Forscherinnen aus Rockville (US-Bundesstaat Maryland) untersuchen eine Probe von Viren, die die Lunge befallen.
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Forscherinnen aus Rockville (US-Bundesstaat Maryland) untersuchen eine Probe von Viren, die die Lunge befallen.

Corona-Virus

Die verzweifelte Jagd nach dem Impfstoff

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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  • Thorsten Fuchs
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Weltweit forschen Wissenschaftler an Medikamenten und einem Impfstoff gegen Sars-Cov-2 - ein Wettlauf gegen die Zeit.

Am Abend des siebten Tages greifen die Ärzte des Providence Regional Medical Center in Everett, US-Bundesstaat Washington, zu ihrem letzten Mittel. Seit einer Woche ist der 35-jährige Patient bei ihnen, der nach einer Reise zu seiner Familie in Wuhan, China, über Fieber und Husten geklagt hatte. Das Ergebnis des Abstrichs, den die Ärzte per Flugzeug in ein Labor nach Atlanta geschickt hatten, hatte ihren Verdacht bestätigt: Sie hatten den ersten Corona-Patienten in den USA vor sich.

In den ersten Tagen auf einer kleinen Isolierstation klagt der Patient nur über leichte Symptome. Dann aber verschlechtert sich sein Zustand rapide. Röntgenaufnahmen zeigen eine schwere Lungenentzündung, er muss künstlich beatmet werden. Am Abend des siebten Tages nun, dem 26. Januar, geben ihm die Ärzte ein Medikament, das ursprünglich gegen Ebola und das gefährliche Marburgvirus entwickelt worden war: Remdesivir.

Auch in diesem Forschungslabor in San Diego wird ein Mittel gegen Covid-19 gesucht.

Dann geschieht das Erstaunliche: „Am achten Tag in der Klinik verbesserte sich der Zustand des Patienten“, berichteten die Ärzte vor Kurzem im „New England Journal for Medicine“. Er bekommt wieder Luft, der Appetit kehrt zurück, nur der Husten plagt ihn noch. Drei weitere Tage später, am 30. Januar, konnte der Patient die Klinik verlassen.

Bloßer Zufall – oder hat das Medikament dem Mann das Leben gerettet? Das vermuten die Ärzte – beweisen können sie es nicht. Klar ist aber, dass mit dem erfolgreichen Einsatz beim amerikanischen Patienten null eine erstaunliche Karriere des Mittels begann. Eigentlich galt Remdesivir bereits als Versager, nachdem es in Studien mit Ebola-Patienten im Kongo anderen Mitteln deutlich unterlegen war. Nun aber avanciert es plötzlich zum obersten Träger zarter Hoffnungen im Kampf gegen Covid-19, die durch das neue Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit.

Die Hoffnung gründet sich auf Erfahrungen wie jene mit dem 35-jährigen Patienten aus dem US-Bundesstaat Washington. Es gibt weitere solcher Geschichten, gerade etwa die eines 79-Jährigen in Italien, der nach Remdesivir-Gabe wieder aus der Klinik entlassen werden konnte. Vor allem gründet sie darauf, dass es Forschern der University of North Carolina gelungen war zu zeigen, dass das Mittel die Vermehrung der verwandten Sars- und Mers-Viren in infizierten Lungenzellen tatsächlich stoppen kann.

Weltweit laufen nun bereits mehrere Studien zur Wirksamkeit von Remdesivir bei Covid-19, Anfang April sollen auch an drei deutschen Kliniken die ersten Studien beginnen. Einen Beweis gibt es also bislang nicht, nur einige medizinische Anekdoten. Aber unter Klinikern, die Covid-19-Patienten behandeln, gilt Remdesivir als durchaus aussichtsreicher Weg.

Die Forschung bewegt sich auf einem schmalen Grat

Als „breit wirksame vielversprechende neue Waffe“ bezeichnet etwa der Infektiologe Professor Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover das Mittel, dessen erfahrener und als erfolgreich geltender Hersteller auch für eine zuverlässige Verbreitung sorgen könnte. „Es sieht dort also gut aus, sehr, sehr schnell zu einem Wissenszuwachs und zu Handlungsoptionen zu gelangen“, erklärt Stoll.

Genau das wäre auch dringend nötig – denn immer klarer wird, dass wohl nur die Medizin und die Pharmaforschung das Virus letztlich stoppen können.

Den Durchbruch im Kampf gegen Sars-CoV-2 könnte wiederum nur ein Impfstoff bringen. Aber bis der verfügbar ist, könnten Medikamente für die schwersten Fälle Leben retten – und letztlich auch die Kliniken entlasten. Die Entwicklung neuer Medikamente ist enorm aufwendig und dauert meist viele Jahre – infrage kommen jetzt als rasche Hilfe nur bereits vorhandene und getestete Mittel, die gegen andere Krankheiten entwickelt wurden, zusätzlich aber auch gegen Covid-19 helfen könnten. Da ist Remdesivir, bei aller Vorsicht, zurzeit der wohl aussichtsreichste Kandidat.

Bis zu einem Impfstoff wird noch ein Jahr vergehen

Die medizinische Forschung bewegt sich derzeit auf einem schmalen Grat. Weltweit arbeiten Wissenschaftler gemeinsam unter Hochdruck an Mitteln gegen das neue Virus – und haben dabei schon wichtige Fortschritte erzielt. Trotzdem ist ein Durchbruch bislang allerdings nicht in Sicht. So steigt die Gefahr, dass Politiker und Forscher unter dem Druck steigender Infiziertenzahlen die Sicherheit neuer Mittel hintanstellen – und damit wiederum Patienten gefährden könnten.

So hat in Seattle vor wenigen Tagen die 43-jährige Jennifer Haller als erste Testperson bereits einen Sars-CoV-2-Impfstoff injiziert bekommen. Hinter dem Versuch steht das Unternehmen Moderna, eine von weltweit 41 Biotech-Firmen und Forscherinitiativen, die sich einen Wettlauf um den ersten Impfstoff liefern. Noch im Juni will auch das deutsche Unternehmen Curevac aus Tübingen mit klinischen Tests beginnen. Beide arbeiten mit einem neuen Verfahren, einer Boten-RNA, bei der die Patienten nicht, wie im klassischen Verfahren, einen abgeschwächten Erreger erhalten, sondern ein Mittel gespritzt bekommen, mit dem die Körperzellen Antigene produzieren, die die Immunzellen wiederum zur Produktion von Antikörpern anregen.

Der Vorteil: Die Entwicklung und Produktion dieser Mittel geht relativ schnell, auch in größeren Stückzahlen. Ein Nachteil: Bislang gibt es weltweit noch keinen zugelassenen Impfstoff auf der Basis dieses Verfahrens.

Was die Entwicklung eines Impfstoffs so langwierig macht, ist nicht die Suche nach einem geeigneten Modell – es sind die aufwendigen Tests vor der Zulassung. Labortests, Tierversuche, dann drei klinische Phasen, in denen die Forscher Unschädlichkeit und Wirksamkeit der Stoffe beweisen müssen. Mit den jetzigen Tests hat Moderna noch vor Abschluss der Tierversuche begonnen. Die Abkürzung hat den Segen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Risiko bleibt sie dennoch.

Vor Ablauf von einem bis eineinhalb Jahren rechnet derzeit kein seriöser Experte mit einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 – der dann in einem ersten Schritt sicher auch zunächst an medizinisches Personal und später erst an andere Berufsgruppen gegeben würde.

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