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Vor der Kita halten keine großen Dienstwagen

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Von: Sandra Kirchner

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Kinder in die Kita oder die Schule bringen – das gilt vielfach immer noch als „Frauensache“. getty
Kinder in die Kita oder die Schule bringen – das gilt vielfach immer noch als „Frauensache“. getty © Getty Images

Männer geben ihr Geld eher für Klimaschädliches aus als Frauen. Doch der Kern des Problems liegt tiefer

Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Der Mann, der gerne dicke Autos fährt und jeden Tag Steak isst. Mit markigen Worten brandmarken Medien Männer immer wieder als Klimasünder, weil deren Verhalten einen höheren CO2-Ausstoß zur Folge hat als das von Frauen. Auch dieser Tage wird über eine Studie aus Schweden berichtet wonach Männer etwa 16 Prozent mehr klimaschädliche Emissionen als Frauen verursachen – auch wenn sie etwa gleich viel Geld ausgeben. So steht es im „Journal for Industrial Ecology“.

Weil Männer und Frauen unterschiedliche Dinge kaufen, unterscheidet sich ihr CO2-Ausstoß. Während Männer mehr für Treibstoff, Essen, Alkohol und Tabak ausgeben, stecken Frauen der Studie zufolge ihr Geld eher in Einrichtung, Kleidung und Gesundheitspflege – und also in treibhausgasärmere Produkte.

Vergleichbare Untersuchungen gibt es auch für Deutschland. So hat das Umweltbundesamt den Pro-Kopf-Verbrauch von natürlichen Ressourcen durch Befragung ermittelt und auf Grundlage der Daten den personenbezogenen CO2-Ausstoß errechnet: Frauen verbrauchen mehr Energie beim Duschen und Baden sowie für Kleidung, während Männer höhere Energieverbräuche bei der Alltagsmobilität und der Ernährung aufweisen und auch insgesamt mehr Energie verbrauchen.

So wichtig solche Untersuchungen sind, beschreiben sie aber doch nur Äußerlichkeiten. Die darunter liegenden Strukturen bleiben unbemerkt. Kritische Geister wie die Mobilitätsforscherin Meike Spitzner vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie stören sich an der der dominant maskulinen Sichtweise, die bei Klima-Studien häufig schon in der Fragestellung angelegt ist. So wird etwa bei Studien zur Mobilität lediglich zwischen Wegen zur Erwerbsarbeit, für Persönliches, Shopping, Freizeit und Begleitung unterschieden. „Objektive Erkenntnisse können mit so einem Studiendesign nicht erzielt werden, denn da ist der Gender-Bias – also eine Verzerrung durch geschlechtsbezogene Vorurteile und Stereotype – schon mitenthalten“, erklärt Spitzner.

Man halte das für normal, weil man damit aufgewachsen sei, aber die dominierende Perspektive sei eben durch Männer geprägt – beziehungsweise durch Vorstellungen von Männlichkeit und politische Orientierungen daran. Spitzner bezeichnet das als „Androzentrismus“,

Ausgeblendet werden „typisch weibliche“, qua biologischem Geschlecht strukturell zugewiesene Tätigkeiten wie etwa das Pflegen oder Sich-Kümmern um Angehörige. Weder für das Bringen der Kinder in die Kita noch für die Unterstützung pflegebedürftiger Verwandter gibt es in herkömmlichen Erhebungen passende Kategorien. „Ein erheblicher Teil von Mobilität wird durch androzentrische Perspektiven unsichtbar gemacht“, kritisiert Spitzner und fordert, für Versorgungsarbeit eine eigene Kategorie zu entwickeln. Denn ausgerechnet da – in der „basalen gesellschaftlichen Ökonomie“, die für alle Gesellschaften unverzichtbar ist – wächst der zugemutete Verkehrsaufwand und damit der Treibhausgasausstoß.

Eine Untersuchung aus Madrid, die die Versorgungs-Ökonomie berücksichtigt, legt nahe, dass bei 30- bis 45-Jährigen beinahe ein Drittel aller zurückgelegten Wege auf diese Arbeit entfällt. Regelmäßige und systematische Untersuchungen dazu fehlen aber. „Und auch die damit einhergehenden CO2-Emissionen kennen wir nicht“, beklagt Verkehrsexpertin Spitzner.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Häufig werden politische Entscheidungen mit solchen Erhebungen begründet. Wenn aber die Daten die Lebenswirklichkeit vieler Menschen ausblenden, können politische Erlasse und Programme ihren Zweck verfehlen, falsche Anreize und Prioritäten setzen oder gar das Gegenteil bewirken.

Dabei ist die Politik verpflichtet, die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu verringern. Schon Mitte der 90er haben die Vereinten Nationen und im Amsterdamer Vertrag dann auch die EU das „Gender Mainstreaming“ beschlossen, das aktive Fördern der Gleichstellung von Männern und Frauen durch alle politischen Ressorts. Auch die Bundesregierung hat im Jahr 2000 beschlossen, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, alle Bundesministerien sind seither verpflichtet, „Gender Mainstreaming“ bei politischen oder normgebenden Regelungen zu beachten.

In der Realität geschehe aber noch zu wenig, meint Spitzner. „Würde die Politik das Gender-Mainstreaming-Gebot ernst nehmen, müsste sie etwa das Dienstwagenprivileg abschaffen.“ Die dreifache steuerliche Begünstigung – einmal für Arbeitnehmer:innen und doppelt für Firmen – führe dazu, dass jedes Jahr neue, große Autos zugelassen werden. Weil Dienstwagen aber mit höheren Einkommen verbunden sind, haben Frauen aufgrund schlechterer Positionen und Bezahlung das Nachsehen. Eine Streichung des Dienstwagenprivilegs hätte also gleich einen doppelten Nutzen: Sie würde die Gleichstellung von Frauen verbessern und eine hohe klimaschädliche Subvention abschaffen.

„Ziel der Politik sollte es sein, die Erzeugung von Energiebedarf und von Verkehrsaufwand zu reduzieren“, fordert Spitzner. Ansetzen müsse man bei strukturellen Emissionsquellen. So könnten etwa Unternehmen, die Nahversorgung aushebeln und zusätzlichen Verkehr erzeugen, mit einer Abgabe belegt werden, während nahversorgende Unternehmen steuerlich bessergestellt werden. Dezentrale Infrastrukturen wie Volkshochschulen oder Bibliotheken ließen sich um alltagserleichternde und emissionssparende Angebote erweitern.

Außerdem brauche es für Personen wie für private Haushalte ein „Recht auf Suffizienz“. Dabei geht es um das Recht, den Ressourcenverbrauch in verträglichen Maßen halten zu können – durch einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, die Nahversorgung mit Waren des täglichen Bedarfs und bezahlbare, energie- und verkehrssparende Wohnungen.

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