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Gesunde Entwicklung mit Folsäure: ein menschlicher Embryo im Alter von viereinhalb Wochen. Er misst erst sechs Millimeter.

Folsäure

Ein Vitamin mit zwei Gesichtern

Für werdende Mütter ist Folsäure wichtig, damit das Kind gesund wird - aber Vorsicht: Bei älteren Menschen erhöht sich die Krebsgefahr. Von Anke Brodmerkel

Von Anke Brodmerkel

Entscheidend ist die vierte Woche der Schwangerschaft. In dieser Zeit schließt sich das Neuralrohr des Embryos. Mangelt es der Mutter an Folsäure, steigt das Risiko, dass der Vorgang misslingt. Gehirn und Rückenmark können sich dann nicht richtig entwickeln. Das Kind stirbt oder kommt behindert zur Welt. Schon seit 1991 rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) daher Frauen im gebärfähigen Alter, täglich 400 Mikrogramm (millionstel Gramm) Folsäure einzunehmen. Eine andere Empfehlung steht hingegen derzeit auf dem Prüfstand: dass die restliche Bevölkerung ähnlich hohe Mengen Folsäure zu sich nehmen sollte. Mehrere Studien deuten inzwischen daraufhin, dass das Vitamin vor allem bei älteren Menschen das Krebsrisiko erhöht.

In Deutschland werden jedes Jahr zwischen sechs- und achthundert Babys mit Neuralrohrdefekten, zum Beispiel einem offenen Rücken geboren. "Wir konnten zeigen, dass sich durch die tägliche Einnahme eines Folsäure-Präparats die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten um durchschnittlich ein Drittel senken lässt", sagt Helmut Heseker, der Vizepräsident der DGE.

"Ob aber unsere Empfehlung, als Erwachsener generell 400 Mikrogramm Folat am Tag aufzunehmen, noch dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entspricht, wird derzeit diskutiert", sagt Heseker. Eine Entscheidung solle im kommenden Jahr gefällt werden. Folat ist die natürlicherweise in Lebensmitteln enthaltene Form des Vitamins; die künstlich hergestellte Variante wird als Folsäure bezeichnet. Oft werden die beiden Begriffe jedoch synonym verwendet.

Gemessen an dem aktuellen Referenzwert der DGE müsste eigentlich die Mehrheit der Deutschen an einem Folsäure-Mangel leiden: "86 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer erreichen den empfohlenen Wert für die tägliche Zufuhr nicht", sagt Gerhard Rechkemmer, der Präsident des Max-Rubner-Instituts (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel. "Symptome eines Vitaminmangels sind bei diesen Menschen allerdings nicht zu beobachten."

Die Zahlen, die Rechkemmer nennt, sind das Ergebnis der Nationalen Verzehrsstudie (NVS) II, für die Forscher des MRI zwischen 2005 und 2006 bundesweit mehr als 15000 Personen zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt haben. Die Untersuchung zeigte auch, dass die Deutschen offenbar Gemüsemuffel sind: Mit im Schnitt weniger als 250 Gramm Gemüse pro Tag liegen sie deutlich unter dem Soll von 400 Gramm.

Folat ist vor allem in grünem Gemüse wie Salat, Spinat, Brokkoli oder Rosenkohl enthalten. Da sich das Vitamin beim Kochen oder bei längeren Lagerzeiten rasch zersetzt, kommen jedoch selbst Vegetarier nicht immer auf die von der DGE empfohlenen Werte.

Es gibt aber offenbar Personen, die über Nahrungsergänzungsmittel oder mit Folsäure angereicherte Lebensmittel leicht das Fünf- bis Zehnfache der empfohlenen Menge aufnehmen. Und das wiederum könne gefährlich sein, sagt Rechkemmer.

Einen negativen Effekt üben hohe Folsäure-Konzentrationen womöglich schon auf das ungeborene Kind aus. So zeigte eine Ende Oktober im American Journal of Epidemiology veröffentlichte australische Studie, dass Frauen, die noch in der fortgeschrittenen Schwangerschaft Folsäure einnehmen, ihre Babys einem um dreißig Prozent erhöhten Asthma-Risiko aussetzen.

