Insgesamt acht Ansichten von Schulter- und Armmuskulatur zeichnete Leonardo da Vinci, indem er den Körper Schritt für Schritt um 180 Grad drehte.
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Insgesamt acht Ansichten von Schulter- und Armmuskulatur zeichnete Leonardo da Vinci, indem er den Körper Schritt für Schritt um 180 Grad drehte.

Leonardo

Da Vinci war seiner Zeit weit voraus

Vor 500 Jahren seziert Leonardo da Vinci 30 Leichen. Er zeichnet die erste Leberzirrhose der Medizingeschichte. Nun zeigt eine Ausstellung: Leonardos anatomische Skizzen können sich mit modernen Darstellungen des Körpers messen.

Von Alice Ahlers

Eine offene Bauchhöhle hinterlässt manchmal mehr Eindruck als die Mona Lisa. Als Antonio de Beatis im Jahr 1517 ein Atelier in Frankreich betritt, empfängt ihn sein Gastgeber leicht zittrig. Der 65-Jährige mit dem Rauschebart und den buschigen Augenbrauen, zeigt ihm Blätter übersät mit plastischen Skizzen aus dem Inneren des Körpers. De Beatis blickt unter die Haut des Menschen, sieht Dinge, die damals kaum jemand kannte. „Dieser Mann hat eine detaillierte Anatomie geschrieben,“ notiert er später in sein Reisetagebuch, „mit Zeichnungen von Muskeln, Nerven, Gelenken, Eingeweiden auf eine Art und Weise wie es kein anderer vor ihm getan hat.“

Der Mann ist Leonardo da Vinci. Sein Gast sieht auch die Mona Lisa, erwähnt die „florentinische Dame“ aber nur am Rande. Zwei Jahre nach dieser Begegnung stirbt da Vinci auf seinem französischen Alterssitz. Es soll noch 300 Jahre dauern, bis seine anatomischen Zeichnungen bekanntwerden. Dabei hätten sie schon zu seinen Lebzeiten die Medizin revolutionieren können.

30 Leichen seziert

Heute befinden sich diese Skizzenblätter zum größten Teil in der Kunstsammlung der britischen Königsfamilie. Ab August werden sie in der Ausstellung „Leonardo da Vinci: The Mechanics of Man“ in Edinburgh zu sehen sein. Dort sollen sie neben modernen medizinischen Darstellungen hängen und deutlich machen: Leonardo da Vinci war seiner Zeit weit voraus.

Zur Anatomie kommt da Vinci zunächst über die Malerei. Er studiert die Proportionen des Körpers, um sie möglichst naturgetreu darstellen zu können. Er muss ständig ein Notizbuch bei sich gehabt haben. Mehr als 4000 seiner Zeichnungen sind überliefert. Sie zeigen geometrische Formen, Fluggeräte, Städte und Bauwerke, Rätselfiguren und immer wieder den Menschen – von außen und von innen. Dafür seziert da Vinci auch an die 30 Leichen.

1506 sitzt er am Bett eines Sterbenden im Hospital Santa Maria Nuova in Florenz. Der Greis erlaubt ihm, seinen Körper nach dem Tod zu öffnen. Da Vinci berichtet darüber in seinen Notizen. „Dieser alte Mann erzählte mir wenige Stunden vor seinem Tod, dass er über hundert Jahre alt sei und keinerlei Gebrechen außer Schwäche fühle.“ Da Vinci entdeckt kein Anzeichen von Qual bei dem Sterbenden. „Und ich machte eine Anatomie von ihm, um den Grund für einen so süßen Tod zu finden.“ Heraus kommt die erste bekannte Beschreibung einer Arterienverkalkung.

Da Vinci erkennt, dass die Blutgefäße in der Jugend glatt und weit, im Alter zunehmend eng und krumm werden. Das alles notiert er in Spiegelschrift – kein Geheimcode, wie oft vermutet. Der Künstler ist Linkshänder und verhindert auf diese Weise wohl seine Aufzeichnungen zu verwischen. Auch die Leber des Verstorbenen fällt dem wissbegierigen Maler ins Auge. Er zeichnet die erste Leberzirrhose der Medizingeschichte.

