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Vierte Corona-Impfung für alle? Das bringt der zweite Booster

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Die Stiko empfiehlt die vierte Impfung bislang nur über 70-Jährigen und Menschen mit Immunschwäche. Sven Hoppe/dpa
Die Stiko empfiehlt die vierte Impfung bislang nur über 70-Jährigen und Menschen mit Immunschwäche. © Sven Hoppe/dpa

Die Omikron-Variante BA.5 hat die Corona-Sommerwelle gebracht. Was eine zweite Auffrischungsimpfung bringt, dazu gibt es geteilte Ansichten.

Frankfurt – Corona ist nicht vorbei. Jeder kennt gerade jemanden, der oder die sich mit dem Virus angesteckt hat. Auch vor dem Booster macht der Erreger nicht Halt. Und dann stehen noch die Sommerferien an. Fachleute raten dazu, vor der großen Reise lieber Maske zu tragen und vorsichtiger durch den Alltag zu gehen. „Niemand will drei Tage vor dem Abflug coronapositiv sein“, sagt der Immunologe Carsten Watzl. „Es macht also Sinn, zwei Wochen vor Reisebeginn die Kontakte zu begrenzen und größere Veranstaltungen zu meiden.“

Aber gäbe es nicht einen einfacheren Weg? Könnte man jetzt schon den Schutz vor dem Virus per vierter Impfdosis erhöhen? Schließlich haben zahlreiche Studien gezeigt, dass relevante Antikörper im Blut zwar spätestens drei Monate nach der letzten Boosterdosis abnehmen, aber mit einer weiteren Auffrischdosis wieder erhöht werden können. Auch bei Omikron. Nach allem, was man über die bisherigen Impfstoffe weiß, wäre der Effekt aber erneut nur von kurzer Dauer. Spätestens im Herbst wäre der Schutz vor Ansteckung stark gesunken.

Neue Studie

Eine neue Studie aus den USA zeigt, wie sich eine vierte Corona-Impfung auf Omikron auswirkt.

Vierte Corona-Impfung: Stiko empfiehlt zweiten Booster über 70

Die bisherige Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sieht eine vierte Dosis für alle derzeit nicht vor. Auch Bund und Länder planen mit einer größer angelegten Impfkampagne erst für den Herbst, wenn besser an Omikron angepasste Impfstoffe zugelassen werden könnten. Die Stiko empfiehlt den zweiten Booster explizit nur den über 70-Jährigen und Menschen mit einer Immunschwäche – mit einem der bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffe und frühestens drei Monate nach der letzten verabreichten Dosis. Auch Beschäftigte in Pflegeheimen und medizinisches Personal sollten sich ein viertes Mal impfen lassen, frühestens sechs Monate nach der dritten Dosis.

Wer immungesund ist und unter 70, braucht die Auffrischung nach Auffassung von Experten und Expertinnen vorerst nicht. Das hat auch mit dem Impfziel zu tun, wie die Stiko festhält: „Schwere Verläufe, Hospitalisierungen und Tod sowie Langzeitfolgen durch Covid-19 in der Bevölkerung Deutschlands so weit wie möglich zu reduzieren“. Die Impfungen sollen zuallererst helfen, das Schlimmste zu vermeiden, nicht unbedingt aber alle Ansteckungen sowie milde bis moderate Verläufe.

Coronavirus: Immungesunde jüngere Menschen haben geringeres Risiko für schweren Verlauf

Über 70-Jährige und Menschen mit Immunschwäche haben zwar nach drei Impfungen ein geringeres Risiko als ganz ohne Impfung, schwer zu erkranken. Es ist aber in vielen Fällen immer noch relativ hoch, vor allem, wenn die letzte Impfung Monate zurückliegt. Bei immungesunden jüngeren Menschen sieht das in der Regel anders aus. Auch ihr Risiko einer Ansteckung steigt, aber das für einen schweren Verlauf bleibt längerfristig gering, wenn sie dreifach geimpft sind. Auch bei der Omikron-BA.5 bleibt das so.

Mit der vierten Dosis wird der Schutz vor Infektion und Erkrankung wiederhergestellt, den man nach der dritten Dosis hatte.

Carsten Watzl, Immunologe

Auch angesichts rasant zunehmender Ansteckungen weicht die Stiko von ihrem Kurs vorerst nicht ab, wie der Vorsitzende Thomas Mertens Ende Juni deutlich machte. Hinter einer allgemeinen Empfehlung zu einer weiteren Auffrischimpfung müsse eine begründete medizinische Indikation stehen. Die Annahme „Viel hilft viel“ könne nicht der Leitsatz sein. Es fehlten auch ausreichend belastbare Daten, um eine Auffrischung für alle mit den bisherigen Impfstoffen zu begründen. Der Fokus solle jetzt auf den stark Gefährdeten liegen, gerade auch, weil sich bisher deutlich zu wenige von ihnen zu einer vierten Impfung entschlossen haben, teilte auf Anfrage auch der Deutsche Hausärzteverband mit.

