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März 2020: In Durbans Nala Mandate Church in Südafrika wird von Gott erbeten, das Coronavirus auf Distanz zu halten.
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März 2020: In Durbans Nala Mandate Church in Südafrika wird von Gott erbeten, das Coronavirus auf Distanz zu halten.

GASTBEITRAG

Vergessene Welten in der Pandemie

Der Globale Süden kommt in Berichten wichtiger Medien über Corona extrem zu kurz. Das scheint leider System zu haben.

Das Jahr 2020 wird voraussichtlich als „Corona-“, beziehungsweise „Pandemie-Jahr“ in die Geschichte eingehen. Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt und kaum einen Bereich des Lebens, der von den Auswirkungen von Sars-CoV-2 unbeeinflusst geblieben wäre. Umso wichtiger ist die Frage, wie die Medien, in denen die Pandemie dominierte, mit diesem Thema umgingen und insbesondere auch, ob geografisch ausgewogen berichtet wurde. Ein großer Teil der Betroffenen lebt im Globalen Süden (früher auch Entwicklungsländer oder Dritte Welt genannt), dessen medizinische und wirtschaftliche Möglichkeiten im Vergleich zum „Westen“ sehr begrenzt sind, um den Folgen der Pandemie zu begegnen.

Eine Auswertung der Berichterstattung der wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtensendung, der „Tagesschau“ der ARD um 20 Uhr, zeigt, dass 2020 fast die Hälfte der Sendezeit (ohne Sport und Wetter) auf das Virus und seine Auswirkungen entfiel – im Zuge der ersten Corona-Welle waren es im April des Jahres sogar rund 80 Prozent.

An 224 von 366 Tagen war in der „Tagesschau“ die Pandemie das Topthema. Wichtig ist dabei aber zu differenzieren und aufzuschlüsseln, über welche geografischen Räume im Zusammenhang mit dem Virus berichtet wurde, denn lediglich ein Bruchteil der Sendezeit entfiel auf die Staaten des Globalen Südens. In der Tat berichtete die „Tagesschau“ in etwa nur fünf Prozent ihrer Sendezeit zur Pandemie über den Globalen Süden, und da vor allem über China. Etwa zwei Drittel der Pandemie-Sendezeit widmete sie den Entwicklungen in Deutschland, fast 29 Prozent dem nicht zum Globalen Süden gehörenden Ausland (vor allem der EU, den anderen europäischen Staaten und den USA).

Dabei machten zahlreiche Hilfsorganisationen und Institutionen auf die dramatische Lage im Globalen Süden aufmerksam und warnten vor massiven Auswirkungen der Pandemie.

Die Welthungerhilfe zum Beispiel wies darauf hin, dass “[s]owohl das Virus selbst als auch die damit einhergehenden Beschränkungen […] zum Hungertod von mehr als 10 000 Kindern pro Monat führen“ könnten und wies darauf hin, dass diese „stille Tragödie“ immer mehr in den Hintergrund rückte. Die Warnung von Unicef, dass durch die Pandemie zusätzlich 6,7 Millionen Kinder bis zum Ende des Jahres unter akuter Mangelernährung leiden könnten, wurde in der „Tagesschau“ vermeldet – der Beitrag in der Sendung vom 28. Juli dauerte aber lediglich 25 Sekunden.

Auch der Beitrag zum Welternährungsbericht zwei Wochen zuvor, wo berichtet wurde, dass die Gesamtzahl der Hungernden infolge Corona im Laufe des Jahres um 130 Millionen auf dann 820 Millionen steigen könnte, war nur 35 Sekunden lang.

Zur Person

Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim.

Symptomatisch für den nachrangigen Stellenwert, den der Globale Süden in der Verteilung der Berichte einnimmt, ist wohl auch, dass der Beitrag über die Vergabe des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm (WFP) der UN am 9. Oktober als letzter von insgesamt acht Beiträgen an dem Abend ausgestrahlt wurde.

Die Berichterstattung der „Tagesschau“ stellt keine Ausnahme dar. 2020 wurden insgesamt 74 „ARD-Extra“-Sondersendungen zur Corona-Lage in Deutschland ausgestrahlt, die Pandemie-Situation in den Ländern des Globalen Südens und zahlreiche andere Katastrophen, die sich dort ereigneten, wurden in den Medien dagegen erst gar nicht berücksichtigt oder nur marginal behandelt. Hierzu gehört zum Beispiel die laut Unicef eine Rekordhöhe erreichende Hungersituation im Jemen, wo nach Angaben des Hilfsbündnisses „Aktion Deutschland hilft“ bereits Mitte des Jahres mehr als 80 Prozent der Bevölkerung auf Lebensmittelhilfe angewiesen waren.

Weder der Super-Zyklon „Amphan“, der im Mai Küstenregionen von Indien und Bangladesch verwüstete und von dessen Auswirkungen bis zu 60 Millionen Menschen betroffen waren, noch der Hurrikan „Iota“, der im November in Mittelamerika (vor allem in Nicaragua) zahlreiche Opfer forderte und Schäden in Milliardenhöhe hinterließ, wurden in der „Tagesschau“-Hauptsendung signifikant berücksichtigt.

Ebenso verhielt es sich mit den Überflutungen im erst kurz zuvor von Heuschreckenschwärmen heimgesuchten Osten Afrikas im Frühjahr 2020, in deren Folge allein in Kenia mehr als 150 000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Und obwohl seit November 2020 in der Region Tigray in Äthiopien ein bis heute andauernder Krieg wütet, widmete die „Tagesschau“ dem afrikanischen Land, in dem etwa 110 Millionen Menschen leben, von den im Jahr 2020 insgesamt knapp 3200 ausgestrahlten Berichten (ohne Sport und Wetter) lediglich zwölf Beiträge.

Deutlich wird die massive Vernachlässigung des Globalen Südens beim Vergleich der Anzahl der Berichte, in denen die entsprechenden Staaten erwähnt wurden. Während beispielsweise Irland, das eine Bevölkerung von rund fünf Millionen zählt, 2020 in 21 Berichten der „Tagesschau“ Erwähnung fand, wurde Bangladesch mit annähernd 165 Millionen Menschen in lediglich neun Beiträgen berücksichtigt. Bei Nigeria – an die 214 Millionen – waren es lediglich sechs Beiträge, bei Indonesien, das mit ungefähr 271 Millionen der Staat mit der viertgrößten Bevölkerung ist, sogar nur fünf. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Bevölkerungszahl und der Anzahl der Berichte: So kommt bei Irland auf etwa 240 000 Menschen ein Bericht in der „Tageschau“, bei Äthiopien sind es dagegen dast 9,3 Millionen, bei Bangladesch 18,3 Millionen und bei Indonesien sogar 54,2 Millionen.

Die massive Vernachlässigung dieser Staaten in der Berichterstattung der „Tagesschau“ im „Pandemie-Jahr“ 2020 stellt den bisherigen Höhepunkt einer permanenten medialen Marginalisierung des Globalen Südens dar. Dies macht eine im vergangenen Jahr publizierte Langzeitstudie mit dem Titel „Vergessene Welten und blinde Flecken“ deutlich, in der unter anderem über 5100 Sendungen der „Tagesschau“ aus den Jahren 1996 und 2007 bis 2019 sowie Berichte in deutsch-, englisch- und französischsprachigen Leitmedien untersucht wurden.

Die vollständige Studie, eine Videozusammenfassung sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Poster-Wanderausstellung können kostenlos eingesehen, beziehungsweise heruntergeladen werden: auf www.ivr-heidelberg.de

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