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Viren gegen Krebs: Immuntherapien könnten bislang resistente Tumore behandeln

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Von: Pamela Dörhöfer

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Ein Forschungsteam sieht in einer Kombination mit Immuntherapien die Chance, bisher resistente Tumorarten zu behandeln.

Frankfurt am Main – Viren haben keinen sonderlich guten Ruf. Sie lösen Krankheiten aus wie Covid-19, Grippe, Masern, Herpes oder noch schlimmer Ebola. Doch Viren können auch anders: Einige besitzen therapeutisches Potenzial – und zwar gegen eines der meist gefürchteten Leiden, gegen Krebs. Ein Forschungsteam der Arizona State University (USA) schlägt nun vor, solche sogenannten „onkolytischen Viren“ mit bereits existierenden Immuntherapien zu kombinieren und sieht darin einen vielversprechenden Ansatz, insbesondere für Patientinnen und Patienten mit bisher behandlungsresistenten Tumoren. Ihre Studie haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Grant McFadden und Masmudur Rahman vom Biodesign Center für Immunotherapie, Impfstoffe und Virotherapie der Arizona State University Ende August in der Fachzeitschrift „Cancer Cell“ veröffentlicht.

Die Immuntherapien, um die es geht, sind die bereits etablierte Car-T-Zell-Therapie und die noch relativ neue T-Zell-Rezeptor-basierte Therapie (TCR-T). Beide basieren auf der gleichen Grundidee: Es handelt sich um individualisierte Therapien, für die man den Kranken eigene T-Zellen – wichtige Abwehrzellen des Immunsystems – entnimmt, um diese dann in einem spezialisierten Labor gentechnisch zu verändern, sie gewissermaßen zu „tunen“. Anschließend werden die Abwehrzellen den Betroffenen wieder injiziert. Beide Therapien zielen darauf, die zu den weißen Blutkörperchen zählenden T-Zellen fitter zu machen, so dass sie Tumorzellen besser erkennen und zerstören können. Denn eines der großen Probleme bei Krebs ist dessen Fähigkeit, sich vor dem Immunsystem zu „tarnen“, es zu täuschen, unerkannt zu bleiben und so einem effektiven Angriff durch die körpereigene Abwehr zu entgehen. Diese Symptome sind erste Anzeichen einer Krebs-Erkrankung, die unbedingt von einem Arzt abgeklärt werden sollten.

Nach einer überstandenen Infektionskrankheit auch der Krebs verschwunden

Eingesetzt und getestet werden die Car-T-Zell-Therapie und die T-Zell-Rezeptor-basierte -Therapie vor allem bei bestimmten Formen von Leukämie und Krebserkrankungen des lymphatischen Systems. Bislang aber haben auch diese Verfahren ihre Grenzen, unter anderem sind sie oft unwirksam gegen fortgeschrittene solide Tumore – weil es den Krebszellen eben doch gelingt, auch der Identifizierung und Zerstörung durch die modifizierten T-Zellen zu entgehen.

An dieser Stelle setzen die Viren an. Der Hintergrund: Bereits vor mehr als 100 Jahren beobachteten Ärzte erstmals, dass bei Patientinnen und Patienten nach einer überstandenen Infektionskrankheit auch der Krebs verschwunden war. Später ergaben systematische Untersuchungen, dass es tatsächlich Viren gibt, die bevorzugt Krebszellen befallen und sich in ihnen vermehren. Sie werden heute als onkolytische Viren bezeichnet. Tumorzellen reagieren auf Viren besonders empfindlich, weil sie anders als gesunde Zellen nicht in der Lage sind, ausreichende Mengen des körpereigenen Zytokins Interferon als frühe Maßnahme zur Abwehr der Infektion zu bilden. Die ungehinderte Vermehrung der Viren wiederum alarmiert das Immunsystem und löst eine Abwehrreaktion gegen die Tumorzellen aus. Auf diese Weise aktivieren die Viren somit das Immunsystem, um den Krebs anzugreifen, während gesunde Zellen unversehrt bleiben.

