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Der Maushirsch ist das kleinste Huftier der Welt.

Artenschutz

Der vietnamesische Maushirsch lebt noch

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Forscher entdecken eine als ausgestorben geltende Art in Südvietnam wieder: Den vietnamesischen Maushirsch. Doch Wilderei bedroht viele Tiere in der Region.

Mit seinen großen mandelförmigen Augen, den langen, nach oben gerichteten Ohren, der spitz zulaufenden Schnauze und dem hellen Fleck auf dem Bauch sieht er einfach süß aus – wie gemacht, um als Vorlage für eine Figur in einem Disneyfilm zu dienen. Auch sein Name klingt drollig, „vietnamesischer Maushirsch“, ist aber irreführend. Denn das katzengroße Tier, das wissenschaftlich korrekt Vietnam-Kantschil heißt, gehört weder zur Familie der Hirsche noch zu den Mäusen. Vielmehr stellen die Kantschile eine eigene Gruppe dar, sie sind die kleinsten Huftiere der Welt.

Lange galt der vietnamesische Maushirsch als ausgestorben. Doch nach fast 30 Jahren haben Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, des Southern Institute of Ecology in Vietnam und der Global Wildlife Conservation das scheue Tier im Truong-Gebirge im Süden von Vietnam wieder gesichtet, in der Wildnis fotografiert und gefilmt. Es waren die ersten Aufnahmen von lebenden Exemplaren dieser Huftiere überhaupt. Der vietnamesische Maushirsch ist damit die erste wiederentdeckte Art von der „Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Spezies“ der Global Wildlife Conservation.

Vietnamesischer Maushirsch galt als ausgestorben - und wurde wiederentdeckt

Die Ersten, denen die Maushirsche auffielen, waren die Bewohner der Bergregion in Südvietnam. Sie meldeten, dass sie die rehähnlichen Tiere gesehen hätten. Die Forscher installierten deshalb zunächst drei Wildtierkameras in der Gegend – die dann tatsächlich 275 Fotos von Maushirschen lieferten. Daraufhin stellten die Wissenschaftler 29 weitere Kameras auf, denen fast 1900 Aufnahmen gelangen. „Trotz der Hinweise aus der Bevölkerung konnten wir nicht sicher sein, was uns erwartet. Ich war also überrascht und überglücklich, als wir die Bilder der Kamerafallen auswerteten und Fotos von einem Kantschil mit silbernen Flanken sahen“, sagt An Nguyen von der Global Wildlife Conservation und Leiter des Forscherteams. „Für eine sehr lange Zeit existierte diese Art nur noch in unserer Vorstellung.“

Bevor es von der Bildfläche verschwand, war das Vietnam-Kantschil gerade einmal 80 Jahre lang bekannt gewesen. Erstmals beschrieben wurde die Art 1910, vier Tiere hatte man damals in Südvietnam gesichtet; 1990 spürte eine russische Expedition ein fünftes Exemplar auf. Danach ward der vietnamesische Maushirsch nicht mehr gesehen und landete auf der Liste der 25 meistgesuchten verlorenen Arten.

Kantschilen: Die meisten Maushirsche leben in Asien

Weltweit gibt es zehn bekannte Arten von Kantschilen oder Maushirschen. Die meisten von ihnen sind ihn Asien beheimatet. Die kleinen Huftiere wiegen meist weniger als fünf Kilogramm. Sie sind Einzelgänger, laufen auf der Spitze ihrer Hufe und verfügen über zwei winzige Reißzähne. Ihr Fell ist bräunlich-grau, mit einem weißen Fleck auf der Bauchseite. Die Beine wirken im Vergleich zum restlichen Körper zierlich.

Die Bestätigung, dass die Maushirsche tatsächlich noch in der Wildnis leben, sieht An Nguyen als „ersten Schritt“ an, „um sicherzustellen, dass wir sie nicht wieder verlieren“. Jetzt sei „schnelles Handeln“ angezeigt, „um ein baldiges Aussterben nach der Wiederentdeckung zu verhindern“. Die Wissenschaftler wollen zunächst untersuchen, wie groß und stabil die Population in der Region ist und auf dieser Basis einen Erhaltungsplan entwickeln. Die Sorge, dass die Maushirsche in naher Zukunft doch noch aussterben könnten, hat mit der verbreiteten Wilderei in dieser Region zu tun – was sich umso verheerender auswirkt, da gerade dort sehr viele Tierarten leben, die endemisch sind, also nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen.

