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Ein Junge sitzt am Strand von Vunisavisavi: Die Gemeinde ist die erste Kommune, die wegen des steigenden Meeresspiegels auf Fidschi ins Landesinnere umgesiedelt wurde.

Klimawandel

Unter dem Wasser fault das Dorf

Auf den Fidschi-Inseln müssen die ersten Menschen ihre Häuser verlassen, weil der Meeresspiegel steigt. Zu Besuch im ersten Dorf der Welt, das wegen der globalen Erwärmung umgesiedelt werden musste.

Das Wasser lässt sich nicht aufhalten. Der Meeresspiegel steigt, der Pazifik nimmt sich hier, auf den Fidschi-Inseln, immer mehr Land, Stück für Stück, schon seit mehreren Jahren. Mit dramatischen Folgen für so manchen Bewohner des Inselstaats: „Hier stand mein Haus. Es war ein sehr schönes Haus“, sagt Sailosi Ramatu.

Der 58-Jährige steht auf den Grundmauern seiner alten Unterkunft – und bis zu den Waden im Südpazifik. Seinen beiden Enkelkindern reicht das Wasser sogar bis über die Knie. Der Klimawandel hat dem Fidschianer sein Haus, seine Heimat und einen Teil seiner Identität genommen. Weil höhere Temperaturen den Meeresspiegel immer schneller ansteigen lassen, verlor Ramatu sein Zuhause. Sein Dorf war wohl das erste der Welt, das wegen des Klimawandels umgesiedelt werden musste. Doch das wird keine Ausnahme bleiben, allein auf den Fidschi-Inseln müssen in den nächsten Jahren bis zu 800 Siedlungen den steigenden Pegeln weichen. Auf der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz sollte auch darüber verhandelt werden, wie arme Länder bei klimawandelbedingten Umsiedlungen unterstützt werden können.

„Ich und alle meine Vorfahren haben am und vom Meer gelebt. Aber jetzt geht das nicht mehr. Es ist zu gefährlich geworden“, sagt Sailosi Ramatu. Er kehrt fast jeden Tag zum Fundament seines alten Hauses zurück. Von dort hat das Wasser ihn und die rund 150 Einwohner seines Dorfes vor vier Jahren vertrieben.

„Das Meer überspülte zwei Schutzmauern, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren gebaut wurden. Unsere Häuser wurden zuletzt schon bei kleineren Sturmfluten immer wieder überschwemmt. Jedes Jahr holte das Meer sich mehr Land, und die Böden versalzten so stark, dass hier kaum noch etwas wuchs“, berichtet Ramatu, der zuvor bereits dreimal innerhalb des alten Dorfes umgezogen war. Jedes Mal ging es ein bisschen weiter weg vom Strand, doch jedes Mal folgte das Wasser. Schließlich kapitulierten die Bewohner von Vunidogoloa und beschlossen, ihr Dorf aufzugeben und rund drei Kilometer entfernt an einem höher gelegenen Hang ihr neues Zuhause, Vunidogoloa II, zu bauen.

„Vor allem die Älteren wollten nicht gehen. Sie wollten lieber mit ihrem alten Dorf untergehen, anstatt woanders neu anzufangen. Aber wir haben niemanden zurückgelassen. Als wir das letzte Mal in unserem alten Dorf zusammen Gottesdienst gefeiert haben, wurde viel geweint“, erzählt der Dorfvorsteher, während er an den Ruinen seines alten Dorfes vorbeigeht. Das Meer und tropische Stürme haben hier Fundamente unterspült, Mauern einstürzen lassen und Dächer abgedeckt. Heute überwuchert hohes Gras die Ruinen, eine gespenstische Stille liegt über dem Ort.

Wenn Ramatu von Vunidogoloa I erzählt, dem einst idyllisch am, jetzt teilweise im Meer gelegenen Dorf, mischt sich Wut in die Trauer und Melancholie seiner Stimme. „Wir haben den Klimawandel nicht verursacht, aber wir müssen die Rechnung dafür zahlen“, donnert der sonst so besonnene Mann. Ein Drittel der Kosten für den Bau des neuen Dorfes mussten die Bewohner selbst tragen, zwei Drittel übernahm die fidschianische Regierung.

Die rund 900.000 Fidschianer tragen kaum zum Klimawandel bei, leiden aber besonders stark darunter, da der Meeresspiegel im Südpazifik so schnell wie nirgendwo sonst auf der Welt steigt. Zudem wohnen rund 60 Prozent der Bewohner der Inselrepublik in Küstennähe. „Aber wir sind nur die ersten. Schon bald wird die ganze Welt die verheerenden Folgen spüren. Der Klimawandel ist die größte Gefahr für die ganze Menschheit“, sagt Ramatu, der schon Forschern, Politikern, Journalisten und Entwicklungshelfern aus aller Welt sein verlassenes Dorf gezeigt hat. Wissenschaftliche Worst-Case-Szenarien gehen davon aus, dass der steigende Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 bis zu zwei Milliarden Menschen aus ihrer Heimat vertreiben könnte.