An der Universität Pavia gelingt es da Vinci durch die Bekanntschaft mit dem Mediziner Mercantonio della Torre, weitere Leichen zu studieren. Das Sezieren ist zu seiner Zeit nicht verboten, wird jedoch nur an bestimmten Toten geduldet: hingerichtete Kriminelle oder Selbstmörder. Menschen, für die auf dem Gottesacker kein Platz vorgesehen ist. Sie werden vor allem im Winter zergliedert. Kühlhäuser gibt es schließlich noch nicht. Auf einem seiner Notizblätter beschreibt da Vinci die Furcht, die man nachts in der Gesellschaft eines Toten mit abgezogener Haut verspüre. Er listet auch seine Werkzeuge auf: ein Messer, eine Zange, eine fein gezahnte Knochensäge, ein Skalpell.

Ein Herz aus Glas

Als Anatom skizziert er die erste bekannte Darstellung einer menschlichen Wirbelsäule mit der typischen Krümmung und der korrekten Anzahl an Wirbeln. Er verfolgt die Bahnen der Sehnerven hinter den Augen, an deren Ende er den Sitz der Seele vermutet. Er zeichnet Ungeborene Babys in der Gebärmutter.

In seinen Darstellungen vermischt sich aber auch neues mit altem Wissen. So verbindet er die Gebärmutter der Frau mit ihrer Brust, weil sich dort angeblich das Menstruationsblut in Milch umwandelt. Eine Lehre, die auf den antiken Arzt Galen von Pergamon zurückgeht, dessen Schriften jahrhundertelang nicht angezweifelt werden. Leonardo da Vinci wagt es. Neben dem Gehirn interessiert er sich besonders für das Herz. Er zeichnet Strömungslinien, die den Fluss des Blutes durch das Herz darstellen sollen. An manchen Stellen bilden seine Strömungen kleine Wirbel. Da Vinci erläutert, dass dadurch die Herzklappen zugedrückt würden, um zu verhindern, dass das Blut in das Herz zurückfließen könne. Woher konnte er das wissen? Blut fließt bei Toten nicht mehr. Der Blutkreislauf wurde erst 1628 durch William Harvey korrekt beschrieben.

In seinen Notizen findet sich jedoch auch eine Bauanleitung für ein künstliches Herz. Da Vinci gießt Gips in ein Ochsenherz und bläst den Abdruck mit Glas aus. Das Glasmodell füllte er mit Wasser und Hirsesamen. Der Biophysiker Morteza Gharib vom Institute of Technology in Kalifornien hat das Modell nach der Anleitung des Künstlers im Computer nachgebaut. Als er die Simulation startet, sieht er auf seinem Bildschirm genau die Strömungslinien, die da Vinci minuziös gezeichnet hatte. „Leonardo nutzte ein einfaches Glasmodell um die Fließdynamik am Eingang der Aorta zu simulieren“, sagt Gharib. Hinter seinen Erkenntnissen vermutet er jedoch noch mehr Know-how.

„Leonardo hat sich sein ganzes Leben lang für die Bewegungen von Wasser und Luft interessiert“, sagt Gharib. Als Festungsbauingenieur am Hof von Mailand befasst sich da Vinci auch mit Kanälen und Schleusen. 1497 entwirft er ein Schleusentor mit Öffnungsklappe. Aus dem Wasserbau sei das Phänomen von Wirbeln bekannt, die solche Tore zudrücken können, berichtet Gharib. Wahrscheinlich habe da Vinci seine Kenntnisse vom Fluss des Wassers auf das menschliche Herz übertragen – die Kombinationsgabe eines Universalgenies.

Weitere Informationen unter: www.royalcollection.org.uk

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