähnlicher Fehlschlag. Der als Humboldt-Professor vorgesehene Bioinformatiker Burkhard Rost, seit zehn Jahren an der New Yorker Columbia-Universität, äußerte sich frustriert wegen der schwierigen Verhandlungen mit der Universität. "Wir, meine Frau und ich, sind bereit, es mit weniger als 55 Prozent unseres Nettoeinkommens in Deutschland zu versuchen", sagte der Physiker. Dennoch fühlte er sich lange von der TUM zu wenig unterstützt, so Rost. Letztlich sagte er doch zu.

Dies wirft ein Schlaglicht auf die unterschiedlichen Kulturen von amerikanischen Eliteuniversitäten einerseits und am öffentlichen Dienstrecht orientierten deutschen Hochschulen andererseits. Tuschls Absage gingen nicht nur Kontroversen um Ausstattung der Labore sowie um Bezahlung und Status der Mitarbeiter voraus. Auch die Art der Verhandlungsführung, die als bürokratisch empfundene Konfrontation mit einer zwölfköpfigen Kommission, störte den Forscher, der vielen als nobelpreiswürdig gilt.

Dabei möchte AvH-Präsident Helmut Schwarz mit der Humboldt-Professur gerade "Weltstars" gewinnen. Ob das gelingt, hängt, so Schwarz, auch von "weichen Faktoren" ab. Besonders wenn die Familie mitkomme, seien Hilfen bei der Suche nach Wohnung, Kindergarten oder Schule entscheidend, ebenso wie die Unterstützung für den Partner, etwa in beruflichen Fragen. Einige Unis bieten mittlerweile mit "Welcome Centern" allumfassende Betreuung ihrer internationalen Gäste. Die TU München hat zudem ein "Dual Career Office" eingerichtet. Dort will man sich um "Doppelkarrierepaare" kümmern, um Paare also, bei denen beide Partner hoch qualifiziert sind.

So schien alles bestens geregelt, als die TU München Mitte Oktober 2008 bekannt gab, Rost habe den Ruf als Ordinarius für Bioinformatik angenommen. Der 47-jährige Forscher lebt zwar gerne in New York, doch er schätzt auch Kultur und Wissenschaft in Europa. Die Humboldt-Professur machte einen Wechsel überlegenswert, zumal die TU München gleichzeitig eine Stelle für Rosts Frau, die französische Zellbiologin Karima Djabali, anbot.

"Rost kommt nach München." Diese Mitteilung der TU München war zunächst vorschnell. Er habe eingangs nur zugesagt unter der Voraussetzung, dass die Verhandlungen positiv verliefen, erklärt Rost. Der Physiker hat den größten Teil seines Forscherlebens im Ausland verbracht und ist schnelle Entscheidungen gewöhnt. "In den USA ist allein der Dekan für die Finanzen seiner Fakultät zuständig", sagt er. Der könne das Gehalt festsetzen und auch millionenschwere Unterstützung für Wohnung, Schule oder Hauskauf zusagen.

"Wir haben mit Hochdruck daran gearbeitet, Rost optimale Möglichkeiten zu bieten", erklärt Ulrich Marsch, Leiter der TUM-Pressestelle. Rost bekomme neben seiner "maximal ausgestatteten" Professur die Stellung eines Gast-Fellows am "Institute for Advanced Study" an der TUM. Dies verschaffe ihm weitere Arbeitsräume und zwei zusätzliche Stellen für Wissenschaftler. Für die sechsjährige Tochter sei ein Schulplatz gefunden, mehrere Wohnungsangebote seien vorgelegt worden. Für Rosts Frau sei eine Professorenstelle vorgesehen. "Wir sind jedoch kein rechtsfreier Raum", sagt Marsch. Nach deutschem Recht müssten Professorenstellen eben ausgeschrieben werden. Das koste Zeit. "Was wir bieten, mag im Vergleich zu Amerika noch immer wenig sein, für deutsche Verhältnisse ist es außergewöhnlich", so der TUM-Sprecher.

Die finanzielle Ausstattung der Humboldt-Professuren erscheint in der Tat attraktiv. Während der Förderphase können Humboldt-Professoren aus dem Preisgeld jährlich maximal 180000 Euro als persönliches Gehalt entnehmen. Die Uni kann diesen Betrag aus eigenen Mitteln aufstocken. Sie erhält 15 Prozent der Fördersumme als Verwaltungspauschale.

Als "mit ausländischen Auszeichnungen konkurrenzfähig" bezeichnet denn auch der 50-jährige Astrophysiker Norbert Langer die Humboldt-Professur, die ihn von der niederländischen Hochschule Utrecht an die Universität Bonn zieht. Auch der Quantenphysiker Martin Plenio sieht das Programm als "ausgezeichnet dotiert" an. So verhandelt der 40-Jährige, derzeit am Imperial College London, trotz eines Rufes ins altehrwürdige Cambridge mit der jungen Universität Ulm in der schwäbischen Provinz.

Ob er tatsächlich in Einsteins Geburtsstadt kommt, hat er noch nicht entschieden. Auch der Neurobiologe Tamas Horvath, derzeit an der amerikanischen Universität Yale, steckt noch in Verhandlungen. Er soll als Humboldt-Professor am Exzellenzcluster für Alternsforschung der Universität Köln arbeiten.

Bereits festgelegt hat sich Oliver Brock. Der 38-jährige Informatiker wird von der Universität von Massachusetts Amherst (USA), wo er das Labor für Robotik und Biologie leitet, an die TU Berlin zurückkehren. Brock hat sich mit der Erforschung künstlicher Intelligenz bei Robotern hervorgetan. Ebenfalls nach Berlin kommt der 36-jährige niederländische Festkörperphysiker Piet Brouwer. Er wechselt von der amerikanischen Cornell-Universität und soll an der FU das "Dahlem Center for Quantum Systems" aufbauen. Die Ausstattung der Humboldt-Professur sei attraktiv für Top-Wissenschaftler, sagt Brouwer. Er zeigte sich beeindruckt von der Qualität der physikalischen Forschung in Deutschland, die in hohem Maße international orientiert sei. Vorteile für die USA sieht Brouwer dagegen, wenn es um die Verwaltung geht. Insgesamt seien die "Bedingungen für Wissenschaftler in den USA (noch) sehr gut", sodass Forscher nur dann weggingen, wenn sie von der deutschen Lebensart angezogen würden.

Letzteres dürfte bei Ulrike Gaul nicht ausschlaggebend gewesen sein. Sie sieht sich als Kosmopolitin. Die schwäbische Entwicklungsbiologin ist seit 15 Jahren Professorin an der New Yorker Rockefeller-Universität. Als der Ruf an die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) kam, habe sie erstmal eine "Deutschlandtournee" durch 20 Institute gemacht. Die Strukturen seien "weniger hierarchisch, weniger bürokratisch und weniger rigide", als sie es von früher kannte.

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