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Die invasivste Art aller Zeiten: Seeleute brachten die Katze auf jeden Kontinent und jede Insel.

Artenvielfalt

Die Verdränger

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Die Zahl gebietsfremder Arten nimmt rasant zu. Der einheimischen Tierwelt können diese Einwanderer schwer zu schaffen machen.

Mit Sorge beobachten nicht nur Mediziner die Ausbreitung der Tigermücke. Die eigentlich in tropischen Gefilden heimischen Blutsauger haben es bis nach Europa geschafft, in diesem Sommer tauchten Tigermücken sogar im Frankfurter Stadtgebiet auf. Es sind gefürchtete Neuankömmlinge. Denn Tigermücken gehören zu den potenziellen Überträgerinnen gefährlicher Krankheitserreger, darunter das Zika-, Dengue- und das West-Nil-Virus.

Ebenfalls aus anderen Breiten stammend und nicht sonderlich beliebt ist der Asiatische Laubholzbockkäfer, ein exotischer Schädling, der Laubhölzer befallen kann und für Bäume das Todesurteil bedeutet, nicht nur für den direkt betroffenen: „Im Umkreis von hundert Metern müssen alle Bäume gefällt werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern“, sagt Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum Frankfurt. Der Ökologe beschäftigt sich mit dem von Menschen verursachten Wandel der biologischen Vielfalt auf der Erde. Und in dieser Beziehung ist eine Menge passiert in den vergangenen Jahrhunderten. Verantwortlich für diese Entwicklung ist in erster Linie der globale Handel, der – meist ungewollt und unbemerkt – Tiere und Pflanzen per Schiff, Flugzeug oder Bahn über die eigentlich von der Natur gesetzten Grenzen hinweg transportiert. Häufig gelangen sie zusammen mit der Fracht in die Container oder tummeln sich in den Tanks mit Ballastwasser, das Schiffen auf hoher See Stabilität verleiht, erläutert der Wissenschaftler.

Bereits die Römer (denen wir unter anderem den Fasan zu verdanken haben) brachten von ihren Feldzügen fremdes Getier ins Land. Einen großen Schub gab es dann vor etwa 500 Jahren, als der Warentransport über die Weltmeere immer größere Ausmaße annahm. Mit dem rasanten Ausbau des internationalen Handelsnetzes in den vergangenen Jahrzehnten habe die Verbreitung gebietsfremder Arten – sogenannter Neobiota – dann mit ebensolcher Geschwindigkeit zugenommen, sagt Seebens: „Die Kurve geht steil nach oben.“ Experten gehen von mindestens 800 nicht einheimischen Tier- und Pflanzenarten allein in Deutschland aus. Der Klimawandel erleichtere es ihnen, sich in der für sie ungewohnten Umwelt zu etablieren und stellte für heimische Arten einen zusätzlichen Stressfaktor dar, sagt Seebens, die eigentliche Ursache für die steigende Zahl der Einwanderer sei er jedoch nicht.

Nur ein Bruchteil – höchstens zehn Prozent – der eingeschleppten Tiere und Pflanzen zählt allerdings den zu den „invasiven Arten“, was bedeutet, dass sie Schaden in ihrer neuen Heimat anrichten: weil sie Teile der angestammten Fauna und Flora verdrängen oder eben auch zum gesundheitlichen Risiko für die Menschen werden. Ein Klassiker unter den invasiven Pflanzen ist die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Ambrosia, die schwere Allergien auslösen kann. Im Ranking der „big killers“ mit den größten negativen Einflüssen auf die Natur liegen invasive Arten an vierter Stelle hinter der Landnutzung, der Landwirtschaft und der Ausweitung von Siedlungsgebieten – wobei das Problem in den USA weitaus größer sei als in Europa; aus noch ungeklärten Gründen, wie Seebens sagt.

Verheerendster Einfluss - und trotzdem beliebt

Dass der Tigermücke und dem Asiatischen Laubholzbockkäfer die unschönen Eigenschaften von Invasoren zuzuschreiben sind, wird die meisten nicht wundern, beide zählen kaum zu den Sympathieträgern in der Tierwelt. Ganz im Gegenteil zu jener Art, die in den vergangenen Jahrhunderten weltweit den massivsten, wohl auch verheerendsten Einfluss ausgeübt hat: Denn das ist die Katze. „Seefahrer nahmen sie auf ihren Schiffen mit, um die Ratten und Mäuse an Bord zu bekämpfen“, erzählt Seebens. Auf diesem Weg gelangten alle drei Arten im Laufe der Jahrhunderte auf nahezu jede Insel der Erde.

