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Liane Mueller-Knuth wollte aus dem Leben scheiden.
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Liane Mueller-Knuth wollte aus dem Leben scheiden.

Heimkinder in West- und Ost-Berlin

"Von den Schlägen will ich gar nicht reden"

Im Berliner Abgeordnetenhaus ist der Abschlussbericht zur „Heimerziehung in Berlin - West 1945 - 1975, Ost 1945 -1989“ vorgestellt worden. Die Kernbotschaft: In beiden Stadthälften standen Schläge und auch sexuelle Übergriffe auf der Tagesordnung.

Von Martin Klesmann

Mehr als fünf Jahrzehnte lang hat Liane Mueller-Knuth geschwiegen. Jetzt spricht die Frau mit den blonden Haaren erstmals öffentlich über ihre Zeit in einem Kinderheim in der DDR Ende der 50er-Jahre. Im Sankt Josefsheim in Birkenwerder bei Berlin, von Schwestern des Karmeliter-Ordens geführt, wurde sie demütigt, bei geringsten Vergehen in die Besenkammer eingesperrt, mit Schlägen bestraft und, wie sie sagt, auch sexuell missbraucht. Davon wolle sie eigentlich gar nicht reden, sagt die 63-jährige Frau und ringt um Fassung. „Und ich habe nie erfahren, wieso ich überhaupt dorthin gekommen bin.“ Denn ihre Mutter habe darüber nie gesprochen.

Liane Mueller-Knuth äußerte sich erst jetzt in der Berliner Senatsjugendverwaltung. Denn am Freitag wurde der Abschlussbericht zur „Heimerziehung in Berlin - West 1945 - 1975, Ost 1945 -1989“ vorgestellt, den das Abgeordnetenhaus im November 2010 in Auftrag gegeben hatte.

Die Kernbotschaft: In beiden Stadthälften waren Heimkinder im beschriebenen Zeitraum den Erziehern total ausgeliefert, der Alltag extrem reglementiert, die eingesetzten Erzieher gingen in der Regel lieblos mit den Kindern um. Drakonische Bestrafungsaktionen, Schläge und auch sexuelle Übergriffe waren an der Tagesordnung.

Aufgrund der miserablen Situation in West-Berlin rissen in den 60er-Jahren zwischen 25 und 70 Prozent der jungen Menschen aus ihren jeweiligen Heimen aus, wie Jürgen Gries, Sozialwissenschaftler von der Katholischen Hochschule für Soziallehre Berlin, herausgefunden hat. 50 Prozent der Heimmitarbeiter im Westteil der Stadt waren ohne jegliche Ausbildung, der Rest oft „unzureichend ausgebildet“.

Die Kinder wechselten häufig die Heime – aus Altersgründen oder weil nicht hinreichend diagnostiziert wurde, welche Hilfe die Kinder brauchten, wie Gries ausführt. Statt Hausaufgaben mussten Kinder oft auch Arbeiten verrichten. Gut 40?Prozent der Heime in West-Berlin waren staatlich, 60 Prozent von freien Trägern geleitet. Vielen Kindern, die zumeist aus der Unterschicht kamen, war gar nicht klar, wieso sie in ein Heim kamen. Bis 1961 wurden West-Berliner Kinder per Gerichtsbeschluss in ein Heim eingewiesen. Begründet wurde die Einweisung oft mit einer angeblich sittlichen oder charakterlichen Verwahrlosung.

Für Ost-Berliner Kinder gab es bis zu 2?500 Heimplätze sowie 1?150 Plätze in Spezialheimen und 900 Plätze in Jugendwerkhöfen, sagt Karsten Laudien von der Evangelischen Hochschule Berlin. Hier waren alle Heime bis auf zwei kirchliche Einrichtungen in staatlicher Hand, seit 1953 dem Ministerium für Volksbildung unterstellt. „Man ging in der DDR davon aus, dass soziale Probleme ein Probleme der kapitalistischen Welt sind“, sagt Laudien. Deshalb sah man Kinderheime als „Übergangsphänomen“. Doch das geschlossene System der autoritär geführten Kinderheime blieb bis zum Ende der DDR 1989 erhalten.

In West-Berlin kam es mit der Studentenrevolte 1968 zu einem Umdenken. Die von reformpädagogisch orientierten Studenten betriebene „Heimkampagne“, die auch von der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof unterstützt wurde, erreichte schließlich die weitgehende Auflösung der geschlossenen Heime.

In West-Berlin gab es fortan auch Jugendwohngemeinschaften und andere Formen der Unterbringung. Der Erzieherberuf wandelte sich komplett, selbst ehemalige Heimkinder wie Marianne Döring arbeiteten nun gerade aufgrund ihrer Erfahrungen mit viel Empathie als Erzieher.

Fürs Leben geprägt

Doch die Jahre im Heim hatten die betroffenen Menschen für ihr Leben geprägt. Liane Mueller-Knuth unternahm mehrere Selbstmordversuche, musste ihre Arbeit als Erzieherin aufgeben, arbeite zeitweise in der Gastronomie, zuletzt als Altenpflegerin. Viele Jahre war sie nahezu bindungsunfähig, Beziehungen gingen in die Brüche. Heute ist sie glücklich verheiratet.

„69?Jahre lang bin ich mit einem Minderwertigkeitskomplex und einer ausgeprägten Autoritätshörigkeit durchs Leben gelaufen“, sagt auch das ehemalige Heimkind Marianne Döring, die über ihre Erfahrung ein Buch geschrieben hat (“Winter im Herzen“). „Und wir alle haben Angst vor Altersarmut“, sagt Liane Mueller-Knuth, weil viele Heimkinder nicht lebenslang gearbeitet haben oder nur als gering Qualifizierte.

Die Berliner Regionalgruppe ehemaliger Heimkinder hofft deshalb auf einen Rentenausgleich. Und die ehemaligen DDR-Heimkinder hoffen auf eine noch immer ausstehende Entschädigung. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) kündigte an, dass – ähnlich wie bereits für die westlichen Bundesländer geschehen – „relativ zeitnah“ ein Entschädigungsfonds aufgelegt werden sollte.

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