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Unterwegs zu neuen Ufern

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Zu Besuch beim Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, das seit der Gründung vor mehr als 20 Jahren seinen Ruf als weltweite Marke in der freien Szene festigen konnte

Selbst in Brasilien kennt man das Gießener Institut. Das ist erstaunlich, nicht nur wegen seiner geografischen Lage, sondern weil künstlerische Praxis hierzulande nicht so oft an Universitäten zu finden ist; in der Regel vermitteln sie Schauspiel- und Regieschulen oder Kunsthochschulen. Den Ruf verdankt das Institut namhaften Absolventen wie René Pollesch und Performance-Gruppen, darunter Rimini Protokoll, She She Pop und Showcase Beat Le Mot, sowie dem langjährigen Institutsleiter und Regisseur Heiner Goebbels. Mit ihren Produktionen touren viele Gießener Künstler und Kollektive international erfolgreich. Und erst im Sommer heimste Arthur Romanowski am Hamburger Thalia Theater den Preis beim Körber Studio Junge Regie ein. Auch beim Leipziger Hörspielsommer gingen Auszeichnungen nach Gießen.

All das trägt zum Ruf der Gießener Schule bei, mit hergebrachten Formen der darstellenden Kunst und ihren Genregrenzen zu experimentieren, durchaus als Gegenentwurf zum klassischen Stadttheater mit seiner geschlossenen Guckkastenbühne.

Solcher Ruhm ist ein beachtliches Ergebnis, denn im Grunde ist das Institut eine Art Hybrid: Die Studierenden, deren Zahl sich seit Institutsgründung in den 1980er-Jahren verdoppelt hat, erhalten in Gießen nicht wie andernorts üblich eine klassische berufsspezifische Schauspiel-, Regie-, Bühnenbild-, Ton- oder Filmtechnikerausbildung. „Die Studierenden lernen voneinander, sie organisieren und bereichern sich selbst“, betont Professor Xavier Le Roy, seines Zeichens selbst Tänzer, Choreograf – und Autodidakt: Seinen Job an der Universität in Montpellier als Molekularbiologie gab er im Alter von 25 Jahren auf, wegen der Laborhierarchie und einer unglücklichen Liebe. „Ich wurde stark vom Tanz angezogen, ich war damals auf der Suche nach etwas anderem.“

Das Institut zieht junge Menschen aus aller Welt an, etwa aus Israel, Taiwan, Mazedonien oder Schweden. Geprobt wird in freien Projekten; aus Autoren-, Hör- oder Tanzstücken oder eine Interaktion im Flur kann alles Mögliche entstehen. „Lernen kann man, was man möchte“, sagt die 22-jährige Bachelorstudentin Cosma Hahne.

Das bedeutet aber auch, „sich selbst stark zu motivieren“. In ihrem Fall lief das bisher auf Kickboxen, Arbeit mit Körper und Stimme und einen Kreissägenkurs heraus. Aktuell erarbeitet sie eine Solo-Performance zum bulgarischen „Goldstrand“, der Ballermann-Partymeile des Balkans. Pro Semester kann die Studentin bis zu 150 Euro Projektgeld beantragen, zudem helfen ihr Kommilitonen. „Ich möchte mich damit bei Festivals bewerben“, berichtet sie. Obwohl sie nach drei Jahren noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, die das Institut biete, wünsche sie sich eine feste Zukunftsperspektive; auch Regie oder Dramaturgie am Stadttheater käme für sie infrage.

Insbesondere die Zusammenarbeit in Kollektiven wird in Gießen ganz bewusst als Methode eingesetzt. Studierende des ersten Semesters stellen beispielsweise jedes Jahr die Werkschau „Theatermaschine“ auf die Beine. „Man wird ins kalte Wasser geworfen, wenn man zum ersten Mal ein Strobo oder einen Scheinwerfer hängen soll“, sagt Hahne. In der Gruppe zu experimentieren und alles selbst zu organisieren, von den Kostümen über die Ideenentwicklung bis zur Technik, sei extrem lehrreich; „dadurch entwickelt sich auch ein größeres Verständnis für die Gruppe“. Professor Gerald Siegmund ergänzt: „Wir hören immer wieder, dass dadurch unsere Studierenden in Stress-
situationen wissen, was zu tun ist, und selbstbewusst sind.“ Zudem werden in Gießen Praxis und theaterwissenschaftliche Theorie gleichberechtigt zusammengebracht; einen ähnlichen Ansatz verfolgt in Deutschland sonst nur die Uni Hildesheim.

Vor allem Fragen wolle man stellen, betont Xavier Le Roy: „Was kann Theater sein? Kann man Kunst produzieren? Oder sie gar unterrichten?“ Er denke Kunst weniger als in sich geschlossene Produktionen, sondern vielmehr vom Entstehungsprozess her. Studierende möchte er in diesem Rahmen ermöglichen, eigene Interessen zu entwickeln. Selbst gegen den Begriff der Moderne polemisiert Le Roy, die für ihn lediglich ein System unter vielen zur Welterklärung ist. Ihm schwebt mehr eine Ästhetik vor, die sich gewohnten Strukturen entzieht, und dadurch „Angst und Lust“ zugleich produziert.

Weiterhin angesagt im Theater sind dokumentarische oder partizipative Ansätze. Letztlich gehe es bei der Heterogenität und Fragmentierung von Ansätzen stets um die Frage der Partizipation in der Gemeinschaft und im Leben von heute, sagt Gerald Siegmund. „Ein gutes Beispiel sind Fake News. Denn die Gemeinschaft versuche dabei, das Wahre und Falsche zu unterscheiden.“ Und ein gutes Werkzeug, um über solche gesellschaftlichen Phänomene nachzudenken, sei das Theater.

Rein physisch betrachtet befindet sich das Institut im Umbruch: Der alte Standort am kulturwissenschaftlichen Campus wird noch mindestens zwei Jahre lang erneuert, Seminarräume und Probebühne sind nun in der Stadt verteilt. Auch das Tonstudio ist improvisiert – wenn es das Arbeiten nicht unbedingt erleichtert, weht dennoch der Erfindergeist ungebrochen durchs Institut: Als Schalldämpfer dienen dort derzeit Institutsordner.

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