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Reformpädagoge Hartmut von Hentig (l.) mit Richard von Weizsäcker im Jahr 1988.

Missbrauch an Odenwaldschule

Vorzeige-Pädagoge relativiert sexuellen Missbrauch

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Diskussion bei Erziehungskongress: Hartmut von Hentig war ein viel beachteter Reformpädagoge - und der Lebenspartner von Gerold Becker, dem Haupttäter beim Missbrauch an der hessischen Odenwaldschule.

Die deutsche Erziehungswissenschaft streitet weiter über ihre Versäumnisse im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und über den Umgang mit dem einstmals gefeierten, heute 92-jährigen Reformpädagogen Hartmut von Hentig. Er war der langjährige Lebenspartner von Gerold Becker, des Haupttäters beim massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der hessischen Odenwaldschule, und hatte sich nicht von Becker distanziert. Zugleich legte Hentig nahe, dass sich die Jugendlichen hätten wehren oder beschweren können, wenn sie nicht mit den sexuellen Handlungen der Erwachsenen einverstanden gewesen wären. 

Der Zwist überlagert den alle zwei Jahre stattfindenden, großen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), der am Sonntag in Essen begonnen hat. Der Streit entzündet sich an der Frage, ob es richtig war von der DGfE, Hentig den Ernst-Christian-Trapp-Preis abzuerkennen, einen Wissenschaftspreis für Pädagogen. Der Vorstand der DGfE hatte im Januar 2017 mit knapper Mehrheit von vier zu drei Stimmen entschieden, Hentig den im Jahr 1998 verliehenen Trapp-Preis zu entziehen. Seither trommeln Hentigs Unterstützer dafür, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Ursprünglich hatten die Veranstalter kein Podium zu diesem Thema geplant. Doch weil es in der Fachgesellschaft brodelte, wurde für den heutigen Montag eine Adhoc-Gruppe hinzugefügt, in der Unterstützer und Gegner des Preisentzugs miteinander diskutieren sollen. Die Runde ist hochrangig besetzt. Neben anderen nehmen der Vorsitzende der DGfE, Hans-Christoph Koller, und zwei weitere Vorstandsmitglieder auf dem Podium Platz. 

Das Thema der sexualisierten Gewalt und der Verantwortung der Erziehungswissenschaften für blinde Flecken in ihrer Wahrnehmung sollte ursprünglich nur am Dienstag aufgerufen werden, in einem Podium mit dem Titel „Disziplin und Fachgesellschaft – verstrickt in pädagogische Gewaltverhältnisse“. Auch um diese Veranstaltung gibt es Konflikte. Denn Opfer sexualisierter Gewalt hatten auf dem Podium mitreden wollen, wurden aber nicht dazu eingeladen. 

Organisator Fabian Kessl von der gastgebenden Universität Duisburg-Essen hält das im Nachhinein selbst für falsch. „Wenn wir so etwas nochmal konzipieren würden, würden wir das wohl anders machen“, sagte er der FR. Ende Januar, als das Programm bereits feststand, hatte der Vorstand der Gesellschaft ein Gespräch mit dem Betroffenenrat geführt, der beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig angesiedelt ist. 

Catharina Beuster und Alex Stern, die dem Betroffenenrat angehören und selbst Erziehungswissenschaftler sind, zeigen sich erschüttert über die Aktivitäten der Hentig-Freunde im Kreise der Fachgesellschaft. Eine „wütende Minderheit“ setze sich für Hentig ein, schreibt Stern in einer Stellungnahme. Hentig habe sich jedoch „wiederholt in einer Art und Weise über ehemalige Opfer sexualisierter Gewalt geäußert, die als beispielhaft für Victim Blaming gelten kann“. Victim Blaming ist der Fachbegriff dafür, die Opfer für Taten selbst verantwortlich zu machen. 

Auch seine Mitstreiterin Beuster urteilt: „Hartmut von Hentig MUSS der Preis für besondere pädagogische Leistungen aberkannt werden, da die Wissenschaft geklärt hat, dass ,kindgerechte Pädagogik‘ und Pädokriminalität sich ausschließen.“ Der Betroffenenrat fordert die DGfE dazu auf, eine unabhängige Aufarbeitung zu finanzieren, welche die Verstrickungen der Fachgesellschaft in den Blick nimmt. 

Hierin werden die Betroffenen von der Frankfurter Professorin Sabine Andresen unterstützt. Sie leitet die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die von Rörig berufen worden ist. In Essen wird sie bei der Diskussion über pädagogische Gewaltverhältnisse am Dienstag auf dem Podium sitzen.

„Betroffene haben sich in den vergangenen Jahren hart erkämpft, als Expertinnen und Experten gehört und beteiligt zu werden. Auch in der Erziehungswissenschaft muss es endlich zu einem intensiven Dialog mit Betroffenen kommen“, sagte Andresen der FR. Sie verteidigt auch die Aberkennung des Trapp-Preises. Und sie „hoffe sehr, dass die Mitglieder diese Entscheidung mittragen und jetzt keine Diskussion entfachen, die Betroffene erneut verletzen könnte“.

Doch nach der Vorgeschichte ist keineswegs ausgemacht, dass sich alle daran halten werden.

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