Onkolytische Viren werden in klinischen Krebs-Studien untersucht

Weltweit arbeiten Forschende daran, onkolytische Viren, die selektiv bösartige Zellen befallen und gesunde verschonen, zu finden und zu entwickeln. 2015 wurde erstmals in den USA, 2016 dann auch in Europa und Australien ein onkolytisches Virus für die Behandlung von fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs zugelassen. Verschiedene andere onkolytische Viren werden derzeit in klinischen Studien untersucht, teils mit vielversprechenden Ergebnissen. So hat ein Forschungsteam der Universitätsklinik Tübingen Pocken-Impfviren gegen den bislang kaum behandelbaren Bauchfellkrebs getestet..

Die Forschenden der Arizona State University setzen in ihrer Studie auf Myxomaviren als Ausgangsmaterial. Diese gehören zur Familie der Pockenviren und lösen bei Hasen und Kaninchen die Erkrankung Myxomatose aus. Myxomaviren seien in der Lage, Krebszellen „direkt anzuvisieren und abzutöten“, heißt es in einer Mitteilung der US-amerikanischen Hochschule.

Einige Viren besitzen therapeutisches Potenzial – und könnten so gegen Krebs eingesetzt werden. (Symbolfoto)
Einige Viren besitzen therapeutisches Potenzial – und könnten so gegen Krebs eingesetzt werden. (Symbolfoto) © Bernd Wüstneck/dpa

Als noch „nützlicher“ bewerten die Forschenden jedoch die Eigenschaft der Viren, bei den Krebszellen verschiedene Formen des programmierten Zelltods in Gang zu setzen. Und hier kommen auch die T-Zellen des Immunsystems ins Spiel: Denn sie sind es, die den programmierten Zelltod der Tumorzellen herbeiführen. Gleichzeitig soll es während dieser Prozesse laut der Studie auch dazu kommen, dass weitere Krebszellen in der Nachbarschaft zugrunde gehen, ein Vorgang, der „Bystander effect“, „Zuschauereffekt“, genannt wird. Die „Vorarbeit“ der Viren kann in diesem komplexen Geflecht demnach umso besser ihre Wirkung entfalten, wenn die T-Zellen vorher künstlich aggressiver gemacht wurden – und umgekehrt.

„Untherapierbare Krebsarten“ besser behandeln

Ein Kombination aus einer Virotherapie mit Myxomaviren und einer auf T-Zellen zielenden Krebstherapie besitzt nach Ansicht der Formenden „das Potenzial, ,kalte Tumore’, „die unter dem Radar des Immunsystems fliegen, in ,heiße Tumore’ zu verwandeln, die von Immunzellen identifiziert und zerstört werden können“, so dass Car-T-Zellen oder durch eine T-Zell-Rezeptor-basierte Therapie behandelte weiße Blutkörperchen in die Tumorumgebung eindringen und aktiv werden können.

Für Studienleiter Grant McFadden birgt dieser Ansatz die Hoffnung, auch „derzeit untherapierbare Krebsarten“ besser behandeln zu können. „Wir stehen kurz davor, neue Aspekte des Myxomavirus und der onkolotyischen Virotherapie zu entdecken“, wird sein Kollege Masmudur Rahman in der Mitteilung der Arizona State University zitiert: „Darüber hinaus öffnen diese Ergebnisse die Tür, um krebstötende Viren mit anderen zellbasierten Krebsimmuntherapien zu testen, die bei Krebspatienten eingesetzt werden können.“ Die Fähigkeit, onkolytische Viren wie Myxomaviren „radikal umzugestalten, um auf eine Reihe resistenter Krebsarten abzuzielen“, könne die Grenze bei der Behandlung dieser „verheerenden Krankheit“ weiter nach hinten verschieben. (Pamela Dörhöfer)

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