Corona: Olaf Scholz ruft zur vierten Impfung auf – und hat sie selbst schon erhalten

Widersprüchliche Signale kommen aus der Politik. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach empfiehlt den zweiten Booster für Menschen unter 60 Jahren. Olaf Scholz (SPD) rief Anfang Juli beispielsweise – entgegen der Stiko-Empfehlung – alle Menschen ab 60 Jahren zu einer vierten Impfung auf. Der 64-Jährige verriet, dass er selbst auch zu den sieben Prozent der Menschen in Deutschland zählt, die eine zweite Auffrischungsimpfung erhalten haben. Es wäre eine „gute Sache“, wenn alle Menschen über 60 das auch tun würden, „weil das hilft“, so der Bundeskanzler. In der Tat gibt es große Impflücken: Erst rund 20 Prozent der Älteren haben sich ihren zweiten Booster bisher abgeholt, wie aus RKI-Daten hervorgeht.

Aber impfen Hausärzte und Hausärztinnen überhaupt, wenn die Stiko eine vierte Impfung erst ab 70 Jahren empfiehlt? Da gibt es offensichtlich Spielraum. Die Stiko-Empfehlung ist dem Deutschen Hausärzteverband zufolge zwar ein Rahmen, aber nicht in Stein gemeißelt. Es müsse immer „die individuelle Situation des einzelnen Patienten betrachtet“ werden.

Vierte Corona-Impfung: Hausärzt:innen sollen die individuelle Situation betrachten

Das heißt: Ob jemand 69 oder 70 sei, werde nicht die alles entscheidende Frage sein. Ein Mittsechziger mit Vorerkrankungen könne unter Umständen gefährdeter sein als ein 70-Jähriger, der topfit ist. Daher sei es wichtig, dass sich die Patientinnen und Patienten an jemanden wenden, der sie und ihre Krankheitsgeschichte kennt. „Wer Fragen hat oder unsicher ist, sollte sich an seine Hausärztin oder seinen Hausarzt wenden“, empfiehlt der Verband und betont, dass Millionen von Menschen zudem noch erste Impfungen fehlen. „Wir brauchen daher eine positive Impfkampagne – nicht nur für die vierte Impfung, sondern auch um die Impflücken bei der ersten und der dritten Impfung zu schließen“, so der Sprecher.

Vierte Corona-Impfung im Impfzentrum: Gewisser Spielraum nach ärztlicher Abklärung

Auch die Impfzentren lassen nach ärztlicher Abklärung einen gewissen Spielraum zu – was sich aber von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. „Für wen eine vierte Impfung infrage kommt, ist immer eine ärztliche Entscheidung und kann durch das Land nicht vorgegeben werden“, heißt es etwa auf der Homepage der niedersächsischen Landesregierung. Die meisten Expertinnen und Experten seien sich aber einig, dass eine zweite Auffrischungsimpfung für alle, die von der Stiko-Empfehlung nicht eingeschlossen sind, „derzeit nicht notwendig ist“. Anders etwa in Bremen. „Ab sofort“ sei allen volljährigen Personen auch ohne explizite Empfehlung der Zugang zu einer zweiten Auffrischimpfung sechs Monate nach der ersten Auffrischimpfung möglich.

Was also tun, wenn man als jüngerer Mensch trotz fehlender Empfehlung eine vierte Impfdosis haben möchte, um gut geschützt durch den Sommer zu kommen? Im Zweifel lohnt ein Anruf beim Hausarzt, der Hausärztin, Impfzentrum- oder Station. So viel ist sicher: Das Immunsystem wird mit einem erneuten Booster nicht übersättigt. „Mit der vierten Dosis wird der Schutz vor Infektion und Erkrankung wiederhergestellt, den man nach der dritten Dosis hatte“, erklärt Immunologe Watzl. Gleichzeitig ist klar: Eine zweite Auffrischung bietet nur einen temporären Effekt, gerade, was den Schutz vor Ansteckung betrifft. Viele, vor allem mit Risikofaktoren, würden sich wahrscheinlich ein fünftes Mal impfen lassen müssen. „Das schadet immunologisch gesehen aber nicht.“ (Saskia Heinze)

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