Vietnamesischer Maushirsch: Wilderei als Gefahr

Tiere in Vietnam und im angrenzenden Laos seien zunehmend Opfer einer „verheerenden illegalen Jagdmethode – der Verwendung von einfachen, günstigen, selbstgemachten Drahtschlingen“, heißt es in einer Mitteilung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung. „Dieser Wilderei fallen wahllos alle Tiere zum Opfer, die sich darin verfangen, unabhängig davon, ob sie zu den Zielarten der Wilderer gehören.“ Im Truong-Son-Ökosystem, wo das Vietnam-Kantschil gefunden wurde, habe diese Art der Wilderei zu „leeren Wäldern“ geführt und dazu, dass zahlreiche Tierarten am Rand des Aussterbens stünden.

„Die Bedrohung für die endemischen Wildtiere durch die Wilderei mit Drahtschlingen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt Benjamin Rawson, von der Umweltorganisation WWF Vietnam. Die Anzahl dieser Fallen im Truong-Son-Gebirge bezeichnet er als „unglaublich“ und „alarmierend“. Der WWF setze deshalb „alles daran, die Drahtschlingen möglichst weitgehend aus der Bergregion zu entfernen und den Wildtieren dadurch eine Chance zum Überleben zu geben“.

Wiederentdeckung des vietnamesischen Maushirschs macht Hoffnung

Um die Wildtierbestände in diesen Gebieten zu schützen, müssten die Ressourcen im Umwelt- und Artenschutz nach Ansicht der Forscher „effektiv genutzt“ werden. Als Voraussetzung dafür benötigen sie einen Überblick, wo seltene und bedrohte Arten noch vorkommen. Das Truong-Son-Gebirge soll deshalb wissenschaftlich untersucht werden, um festzustellen, wie groß die Vielfalt noch ist und wie weit fortgeschritten der Artenschwund.

Die Wiederentdeckung des Vietnam-Kantschils mache Hoffnung, die biologische Vielfalt erhalten zu können, sagt Hoang Minh Duc, Leiter der Abteilung für Zoologie des Southern Institute of Ecology. „Dies ermutigt uns, zusammen mit unseren internationalen Partnern Zeit und Mühe in die weitere Erforschung und den Erhalt des vietnamesischen Biodiversitätserbes zu investieren.“ Neben dem Maushirsch haben die Wissenschaftler jüngst noch ein anderes seltenes Tier in der Region entdeckt: das annamitische Streifenkaninchen, das ebenfalls bedroht ist. Das Zeitfenster, es zu schützen, sei noch offen, sagt Amphone Phommachak vom WWF Laos, „aber es schließt sich schnell“.

Die Liste der verlorenen Arten

Die OrganisationGlobal Wildlife Conservation hat eine Liste verlorener Arten aus mehr als 160 Ländern zusammengetragen. Eine kleine Auswahl:
  • Emilias Kleinstgleithörnchen ist die kleinste bekannte Art aus der Familie der Hörnchen. Bisher wurde überhaupt nur ein Tier gesichtet – 1901 im nördlichen Teil von Borneo.
  • Miss Waldrons Roter Stummelaffe ist eine in Westafrika beheimatete Primatenart. Seit 1978 wurde kein Exemplar mehr gesichtet, seit 2000 gilt die Art als ausgestorben. Allerdings gibt es Hinweise, dass Miss Waldrons Roter Stummelaffe im südöstlichen Teil der Elfenbeinküste überlebt haben könnte.
  • Zunigas dunkle Reisratte steht auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht. Seit 1949 konnte kein Tier dieser Art mehr sicher nachgewiesen werden. Heimat von Zunigas dunkler Reisratte ist oder war die Provinz Lima in Peru.
  • Vernays Klettermaus ist ein Nagetier aus der Gattung der Afrikanischen Klettermäuse. 1937 wurde die Art beschrieben auf der Basis von 14 gesammelten Exemplaren, seitdem hat man kein Tier mehr gesichtet.
  • Eisentrauts Spitzmaus ist nur von wenigen Exemplaren bekannt, die in den 1950er und 1960er Jahren in Kamerun gesammelt wurden
  • Somalia Goldmull ist der Name einer Art, deren Aussehen man nicht wirklich kennt. Bisher wurde ein Individuum beschrieben – und das nur anhand der Reste, die eine Schleiereule in den 1960er Jahren von ihrem Mahl übriggelassen hatte. 

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