+
Viel hilft nicht immer viel: Neben Gülle werden Flächen zusätzlich oft noch mit Kunstdünger behandelt.

Landwirtschaft

Zu viel Stickstoff in den Böden

  • schließen

Weil die Felder übermäßig und an den falschen Stellen gedüngt werden, fordern Wissenschaftler und Umweltschützer ein Umdenken – nicht nur bei den Landwirten.

Das Problem ist bekannt – und dennoch sinkt der Stickstoffeintrag nicht in dem Maße, wie es erforderlich wäre. Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Landwirte den Eintrag verringern können, hat der Wissenschaftler Clemens Scheer vom KIT-Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen nun mit einer internationalen Expertengruppe sowie der Unterstützung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengetragen. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Der weltweite Einsatz von Stickstoffdünger muss sinken und viel effizienter werden.

Stickstoff ist unentbehrlich für das Wachstum von Pflanzen. Jahrhundertelang setzen Menschen in der Landwirtschaft auf natürliche stickstoffhaltige Dünger wie Gülle und Mist. Als es den Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch Anfang des vergangenen Jahrhunderts gelang, Stickstoff aus der Luft in einer stabilen Verbindung zu fixieren, kam das einer Revolution gleich. Bis heute sichert das Haber-Bosch-Verfahren die Ernährung der ständig wachsenden Erdbevölkerung.

Doch durch die Überdüngung wird das Segen bringende Verfahren zum Problem. Nur etwa 40 Prozent des heute weltweit durch Kunstdünger in die Natur eingebrachten Stickstoffs werden von Nutzpflanzen tatsächlich aufgenommen. Der Rest landet in der Umwelt – im Wasser, in der Atmosphäre oder im Boden. Ein Überschuss an Stickstoff führt daher nicht zu höheren Erträgen. „Die Beziehung zwischen dem Einsatz von Stickstoff und der Steigerung von Ernteerträgen ist nicht linear“, sagt Scheer. Es gebe einen optimalen Bereich für die Düngung, den die Landwirte nicht überschreiten sollten.

Außerdem sei es sinnvoller, natürlichen Dünger statt synthetischer Düngemittel zu verwenden. Der Anbau von Hülsen- sowie Zwischenfrüchten könnten ebenfalls überschüssigen Stickstoff binden. Zudem sollten sich die Staaten ein Minderungsziel für das massiv klimaschädliche Lachgas geben, das bei hohem Stickstoffeintrag in die Atmosphäre entweicht.

Das Gutachten

„Der Mensch greift drastisch in den natürlichen Stickstoffkreislauf ein“, stellte der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem Sondergutachten zum Stickstoff 2015 fest. Das gelte vor allem, „seit vor etwa einhundert Jahren ein industrielles Verfahren zur Herstellung von Düngemitteln entwickelt wurde, das nicht-reaktiven Luftstickstoff in reaktive Stickstoffverbindungen umwandelt“.

Dem jetzt veröffentlichten Papier zufolge ist die Stickstoffdüngung vor allem in Industriestaaten ineffizient. „Die Stickstoff-Zufuhr in Deutschland beträgt ungefähr 200 Kilogramm je Hektar“, sagt Friedhelm Taube, Agrarökologe an der Universität Kiel. Davon komme die eine Hälfte aus Mineraldünger, die andere stamme aus Gülle, Gärresten und weiterem organischen Dünger wie Hülsenfrüchten. In der öffentlichen Diskussion geht es zumeist um die Überdüngung durch Gülle. Vor allem im Nordwesten Niedersachsens, aber auch in Gegenden von Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Bayern sind die Tierbestände zu hoch, dort fällt dann viel zu viel Gülle an. „Bis zu zwei Tiere pro Hektar gelten bei Kühen als umweltverträglich“, sagt Christian Rehmer, Agrarexperte beim Umweltverband BUND. Die Obergrenze gilt Ökologen als Indiz für ein gutes Verhältnis von Tierbeständen und Böden. Häufig ist sie überschritten.

In den Zentren der Tierhaltung gibt es zudem ein Problem mit zu hoher Zufuhr von Mineraldüngern. „Dort wird noch zu viel Mineraldünger zusätzlich eingesetzt, weil leider viele Landwirte den Nährstoffwirkungen aus der Gülle nicht ausreichend vertrauen“, sagt Taube. Eine ausgewogene Gülledüngung sei kein Problem, aber zu hohe Dosierung, falsche Ausbringungszeitpunkte und unsachgemäße Ausbringungstechniken, die hohe Ammoniakverluste zur Folge hätten, führten dazu, dass Pflanzen den Nährstoff nicht ausreichend aufnehmen können.

Mit angepasster Düngung, wie die Forschung es vorschlägt, will der Deutsche Bauernverband (DBV) das Problem in Griff bekommen. „Eine präzise und bedarfsgerechte Düngung mit einer effizienten, emissionsarmen Ausbringungstechnik für Wirtschaftsdünger ist der Schlüssel, um die Einträge entsprechend der gesetzlichen Vorgaben anzupassen“, sagt DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken. Dadurch seien seit 1990 die Stickstoffeinträge um 21 Prozent gesunken.

Taube fordert Nährstoffbilanzen für die Agrarbetriebe. „Wir müssen die Nährstoffflüsse in den Betrieb hinein und aus dem Betrieb heraus bilanzieren und scharfe Grenzwerte für erlaubte Überschüsse ziehen.“ Hochertragsstandorte können durchaus mehr als 200 Kilogramm Sickstoffeinsatz je Hektar in Erträge umsetzen, schwächere Standorte wie Sandböden jedoch nicht.

Deshalb sei vor allem die Vermeidung von Überschüssen entscheidend, so der Wissenschaftler. Die maximal erlaubten Überschüsse müssten dann aber auch konsequent kontrolliert werden – daran mangele es bislang.

BUND-Experte Rehmer regt an, mehr mit Mist zu düngen. Tierställe mit Stroh auszulegen sei zudem artgerechter als Spaltböden, bei denen Kot und Urin abfließen. Das hat noch einen weiteren Vorteil: „Im Festmist ist der Stickstoff besser gebunden“, sagt Rehmer. Zudem müssten die Tierbestände sinken, damit weniger Gülle anfällt. Auch die Bürgerinnen und Bürger sind gefordert, weniger Produkte tierischer Herkunft zu verzehren, sind sich die Forscher Scheer und Taube einig. Eine fleischreduzierte Ernährung könne dazu beitragen, dass weniger Futterpflanzen angebaut und gedüngt werden müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare