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Vladimir Putin bei einer Expedition im Schwarzen Meer 2015.

Russland

"Unseren Präsidenten interessieren nur Öl und Gas"

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Wladimir Putin hält nicht viel von erneuerbarer Energie. Im Interview spricht der Moskauer Klima-Experte Michail Julkin über eine Supermacht, die die Energiewende verschläft.

Herr Julkin, Russlands Offizielle sind stolz darauf, dass ihr Land beim Klimaschutz Vorreiter ist. Schon jetzt habe es seine Versprechen realisiert, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 auf 70 Prozent zu reduzieren.
Diese Zählweise ist sehr dilettantisch und gleichzeitig Propaganda. Sie geht von den Werten des Jahres 1990 aus. Seitdem ist ein Großteil der russischen Industrie verschwunden, die Emissionen sind auf 54 Prozent gesunken. Jetzt 70 Prozent anzustreben, heißt also, dass wir sie bis 2030 wieder um ein Viertel steigern wollen. Und wir zählen nicht mit, dass wir inzwischen eifrig Kohlenwasserstoffe exportieren, dass Europa sie verbrennt, dass wir aus Europa, den USA und China gewaltige Warenmengen importieren, bei deren Herstellung auch Treibstoffgase entstehen.

Aber Russland selbst verdreckt die Atmosphäre jetzt weniger.
Wladimir Putin hat beim Klima-Gipfel in Paris verkündet, Russland habe seit 1990 seine Emissionen um insgesamt 40, 50 Milliarden Tonnen verringert, die globale Produktion eines Jahres. Russland habe also der menschlichen Zivilisation ein ganzes Jahr Leben ohne Unglück geschenkt. Tatsächlich blasen wir jedes Jahr gut zwei Milliarden Tonnen Treibhausgas in die Luft. Damit liegen wir in puncto Emissionen hinter China, den USA und Indien auf dem vierten Platz. Was den Energieaufwand für unser Bruttoinlandsprodukt angeht, haben wir den schlechtesten Wert der Welt. Wir sind ein schmutziges, kein sauberes Land.

Putin äußert sich sehr unterschiedlich zum Klimawandel.
Ja, 2003 hat er gescherzt, die globale Erwärmung wäre für Russland gar nicht schlecht, dann müssten die Russen weniger Pelze tragen. In Paris erklärte er dann, Russland hätte diese Erderwärmung um ein Jahr aufgeschoben. Ein Jahr später verkündete er auf einer Konferenz zur Erschließung der Arktis, das Klima ändere sich doch von selbst. Er wählt die Argumente, die ihm gerade nützlich sind. Und die Erwärmung der Arktis scheint Russland ja zu nützen. Mit dem Schmelzen des Eises eröffnet sich für uns die Nordmeerpassage und die Aussicht, Verkehrsgroßmacht zu werden. Außerdem können wir ohne Eis viel leichter Öl und Gas in der Uferzone des Polarmeeres fördern.

Auch ein Großteil der russischen Wissenschaftler scheint den Klimawandel nicht ernst zu nehmen.
Wir haben da ein philosophisches Problem. Die Experten, die sich seit Jahrzehnten dem Thema Klimawandel widmen, sind einer Meinung: Der Mensch und sein Tun ändern das Klima. Schon 1972, da bohrte die Sowjetunion gerade nach dem ersten sibirischen Öl und Gas, hat der russische Meteorologe Michail Budyko die Erderwärmung vorhergesagt und ein Buch veröffentlicht, das Grundlage der Klimaforschung wurde: „Der Einfluss des Menschen auf das Klima.“Aber es gibt in Russland auch sehr starke andere Naturwissenschaftler. Physiker, Geologen oder Mathematiker sehen sich als Philosophen und glauben, ihr Wissen gäbe ihnen das Recht, sich in andere Disziplinen einzumischen. Sie wurden in den 70er Jahren ausgebildet, damals dominierte in unseren Naturwissenschaften die Annahme, die Natur sei eine nicht anerkannte Gottheit mit allmächtigen Gesetzen und wir Menschen im Vergleich zu ihr nichtig schwach. Auch weltweit anerkannte Forscher negieren deshalb den Klimawandel. Einer unserer berühmten Meereskundler erklärte ihn glatt für eine Erfindung der Amerikaner, namentlich des ehemaligen US-Vizepräsidenten Albert Gore: Der habe sich das alles ausgedacht, der sei ja gar kein Wissenschaftler.

Umweltschutzgruppen wie etwa Greenpeace melden Milzbrand am Polarmeer und warnen vor im Schlamm versinkenden jakutischen Städten. Ist die Erderwärmung wirklich so bedrohlich für Russlands Norden?
Tatsächlich tauchen dort Infektionen aus, deren Keime aus Ägypten stammen. Mediziner schlagen Alarm, weil die Menschen im Polargebiet jetzt außer fehlendem Sonnenlicht auch noch wechselhaftes Klima belastet. Ganze Wälder werden vernichtet, durch Borkenkäfer, die früher in der Taiga wegen des heftigen Frosts keine Überlebenschancen hatten. Auch die Kiefer, der Garant unserer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltholzmarkt, mag keine Wärme.

Es gibt Leute, die hoffen umgekehrt, dass dort blühende Landschaften entstehen.
Oft wird behauptet, in vielen Regionen werde sich die Landwirtschaftssaison verlängern, dort könne man mehr Pflanzen anbauen. Aber dort, wo die Erwärmung die Agrarperiode verlängert, betreibt in der Regel niemand Landwirtschaft. Aber im Süden Russlands, wo sich unsere Agrarwirtschaft konzentriert, gibt es Dürren, leidet alles unter der Hitze. Und Sie können die Landwirtschaft nicht auf der Landkarte nach Norden verschieben, mit Dörfern, Böden, Infrastruktur und einer Menge Leute.

Sie erwarten für Russland also nichts Gutes durch den Klimawandel?
Nein. Nicht nur dass im Norden schon Gebäude wegen der auftauenden Permafrostböden einstürzen, tausende Kilometer Öl- und Gasleitungen bedroht sind. Auch das Verhalten unserer Rohstoffkundschaft ändert sich. Seit zehn Jahren verhandelt Gasprom mit China über die Pipeline „Stärke Sibiriens“, die Gas nach China transportieren soll. Unsere Seite verlangt Preis- und Abnahmegarantien, die Chinesen aber sagen: Baut mal, dann sehen wir. China produziert inzwischen mehr grüne Energie als alle anderen Länder und will diese Führung noch ausbauen. Warum jetzt Preise für Gas unterschreiben, das in 15 Jahren kaum noch etwas kosten wird?

Russland scheint den Umstieg auf alternative Energien zu ignorieren. Das Staatsfernsehen etwa zeigt nie Bilder der neuen deutschen Windradlandschaften.
In Russland dominiert die alte sowjetische Energiewirtschaftsschule: Energie bedeutet fossile Brennstoffe, Russland ist reich daran, dass ist unsere gewaltige Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt. Westliche Rohstoffkonzerne wie Shell verdienen ihr Geld noch mit Mineralstoffen, aber sie investieren nicht mehr in Ölfelder, sondern in Sonnen- und Windkraftwerke. Bei uns wird alles in Öl und Gas gesteckt, unseren Präsidenten interessieren nur Öl und Gas, unsere Strategen haben die Energiewende schlicht verschlafen. Selbst die neuen Methoden zum Abbau von Schiefergas- und öl. Unser Staat plant für die Zukunft mit 2,5 Prozent erneuerbarer Energie.

Niemand in Russland denkt über grüne Energien als Plan B nach?
Im kleinen Israel gibt es 250 Firmen, die Solartechnik herstellen, in Russland eine. Es gibt bei uns ganze zwei Biogasanlagen. Und kein einziges Unternehmen, das Windkraftgeräte baut. Immerhin, im Frühjahr hat Rosatom mit einer holländischen Firma eine Gemeinschaftsproduktion für Windturbinen vereinbart. Es gibt einige Lichtblicke. Der Staatskonzern Rosnano und die finnische Firma Fortum planen mehrere Windanlagen, die gesamte Technologie liefern freilich die Finnen. Uns fehlen die Hersteller, uns fehlen die Fachleute, uns fehlt die Schule. Dieses Jahr hat Lukoil den ersten Lehrstuhl für alternative Energien eingerichtet – an der Moskauer Staatsuniversität für Öl und Gas.

Es gibt also wenig Hoffnung, dass grüne Energie in Russland je mehrheitsfähig wird?
Es gibt Fortschritte. Premier Dmitri Medwedew hat dieses Jahr auf dem Investitionsforum in Sotschi erstaunt erklärt, alternative Energie seit doch tatsächlich eine funktionierende Wirtschaftsbranche. Und viele Firmen haben begriffen, dass sich die Natur, aber auch der Markt ändert, und dass man ohne Umweltschutz und grüne Energien bald draußen vor stehen wird. Zellulosefabriken kippen ihren Müll nicht mehr in den Wald wie in den Neunzigern. Sondern nutzen ihn als Heizstoff – mit Anlagen aus Skandinavien oder Deutschland. Stahlwerke verkaufen ihre Abfälle jetzt an Zement- oder Reifenfabriken, es zeichnen sich zumindest Konturen einer Recycle-Wirtschaft ab. In Moskau tauchen Mülltonnen für Plastik und Glas auf. Trotzdem, die meisten Haushaltsabfälle der 12 Millionen Moskauer landenweiter in Verbrennungsanlagen, aus deren Schornsteinen Dioxin und krebserregende Gifte steigen.

Das Interview führte Stefan Scholl.

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