Die Anpassung an die unterschiedlichsten  Bedingungen fiel den Miezen nicht schwer: „Katzen sind opportunistisch.“ Die Leidtragenden dieser Flexibilität waren und sind vor allem kleine Reptilien und Vögel. Insbesondere Bodenbrüter und nicht-flugfähige Vogelarten seien gefährdet, Opfer der vierbeinigen Räuber zu werden, sagt Seebens – und das noch verstärkt, weil sie in ihnen oft keinen Feind erkennen. Zum Verhängnis wird das etwa den Kakapos in Neuseeland, wo es ursprünglich keine Katzen gab und ein Fluchtverhalten deshalb nicht in den Genen dieser fluguntauglichen Papageien verankert ist.

Inseln sind besonders empfindlich

Inseln seien besonders empfindlich für die Einflüsse von Invasoren, sagt der Frankfurter Wissenschaftler. Das betrifft auch ein anderes possierliches Tierchen, nämlich das aus Nordamerika stammende graue Eichhörnchen, das in Großbritannien seinen roten europäischen Verwandten allmählich zu verdrängen droht. Der Grund liegt – wie häufig – vor allem in mitgebrachten Krankheiten. Die Eindringlinge sind mit den Erregern vertraut, das Immunsystem der einheimischen Arten jedoch kennt sie nicht und kommt deshalb schlechter damit zurecht.

Ebenfalls aus Nordamerika kommt der Waschbär. Hanno Seebens geht davon aus, dass ein Großteil der hiesigen Population von Tieren abstammt, die einst in Pelzfarmen gehalten wurden. Viele dieser Farmen seien während des Zweiten Weltkriegs aufgegeben worden, die Waschbären seien ausgebrochen und hätten sich eifrig vermehrt. Den Bestand in Deutschland schätzt Seebens aktuell auf eine Million Individuen. Doch auch wenn manche die Tiere als Plage empfinden – als invasive Art gilt der Waschbär dennoch nicht. Denn er schadet anderen nicht wirklich.

Beim Halsbandsittich ist die Situation grenzwertig, doch auch ihn würde Hanno Seebens nicht als invasiv einordnen. Die aus dem indisch-asiatischen Raum stammenden kleinen Papageien seien klassische Käfigflüchtlinge, denen milde Winter das Überleben in unseren Breiten erleichterten. In besonders großen Kolonien sind die geselligen Vögel in Wiesbaden, Heidelberg und Köln anzutreffen. Während sich manche Menschen vom Lärm der grellgünen Schar in den Bäumen und deren Ausscheidungen belästigt fühlen, stellen die intelligenten Papageien für andere Vögel eine Konkurrenz um Futter und Nistplätze dar.

Pazifische Auster im Wattenmeer

Reichlich breit gemacht hat sich im Wattenmeer die pazifische Auster, ihr gelinge es besser als anderen Arten, sich im Schlick festzuhalten, erläutert Seebens. Außerdem gilt sie als besonders robust und krankheitsresistent. Inzwischen, so der Wissenschaftler, gebe es hektargroße Bereiche im Wattenmeer, die von pazifischen Austern übersät seien.

Im Süßwasser wiederum hat der invasive nordamerikanische Flusskrebs seine europäischen Verwandten an den Rand der Ausrottung gebracht. Die Artgenossen von Übersee stecken sie mit der Krebspest an. Während die Amerikaner gegen den pilzähnlichen Erreger resistent sind, sterben die europäischen Krebse in der Regel an der Infektion.

Wie jedoch mit den Eindringlingen umgehen? In dieser Frage sind sich Experten nicht einig. Die Invasoren gezielt bekämpfen, um ihren Bestand wieder zu reduzieren? Bei Mücken, Käfern und vielleicht auch beim Flusskrebs könnte das breite Akzeptanz finden. Aber Stubentigern und Eichhörnchen nachstellen? Da wäre der Aufschrei mit Sicherheit groß. Gleichwohl gibt es Befürworter rabiater Maßnahmen. Andere hingegen sind der Ansicht, auch die Ausbreitung eingeschleppter Arten gehöre zum Lauf der Dinge, da solle man als Mensch nicht eingreifen.

Nicht zu den gebietsfremden und schon gar nicht zu den invasiven Arten zählt übrigens der Wolf. Auch wenn manche die Graupelze gerne wieder los wären, so waren Wölfe früher in Deutschland heimisch und erobern sich nun schlicht altes Terrain wieder zurück.

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