Andere Auswirkungen machen sich erst im späteren Lebensalter bemerkbar. "Wir wissen heute, dass hohe Folsäure-Mengen die Entwicklung von Krebsvorstufen des Darms in bösartige Tumore beschleunigen", sagt der Ernährungswissenschaftler und Folsäure-Experte Young-In Kim von der University of Toronto.

Selbst die lange gehegte Annahme, dass eine hohe Folsäure-Zufuhr Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt, hielt einer genaueren wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. "Folsäure ist zwar in der Lage, einen bekannten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Leiden - den Homocystein-Spiegel des Bluts - zu senken", sagt der MRI-Präsident Rechkemmer. "Die Erkrankungsrate blieb davon aber, aus welchen Gründen auch immer, unbeeinflusst."

Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA ist inzwischen der Ansicht, dass es - mit Ausnahme der Vermeidung von Neuralrohrdefekten - keinen überzeugenden Nachweis für gesundheitliche Vorteile einer erhöhten Folsäure-Zufuhr gibt. Und auf einem Symposium im schwedischen Uppsala wies eine Arbeitsgruppe der EFSA darauf hin, dass die aktuellen Daten nicht ausreichten, um die Risiken entsprechender Vitaminpräparate sicher zu bewerten.

Einige positive Effekte scheint die Folsäure zwar auch im Erwachsenenalter zu haben. So zeigt die von Rechkemmer erwähnte Studie, dass Folsäure zwar nicht das Risiko von Herz-Kreislauf-Leiden verringert, wohl aber das eines Schlaganfalls. Und bei jungen Menschen, die noch keine Krebsvorstufen aufweisen, kann sie offenbar sogar das Risiko senken, Tumore - etwa im Darm, der Lunge oder in der Brust - zu entwickeln.

"Will man die positive Wirkung der Folsäure nutzen, Risiken aber nicht eingehen, muss man das Vitamin daher je nach Alter, Geschlecht und persönlicher Lebenssituation dosieren", sagt Rechkemmer. Dieser Ansicht ist inzwischen auch die DGE, die sich noch vor zwei Jahren dafür ausgesprochen hatte, es den USA gleich zu tun und Mehl, das zu Brot verarbeitet wird, mit Folsäure anzureichern. Jenseits des Atlantiks dürfen Bäckereien seit 1998 per Gesetz nur noch folsäurehaltiges Mehl verwenden.

"Die Erfahrungen in den USA haben allerdings gezeigt, dass nach Einführung des Gesetzes die Zahl der Dickdarmkrebsfälle deutlich anstieg", sagt der DGE-Vizepräsident Heseker. Gleichzeitig blieb der erhoffte Erfolg der Gesetzesinitiative, mit der man Neuralrohrdefekte gänzlich verhindern wollte, aus. "Offenbar haben rund zwei Drittel der Schäden andere Ursachen als einen Folsäure-Mangel", sagt Heseker.

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) hat daher auch nicht vor, dem Beispiel der USA zu folgen. "Eine verpflichtende Anreicherung von Lebensmitteln mit Folsäure wird es in Deutschland nicht geben", sagt Christian Grugel, der Abteilungsleiter für Verbraucherschutz. Stattdessen müsse man sich bemühen, die Aufklärung, insbesondere von Frauen im gebärfähigen Alter, zu fördern und diese bedarfsgerecht mit dem Vitamin zu versorgen. Hier seien besonders die Frauenärzte gefordert, ihren Beitrag zu leisten, sagt Grugel.

Ein Gesetz wie in den USA steht also nicht mehr zur Diskussion. Ein anderes wird hingegen noch immer mit Spannung erwartet: "Seit mindestens einem Jahr diskutiert man in der EU darüber, die gesetzliche Höchstmenge festzulegen, in der Folsäure Nahrungsmitteln wie Müsliriegeln oder Milchprodukten zugesetzt werden darf", sagt Rolf Großklaus vom Bundesinstitut für Risikobewertung. "Und noch immer ist kein Ergebnis in Sicht."

Ohne ein solches Gesetz müsse man sich nicht wundern, wenn manche Menschen ein Vielfaches der empfohlenen Folsäure-Menge aufnähmen, kritisiert Großklaus: "In dem Bewusstsein, sich besonders gesund zu ernähren, setzen sie sich womöglich einem erhöhten Krebsrisiko aus."

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