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US-Militär gibt bisher geheim gehaltene Daten frei – und ermöglichen spektakuläre Entdeckung im Weltall

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Von: Tanja Banner

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Bisher geheim gehaltene Daten der Space Force verhelfen Forschenden zu einer ungewöhnlichen Entdeckung im Weltall.

Cambridge – Der erdnahe Weltraum wird nicht nur von Raumfahrtorganisationen wie der US-amerikanischen Nasa oder ihrem europäischen Pendant Esa beobachtet, sondern auch vom Militär. Das US-Verteidigungsministerium nutzt beispielsweise Sensoren, um den Himmel auf nukleare Detonationen zu überwachen. Diese Sensoren spüren jedoch auch etwas anderes auf, für das das Militär kein Interesse hegt: sogenannte Feuerkugeln. Dabei handelt es sich um besonders helle Meteore, die in der Erdatmosphäre verglühen. Explodiert eine solche Feuerkugel in der Atmosphäre, wird sie Bolide genannt – sie wird dann so hell, dass sie sogar tagsüber zu sehen ist.

Während Feuerkugeln für das Militär von geringem Interesse sind, sind die Daten über diese Himmelserscheinungen für die Forschung besonders interessant: Anhand der Lichtkurve und der Daten über die Höhe, in der der Himmelskörper zerbrach, können Forschende ermitteln, woraus er bestand. Außerdem kann die Flugbahn des Himmelskörpers anhand der Lichtkurve genauer bestimmt werden. Bisher waren die Daten der militärischen Sensoren unter Verschluss, doch nun hat die US Space Force Daten freigegeben, auf die Forschende schon lange Zugriff haben wollten.

Erdnaher Weltraum: US-Militär gibt Daten über Boliden frei

Die nun für Forschende verfügbaren Informationen reichen mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit und beinhalten unter anderem die Veränderung der Helligkeit von Boliden, während sie durch die Erdatmosphäre rasten – die Lichtkurven. Die sind für Forschende, die im Bereich der planetaren Verteidigung arbeiten, von großem Interesse, denn mit ihrer Hilfe können Modelle verfeinert werden, die die Auswirkungen größerer Asteroiden-Einschläge vorhersagen. Der Einschlag eines Asteroiden kann im schlimmsten Fall tödlich sein, wie der Asteroid zeigt, der die Dinosaurier auslöschte. Heutzutage könnte die Menschheit den Einschlag eines „planetaren Killers“ jedoch möglicherweise überleben, zeigt eine aktuelle Studie.

Die erst kürzlich von der Space Force veröffentlichten Daten wurden bereits dazu genutzt, einen besonders spannenden Fall eines Boliden aufzuklären. Der Himmelskörper drang am 8. Januar 2014 über Papua-Neuguinea in die Erdatmosphäre ein und sorgte für Aufsehen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft, weil er sehr schnell unterwegs war. Vermutungen, es könnte sich um einen Himmelskörper interstellarer Herkunft – also von außerhalb unseres Sonnensystems – handeln, kamen auf.

Eine Feuerkugel ist eine sehr helle Sternschnuppe – explodiert sie in der Erdatmosphäre, wird sie Bolide genannt. (Symbolbild)
Eine Feuerkugel ist eine sehr helle Sternschnuppe – explodiert sie in der Erdatmosphäre, wird sie Bolide genannt. (Symbolfoto) © ZUMA Wire/Imago Images

Studie zu Bolide wurde nie veröffentlicht – Daten unterlagen der militärischen Geheimhaltung

Vor allem die Forscher Avi Loeb und Amir Siraj von der Harvard University widmeten dem Boliden viel Zeit, sie waren diejenigen, die zuerst über seine mögliche interstellare Herkunft berichteten. Nach dem Fund des interstellaren Himmelsobjekts ‘Oumuamua im Jahr 2017 hatten sie in öffentlich verfügbaren Daten nach weiteren möglichen interstellaren Besuchern gesucht und waren im Jahr 2014 fündig geworden. „Es schien ein Frontalzusammenstoß gewesen zu sein“, erklärt Loeb dem Portal Inverse. Aus den Daten – der Bolide war sehr schnell unterwegs – schlossen die beiden Forscher, dass es sich um ein Objekt aus dem interstellaren Raum gehandelt haben muss.

Doch die Studie, die Loeb und Siraj 2019 verfassten, wurde nie veröffentlicht. Weil die Daten der militärischen Sensoren der Geheimhaltung unterlagen und nicht verfügbar waren, fehlten den beiden Forschern Daten, die ihre Theorie hätten erhärten können. Bis heute ist die Studie, die auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht wurde, nicht in einem Fachjournal erschienen. Doch mit den neu veröffentlichten militärischen Daten bekommen auch Loeb und Siraj die lange gesuchte Bestätigung. Joel Mozer, Chefwissenschaftler des Space Operations Command in der US Space Force bestätigt den beiden Forschern schriftlich „dass die Geschwindigkeitsschätzung, die der Nasa gemeldet wurde, genau genug ist, um eine interstellare Flugbahn anzuzeigen“. Wie das Portal Vice berichtet, bemüht sich Siraj nun darum, die Original-Studie in einem Fachjournal zu veröffentlichen.

Space Force bestätigt: Bolide von 2014 kam aus dem interstellaren Raum

Der Bolide, um den es sich handelt, hatte Berichten zufolge einen Durchmesser von nur 0,45 Metern und traf die Erdatmosphäre mit einer Geschwindigkeit von mehr als 210.000 Kilometern pro Stunde. In ihrer Studie argumentierten Loeb und Siraj, dass die Geschwindigkeit des Objekts gepaart mit seiner Flugbahn mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit beweise, dass das Objekt von weit außerhalb unseres Sonnensystems stammt. Möglicherweise „aus dem tiefen Inneren eines Planetensystems oder eines Sterns in der dicken Scheibe der Milchstraßengalaxie“, schrieben die Autoren 2019.

Nach der Bestätigung durch die Space Force ist jetzt klar: Das Objekt, das am 8. Januar 2014 über Papua-Neuguinea in die Erdatmosphäre eingetreten ist, war ein interstellares Objekt – und nicht irgendeines: Es ist drei Jahre älter als ‘Oumuamua, das bisher als erstes interstellares Objekt in unserem Sonnensystem galt. Im Gegensatz zu dem kleinen Himmelskörper, der 2014 die Erde traf, befand sich ‘Oumuamua bei seiner Entdeckung weit von der Erde entfernt und raste mit großer Geschwindigkeit wieder aus unserem Sonnensystem hinaus.

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Der theoretische Astrophysiker Amir Siraj hat – neben der Veröffentlichung der Studie – nun noch einen weiteren Plan, was den kleinen interstellaren Himmelskörper angeht: Er möchte versuchen, Bruchstücke des Boliden zu finden. Das könnte eine aussichtslose Mission werden, doch Siraj gibt sich gegenüber Vice optimistisch: „Die Möglichkeit, das erste Stück interstellaren Materials zu erhalten, ist aufregend genug, um dies sehr gründlich zu prüfen und mit allen Experten für Meeresexpeditionen über die Bergung von Meteoriten zu sprechen.“ (Tanja Banner)

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