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RoesslerDie Stirn ist eine Wüste, was Bakterien angeht, wohler fühlen sie sich auf Hand und Unterarm.

Ökosystem Mensch

Unwirtliche Stirn

Eine fettige Gesichtspartie ist bei Bakterien eher unbeliebt. Der Mensch ist ein wandelndes Ökosystem. Forscher erarbeiten den Keim-Atlas der Haut.

Von Jasmin Michels

Wir bekämpfen sie, wo wir nur können, rücken ihnen auf Toilettensitzen und Telefonhörern mit Desinfektionsmitteln zu Leibe, gehen aus Angst vor Infektionen mit Handschuhen und engagiertem Putzen gegen sie vor - und vergessen dabei leicht, dass wir selbst Lebensraum für Billionen von Bakterien sind. Sie sind nicht nur fleißige Helfer in unserem Magen- und Darmtrakt, sie bevölkern auch in großer Zahl unsere Außenhülle.

"Auf der Haut leben je nach Stelle zwischen 100 und mehreren Hunderttausend Bakterien pro Quadratzentimeter", weiß Walter Däubener, Mikrobiologe an der Uniklinik Düsseldorf. Auch im Gehörgang und an Haarwurzeln tummeln sich die für das menschliche Auge unsichtbaren einzelligen Organismen.

Rund 200 verschiedene Bakteriengattungen pro Mensch fühlen sich laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des National Human Genome Research Institute in Bethesda in und auf uns wohl. Zusammen wiegen sie rund ein Kilogramm. Wir sind also ein wandelndes Ökosystem. Wen es jetzt überall zu jucken beginnt, den tröstet vielleicht die Tatsache, dass die meisten unserer Mitbewohner uns helfen, viele sogar überlebenswichtig sind.

Das Team um den Biochemiker Rob Knight von der University of Colorado machte sich daran, einen Atlas der Bakterienstämme auf unserer Haut zu erstellen. Die ersten Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht. Es zeigte sich, dass jede der 27 untersuchten Körperstellen einer anderen dominierenden Bakterienart ideale Lebensbedingungen bietet.

Der Lebensraum Mensch ähnelt in der Hinsicht der Erde: Wie es auf unserem Planeten Regenwald und Wüste gibt, sind auch die Lebensbedingungen in und auf den verschiedenen Körperzonen unterschiedlich. So wie in den unwirtlichen Lebensräumen der Erde nur wenige angepasste Lebewesen existieren können, finden sich auch in den dunklen und feuchten Winkeln unseres Körpers, etwa Achselhöhle oder Fußsohle, wenige, aber einander ähnliche und den Umständen angepasste Bakterienarten.

Die geringste Variation an Bakterienarten gibt es in der Mundhöhle. Auch die fettige Haut an der Stirn scheint eher eine Wüste unter den Körperlandschaften zu sein. Dort ist auch das Propionibakterium zu Hause - das unter anderem für die Löcher im Käse verantwortlich ist. Die bilden sich durch das CO2, das bei der Gärung der anaeroben, also unter Sauerstoffausschluss lebenden Bakterien entsteht. In trockenen Gebieten dagegen fühlen sich besonders viele Bakterienarten wohl, so etwa auf Handfläche, Zeigefinger, Unterarm und Kniekehle.

Immunsystem entscheidend

Die Besiedlung dieser Haut-Regionen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. So untersuchten die Wissenschaftler bereits in einer vorigen Studie 102 menschliche Hände und entdeckten darauf insgesamt mehr als 4200 verschiedene Bakterienarten. Nur fünf davon waren jedoch bei allen 51 Teilnehmern zu finden. Ob dies an den jeweiligen Lebensbedingungen liegt oder angeboren ist, ist bislang noch nicht geklärt.

Däubener vermutet, dass das Immunsystem eine Rolle spielt: "Jede Bakterienflora auf dem Körper stammt aus der Umwelt." Welche Bakterien vom Körper geduldet werden und welche nicht, bestimmt das Immunsystem - und das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Unser Verhältnis zu Bakterien ist gespalten. Auf der einen Seite verdanken wir ihnen unser Leben. Weil sie für uns wichtige Aufgaben erfüllen, aber auch, weil wir ohne sie nie existiert hätten. Wären nicht im Laufe der Evolution Cyanobakterien in andere Bakterien eingewandert, hätte sich nie eine durch Pflanzen geschaffene sauerstoffhaltige Atmosphäre entwickelt.

Und wären nicht später aerobe Proteobakterien wiederum für immer von anderen Bakterien geschluckt worden, hätten menschliche Zellen nicht entstehen können. Aus dem aeroben Proteobakterium wurde laut der Endosymbiontentheorie ein Mitochondrium, das in jeder tierischen Zelle zu finden und dort für die Energieversorgung zuständig ist.

Auf der anderen Seite können Bakterien krank machen. Auch solche, die zu unserer normalen Hautflora gehören. "Es gibt keine guten oder schlechten Bakterien", sagt Mikrobiologe Däubener. "Es gibt Keime, die weniger virulent (also infektiös oder ansteckend) sind, und diese schützen uns vor denen, die höher virulent sind."

Gefährlich werden können die zur Normalflora des Körpers gehörenden Keime, wenn sie ihren Standort verlagern. Während Darmbakterien uns etwa an der richtigen Stelle bei der Verdauung helfen, rufen sie woanders Infektionen hervor. Und Staphylokokken, die zu einer gesunden Haut gehören, können, wenn sie in die Blutbahn eindringen, lebensgefährliche Entzündungen der Herzkranzgefäße verursachen.

Im Krankenhaus können Bakterien zum Problem werden, weil kranke Menschen generell empfindlicher sind als Gesunde. Zudem wurden die dort auffindbaren Keime oft schon mit Antibiotika behandelt, können resistent werden und sind dann schwerer behandelbar. Noch ist die Bakterien-Landkarte der Forscher von der amerikanischen University of Colorado nicht fertiggestellt.

Wenn es so weit ist, hofft Rob Knight, könnten weitere Studien jedoch Zusammenhänge zwischen Bakterien-Varianten und bestimmten Krankheiten ans Licht bringen. "Der Versuch, eine Normalflora an Bakterien zu definieren, um Abweichungen festzustellen, die mit bestimmten Krankheiten korrelieren, ist so alt wie die Mikrobiologie selbst", sagt Däubener. "Aber bei heutigem Kenntnisstand ist eine Interpretation solcher Untersuchungen so gut wie Kaffeesatzlesen."

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