Vitamine und Mineralstoffe in Form von Pillen, Kapseln und Pulvern erfreuen sich steigender Beliebtheit.
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Vitamine und Mineralstoffe in Form von Pillen, Kapseln und Pulvern erfreuen sich steigender Beliebtheit.

Gesundheit

Nahrungsergänzungsmittel im Test: Viele sind zu hoch dosiert - das kann gefährlich werden

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Nahrungsergänzungsmittel halten die empfohlene Höchstmenge ihrer Inhaltsstoffe häufig nicht ein. Das kann schädlich für die Gesundheit sein.

  • Nahrungsergänzungsmittel werden immer beliebter.
  • Viel hilft viel? Nicht unbedingt: Manche Mineralstoffe und Vitamine können im Übermaß dem Körper schaden
  • Bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln wird die empfohlene Höchstmenge für Vitamine und Mineralstoffe überschritten

Viel hilft viel: Das scheinen sich zahlreiche Hersteller und Konsumenten von Nahrungsergänzungsmitteln zu denken. Doch das Gegenteil kann der Fall sein, vor allem bei dauerhaft hochdosierter Einnahme: Im Übermaß können zumindest manche Mineralstoffe und Vitamine dem Körper schaden. Gleichwohl enthalten viele Präparate eine deutlich zu große Menge an Mikronährstoffen, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd festgestellt haben. Demnach überschreitet mehr als die Hälfte der von ihnen untersuchten Nahrungsergänzungsmittel die vom Bundesinstitut für Risikobewertung 2018 empfohlene Höchstmenge für Vitamine und Mineralstoffen in diesen Produkten.

Nahrungsergänzungsmittel immer beliebter - Analyse von frei verkäuflichen Präparaten

Das ist umso bedenklicher, da Nahrungssergänzungsmittel immer beliebter werden. Mehr als ein Drittel der Frauen und knapp ein Viertel der Männer in Deutschland nimmt sie regelmäßig ein. Das Forscherteam aus Schwäbisch Gmünd hatte für seine Studie, die in der Zeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“ erschienen ist, 106 frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel unter die Lupe genommen – darunter 30 Präparate, die ein einzelnes Vitamin enthalten (zum Beispiel Vitamin C), elf Präparate, die einen einzelnen Mineralstoff enthalten, elf Multivitaminpräparate sowie zehn Präparate, die sowohl eine Multivitamin- als auch einen Multimineralstoffmix enthalten. Die Produkte stammten aus einem Reformhaus, einem Supermarkt und zwei Drogerien, Präparate aus Apotheken waren nicht dabei. Für ihre Analyse verglichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Nährstoffangaben auf den Verpackungen mit den angegeben Höchstmengen des Bundesinstituts für Risikobewertung für die enthaltenen Vitamine und Mineralstoffe.

Das Ergebnis: Lediglich bei 48 Prozent der Präparate wurden die empfohlenen Werte bei allen Nährstoffen eingehalten, 52 Prozent überschritten sie bei mindestens einem Inhaltsstoff. Spitzenreiter waren dabei die Multivitamin- und Multimineralstoffpräparate. Hier überschritten 80 Prozent der Produkte die empfohlenen Höchstmengen. Je nach Mikronährstoff lagen die relativen Abweichungen zur empfohlenen Höchstmenge zwischen einem Mehr von 20 Prozent (Kalium) und 700 Prozent (Vitamin B12).

Viele Nahrungsergänzungsmittel überschreiben Höchstmengen für Vitamine und Nährstoffe

„Die Untersuchung zeigt, dass mehr als die Hälfte der untersuchten Nahrungsergänzungsmittel aus dem stationären Einzelhandel die Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoff überschreiten“, sagt Petra Lühmann, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Das sei „bedenklich“, da mit dem Gebrauch von hochdosierten Vitamin- und Mineralstoffpräparaten „gesundheitliche Risiken einhergehen können“ – insbesondere, wenn diese häufig eingenommen würden.

Steigende Nachfrage

Allein die Apotheken in Deutschland haben laut einer Aufstellung des Statistikdienstes Iqvia im Jahr 2019 mit Nahrungsergänzungsmitteln rund 2,2 Milliarden Euro umgesetzt.

Den höchste Zuwachs verbuchten mit einem Plus von acht Prozent Präparate für die Blase und die Fortpflanzungsorgane, wie das „Ärzteblatt“ berichtet. Es folgen Vitamine und Probiotika mit jeweils plus sieben Prozent.

