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Gemeinsame Bewässerung der Felder: Die Kooperative Mitooni hat sich vom Klimawandel ein Stück weit unabhängig gemacht.

Kenia

Mit Volldampf gegen den Klimawandel

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Das Entwicklungsland Kenia setzt im Kampf gegen extreme Dürre auf den Ausbau regenerativer Energien.

Gottfried könnte auch als Hip-Hop-Künstler durchgehen, mit der orangenen Wollmütze, dem New-York-Shirt und der Hose auf der Hüfte. Doch er ist Farmer, einer von gut fünfzig, die sich auf einer der Bananenplantagen der Kooperative Mitooini am Mount Kenya eingefunden haben. Der moderne Look ist seinem Alter geschuldet. Mit 19 Jahren ist er der Jüngste. „Meine Freunde haben keine große Lust, Farmer zu sein. Doch ich bin glücklich“ erzählt der Kenianer und demonstriert dabei die Funktion des Systems zur Bewässerung der Früchte. Es mache ihn stolz, wie viel Erträge seine Bananen- und Süßkartoffelfelder Dank des Einsatzes der Wassertechnik abwerfen.

Seit die Kooperative mit Unterstützung ausländischer Geldgeber wie der Kreditanstalt für Wiederaufbau gezielt Wasser eines Flusses auf ihre Felder leitet, können die rund 500 Landwirte jährlich im Schnitt vier statt vorher zwei Ernten einfahren, berichtet Sofia Wambui, die in der Kooperative über die Finanzen wacht. „Jetzt ist genug Einkommen da, die Kinder in die Schule zu schicken“. Bewässerung ist in Kenia die Ausnahme, wo die Landwirtschaft knapp ein Drittel der nationalen Wirtschaftsleistung erbringt. 

Über 90 Prozent der Ernteerträge hängen vom Regen ab. Und der ist in diesem Jahr vielfach ausgeblieben. Eine extreme Dürre hat das Land gezwungen, internationale Lebensmittelhilfe in Anspruch zu nehmen. In der Kooperative Mitooini hat es keine Probleme gegeben. Sie hat sich mit dem Bewässerungssystem ein Stück unabhängig vom Klimawandel gemacht, den die Regierung für die extreme Trockenheit in diesem Jahr verantwortlich macht. Und die droht keine Ausnahme zu bleiben. „Die Dürre ist in Kenia zur neuen Normalität geworden“, sagt Pacifica Ogola, Klimaschutzdirektorin im Umweltministerium in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Schrumpfende Seen machen Wasserkraft schwierig

Bewässerung alleine kann das Problem nicht lösen. Denn Wasser droht insgesamt knapper zu werden. Deshalb will die Regierung auch an die Stromerzeugung ran, deren wichtigste Quelle mit 36 Prozent die Wasserkraft ist. An sich eine grüne Energie, die keine fossilen Energien verbrennt und so zum Klimawandel beitrüge. Doch die Wasserstände in den Stauseen haben dieses Jahr rapide abgenommen.

Gleichzeitig sollen die erneuerbaren Energien aber laut Nationalem Klimaschutzplan hinter der Wiederaufforstung die meisten CO2-Ersparnisse bis 2030 bringen. Weil das mit Wasserkraft nicht geht, setzt die Regierung auf eine Quelle, die zwar auch mit Wasser zu tun hat, aber aus der Tiefe stammt – Erdwärme (Geothermie). „Wir wollen die Kapazitäten der Geothermie auf 2700 Megawatt (MW) ausbauen“, sagt Ogola. Das wäre mehr als alle bisher installierten Stromquellen zusammen. „Damit können wir die Abhängigkeit vom Wasser mindern“, hofft sie. 

Kenia beutet Erdwärme schon seit den 1980er Jahren aus. Mit 635 MW ist es das größte afrikanische Land, das diese Quelle nutzt und die Nummer Sieben auf der Welt. Die Erdenergie stammt aus dem Afrikanischen Grabenbruch, einer geologischen Formation, die sich im Osten über tausende Kilometer von Mosambik bis zum Roten Meer erstreckt. Plattentektonik sorgt dafür, dass die Erdkruste dort auseinander strebt und heißes Magmagestein aus dem Erdinneren aufsteigen kann.

Wie das konkret aussieht, lässt sich etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Nairobi in Olkaria im Nationalpark Hell’s Gate beobachten. Vielleicht hat der Name des Parks mit dem Geruch nach Schwefel zu tun, der in der Luft liegt. Er stammt von heißem Thermalwasser, das ein öffentliches Bad speist, die blaue Lagune. Die grüne Landschaft umher steht im Dampf. So auch ein beiger Industriekomplex im Hintergrund, eines von vier Geothermiekraftwerken in Olkaria. Sie erzeugen Strom aus 300 Grad heißem Dampf, der aus 1000 bis 2000 Metern Tiefe stammt. Auf dem 200 Quadratkilometer großen Areal sammelt ihn das halbstaatliche Energieunternehmen Kengen ein – immer 60 Bohrlöcher pro Kraftwerk. Pro Megawatt brauchen die Turbinen stündlich bis zu 9000 Kilogramm Dampf.

Der Strom wird in das öffentliche Netz eingespeist. Dafür erhält das Unternehmen rund acht Eurocent je Kilowattstunde (kWh), erklärt Kengen-Mitarbeiter Reuben Langat. Der Strompreis liegt in Kenia je nach Verbraucher zwischen zwei und 20 Cent je kWh. „Als vor drei Jahren das letzte der vier Kraftwerke in Betrieb ging, konnte Kenia große Diesel-Generatoren vom Netz nehmen“, berichtet er von einem direkten Gewinn für den Klimaschutz. Und weil der Diesel zudem teuer importiert werden musste, konnten Strompreise gesenkt werden, so Langat. 

Regenerativer Strom bringt den Bauern auch Internet

Um die hohen Kosten für die Erdwärmeschächte – jedes Bohrloch kostet rund 0,5 Millionen Euro – möglichst schnell wieder einzuspielen, hat sich Kengen etwas einfallen lassen. Da der Bau neuer Kraftwerke Zeit braucht, wird die Energie aus neuen Bohrlöchern schon vorher genutzt. Und zwar durch kleine mobile Kraftwerke, die direkt auf dem Bohrlochkopf sitzen und jederzeit abgebaut werden können, wenn der Schacht in einen Verbund mit anderen eingebracht werden soll. „Kenia ist das einzige Land, das diese Technologie einsetzt“, sagt Langat stolz. 

Durch den Ausbau von Stromtrassen will es die Regierung schaffen, den Erdwärmestrom mehr und mehr im Land zu verteilen. Denn sie weiß: Neben gezielter Bewässerung braucht es regenerative Elektrizität, damit in Zukunft mehr Feldfrüchte vor Ort weiter verarbeitet werden können und so mehr Wirtschaftsleistung im Land bleibt, und das gerade wegen des anhaltenden Klimawandels.

Mit regenerativem Strom können die Bauern auch Zugang zum Internet erhalten und sich über Preise informieren. Das findet auch Gottfried wichtig, der erzählt, dass die Kooperative Mitooini am Mount Kenya bisher nichts von internationalen Börsenpreisen weiß. Er, so der 19-jährige Farmer, würde das ja heute schon machen, wenn er ein Smartphone hätte. „Mit dem“, sagt er und zeigt lachend sein altes Telefon, „kann ich aber nur telefonieren“.

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