Auch die Bewohner des fidschianischen Dorfes Vunisavisavi könnten eines Tages zu ihnen gehören. In ihrer spirituellen Existenz bedroht der Klimawandel sie aber schon heute. Die 14 Familien leben in einem Dorf direkt am Pazifik und sind die Hüter des geistigen Erbes ihrer Vorfahren. Seit Generationen werden sie in unmittelbarer Nähe des immer kleiner werdenden Strandes bestattet. Von weit her kommen Menschen, um die heiligen Stätten zu besuchen. „Eigentlich macht es das steigende Wasser mittlerweile viel zu gefährlich, hier zu leben“, sagt Dorfvorsteher Lorima Bulimaitoga. „Ein Teil des Friedhofes wird schon regelmäßig überspült, aber wir haben unseren Ahnen geschworen, hier zu bleiben. Denn unsere Geschichte steht nicht in Büchern, sie liegt in unserem Boden.“

Die Taxierung wirtschaftlicher Schäden des Klimawandels ist zum festen Bestandteil der Klimaverhandlungen geworden. „Irreparable immaterielle Verluste an Leben, Gesundheit, Identität, Wissen, Kultur und Natur haben hingegen kein Preisschild. Aber für die Betroffenen sind sie von unbezahlbarem Wert. Dafür gibt es jedoch bislang kaum Entschädigungen. Das muss sich ändern“, fordert Sabine Minninger, Referentin für Internationale Klimapolitik bei „Brot für die Welt“. Die Entwicklungshilfe-Organisation unterstützt Fidschi und andere betroffene Staaten, entsprechende Kompensationen einzufordern.

Doch die Fidschi-Inseln sind nicht nur vom Klimawandel bedroht, sie können andererseits auch noch stärker vom steigenden Meeresspiegel gefährdeten Staaten im Pazifik Schutz bieten. Die 332 Inseln haben eine Gesamtfläche von 18 274 Quadratkilometer, der höchste Gipfel ist 1324 Meter hoch. Die 33 Korallenatolle Kiribatis hingegen kommen zusammen nur auf eine Fläche von 811 Quadratkilometer. Große Teile des teilweise extrem dicht besiedelten Inselstaates liegen weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel.

Wenn nicht sofort und weltweit drastische Schritte zum Schutz des Klimas unternommen würden, werde das Überleben auf Kiribati schon bald nicht mehr möglich sein, schlussfolgerte der bis März 2016 amtierende Präsident Anote Tong – und zog daraus eine radikale Konsequenz. Als Ultima Ratio wollte er sein Staatsgebiet notfalls aufgeben und suchte deshalb für sein 110.000-Einwohner-Volk eine neue Heimat. Kritiker werfen ihm Kapitulation vor, Tong nennt sein Modell „Migration in Würde“. Es soll verhindern, dass die Bewohner Kiribatis zu rechtlosen Klimaflüchtlingen werden. Denn Klimawandel ist in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht als Fluchtgrund vorgesehen.

Fündig wurde der unkonventionelle Staatschef schließlich in den Höhenlagen der Fidschi-Inseln. In der Nähe des Dorfes Naviavia kaufte Kiribati 2014 für umgerechnet rund 6,6 Millionen Euro etwa 24 Quadratkilometer Land, was ungefähr der Größe der ostfriesischen Insel Norderney entspricht. Zunächst sollen hier nur Lebensmittel für das stark versalzte Kiribati angebaut werden, doch möglicherweise werden bereits in wenigen Jahren die ersten Menschen der untergehenden Insel hierhin „in Würde“ umgesiedelt.

Was für mehrere Tausend Bewohner Kiribatis die letzte Rettung sein könnte, empfinden viele der rund 260 Bewohner Naviavias auch als Bedrohung. „Je größer eine Gemeinschaft wird, desto mehr Probleme hat sie. Wer weiß, ob die Neuen neue Krankheiten mitbringen? Unsere Regierung sollte deshalb genau darauf achten, wen sie reinlässt und wen nicht“, sagt der 60-jährige Abraham bei einer Dorfversammlung.

Die Bewohner Naviavias wurden nicht gefragt, ob sie Menschen, die vor dem steigenden Meeresspiegel fliehen müssen, aufnehmen wollen. Sie wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Die meisten jüngeren Dorfbewohner sehen der möglichen Ankunft der Neuen dennoch gelassener entgegen als der 60-jährige Abraham. „Wir sind Christen. Wir helfen Menschen in Not. Und wenn mehr Leute zu uns kommen, bekommen wir vielleicht eine neue Schule. Außerdem gibt es dann mehr Leute, die wir heiraten können“, sagt der 35-jährige Jack, nachdem er einen kräftigen Schluck des leicht berauschenden traditionellen Kava-Gebräus aus einer halben Kokosnuss-Schale genommen hat.

Dorfvorsteher Sailosi Ramatu, der sein Dorf vor vier Jahren gegen zunächst große Widerstände umsiedelte, kann die Überlegungen seiner Leidensgenossen aus Kiribati gut verstehen. „Niemand gibt seine Heimat freiwillig auf. Das tut immer weh“, sagt der Fidschianer. „Aber ich kann nur allen, die wie wir vom Klimawandel bedroht sind, raten: Überlegt euch jetzt, wo und wie ihr überleben könnt. Wartet nicht, bis es zu spät ist.“

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