Die Coronakrise sorgte zu einem Boom bei Mitteln, die damit werben, das Immunsystem zu stärken. So soll laut „Ärzteblatt“ im ersten Quartal des Jahres der Verkauf von Vitamin C um 94 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sein.

Gewachsen ist auch der Markt für Nahrungsergänzungsmittel gezielt für Kinder. Auch hierbei stand laut „Ärzteblatt“ der Wunsch nach einer „Stärkung des Immunsystems“ an erster Stelle. Ebenfalls gefragt: Mittel, die Konzentration und Aufmerksamkeit sowie Wachstum und Knochenentwicklung fördern sollen. pam

Hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel: Hinweis auf mögliche Risiken

Die Wissenschaftlerin sieht es deshalb als wichtig an, dass Verbraucherinnen und Verbraucher auf die möglichen Risiken hingewiesen würden. Petra Lühmann plädiert für „EU-weite einheitliche Richtlinien für Mikronährstoff-Höchstmengen in Nahrungsergänzungsmittel“. Bis heute gibt es in der Europäischen Union keine verbindlichen Höchstwerte für die Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln.

Mediziner warnen seit Jahren vor zu hoch dosierten Vitaminen und Mineralstoffen aus dem Labor und appellieren, Nährstoffe lieber in ihrer „natürlichen“ Form in Lebensmitteln zu sich zu nehmen. Auf diese Weise entfalten Vitamine und Mineralstoffe eine bessere Wirkung als wenn sie in Form von Kapseln, Brausetabletten und oder Direct Pellets (Pulver in Tütchen) geschluckt werden. Über die normale Ernährung ist es sehr unwahrscheinlich, Nährstoffe im Übermaß zu konsumieren.

Vitamine und Mineralstoffe: Zu viel kann ungesund sein

Ein Zuviel kann bei etlichen der an sich lebensnotwendigen Vitaminen und Mineralstoffen ungesund sein: So empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung etwa, eine übermäßige Zufuhr von Betacarotin – eine Vorstufe von Vitamin A – zu vermeiden. Vor allem bei Rauchern kann eine Überdosierung das Risiko für Lungenkrebs erhöhen, wie bereits eine Studie von 1994 zutage gefördert hat. Eine dauerhafte regelmäßige Einnahme von Betacatorin kann zudem den Knochen schaden; auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten zurückhaltend damit umgehen.

Zu viel Vitamin E und Folsäure haben gefährliche Auswirkungen

Magnesium und Vitamin C – besonders beliebt bei Verbrauchern – können in hohen Dosen Durchfall auslösen, gefährlichere Auswirkungen können zu viel Vitamin E sowie Folsäure haben: Sie erhöhen bei das Risiko für Prostatakrebs. Bei Schwangeren kann eine zusätzlich Gabe von Folsäure allerdings angezeigt sein. Bei einer Überdosierung von Vitamin D drohen Erbrechen, Durchfall und Kopfschmerzen, bei langfristige hochdosierter Einnahme Nierenschäden und Kalkablagerungen. Hohe Gaben von Selen können das Risiko für eine Diabetes-Erkrankung erhöhen.

Kalium kann in Überdosierung Kopfschmerzen, Müdigkeit und Durchfall hervorrufen, schlimmstenfalls sogar Herzrhythmusstörungen. Allerdings ist es nicht eindeutig, ab welchen Werten genau es jeweils kritisch wird. Das Vitamin B12, das laut der Studie die empfohlene Höchstmenge in einigen Produkten um bis zu 700 Prozent überschreitet, gilt indes auch in hoher Dosierung als harmlos: Überschüsse werden über die Darmwand resorbiert oder über die Nieren ausgeschieden.

Zusätzliche Vitamine nur dann nehmen, wenn ein Mangel besteht

Im Allgemeinen raten Mediziner dazu, zusätzliche Vitamine oder Mineralstoffe nur dann zu sich zu nehmen, wenn ein Mangel festgestellt wurde. So können Erkrankungen der Magenschleimhaut dazu führen, dass der Körper kein Vitamin B12 aufnehmen kann, auch bei vielen älteren Menschen ist das ein Problem. Sie leiden zudem häufig unter einem Vitamin-D-Mangel, weil sie sich nur selten im Freien aufhalten und ihr Körper nicht mehr so gut in der Lage ist über die Haut aufzunehmen.

Für ältere Menschen kann unter Umständen auch ein Kombinationspräparat sinnvoll sein, weil ihr Appetit oft nachlässt und sie dann weniger essen. (Von Pamela Dörhöfer)

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