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Fleischlose Burger haben Konjunktur – doch Bratwurst und Schweinesteak auf dem Grill bleiben Dauerbrenner. 

Nahrung

Wie unser Essen umweltfreundlicher wird

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Wissenschaftler untersuchen das ökologische Potenzial von Neuheiten aus der Ernährungsbranche.

Fleisch ist in den USA das neue Klopapier – auch in seiner vegetarischen Variante. Supermarktregale sind leer, Fastfood-Ketten beklagen Mangel. Und der Fleischersatz-Hersteller Beyond Meat setzt sein rasantes Wachstum fort. Im ersten Quartal stiegen seine Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um gut 140 Prozent. Auch in Deutschland zeigt sich der Trend, und zwar nicht erst seit der Coronakrise. Für den Fleischkonzern Rügenwalder Mühle ist das vegetarische Segment mittlerweile zum Wachstumstreiber geworden, Ende 2018 lag sein Anteil am Gesamtumsatz schon bei 27 Prozent. Ein Millionengeschäft.

Eine neue Studie internationaler Forscherinnen und Forscher, die diese Woche im Fachmagazin Nature Food erschien, zeigt nun: Fleischersatz ist eine der Innovationen, die unsere Nahrungsgewohnheiten in Einklang mit den planetaren Grenzen bringen könnten, die sie aktuell sprengen.

Das Problem ist vor allem, dass die Landwirtschaft zu viel Stickstoff zum Düngen von Pflanzen nutzt. Was die nicht aufnehmen, strapaziert Böden, Wasser, Luft und trägt zur Bildung von Treibhausgasen bei. „Mithilfe von Stickstoffdünger wurden die Erträge erheblich gesteigert und Millionen Menschen aus dem Hunger befreit“, erklärt Koautor Alexander Popp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). „Aber wenn zu viel davon in die Natur gelangt, können ganze Ökosysteme zusammenbrechen.“

Fleisch ist in dieser Hinsicht ein besonders umweltschädliches Lebensmittel. Das liegt unter anderem daran, dass die Fleischproduktion ineffizient ist. Pflanzen werden dabei zu Tierfutter. Das Problem: Man braucht viel Futter für wenig Fleisch. Das entstehende Fleisch ernährt also viel weniger Menschen als es die Pflanzen ursprünglich gekonnt hätten.

Etliche der mehr als 70 technologischen Neuheiten, die das Forschungsteam sich angeguckt und nach Reifegrad geordnet hat, setzen deshalb dort an. Fleisch- und Fischersatz steht dabei ganz vorn, da es entsprechende Produkte ja schon gibt. Am anderen Ende des Rankings steht die Verfeinerung der Photosynthese von Pflanzen, bei der die Grundlagenforschung noch an ihrem Anfang steht.

An innovativen Technologien mangelt es also nicht. Aber was bringt das, wenn der Wandel nicht eintritt? Beispiel Fleischersatz: Die Menge an Fleischersatzprodukten nimmt in Deutschlands Warenregalen zu, aber der Blick auf Statistiken des Bundesverbands der deutschen Fleischwarenindustrie zeigt, dass der Verzehr von konventionellem Fleisch trotzdem nicht sinkt. Die Innovation entfaltet ihr ökologisches Potenzial so natürlich nicht.

„Innovationen brauchen auch die richtigen politischen Bedingungen und gesellschaftliche Akzeptanz, damit sie zum Erfolg werden können“, meint Benjamin Bodirsky, der ebenfalls für das PIK an der Studie mitgearbeitet hat. In Bezug auf Fleischersatz habe beispielsweise erst das steigende Umweltbewusstsein der Verbraucher:innen dazu geführt, dass Unternehmen die Geschäftschancen sehen, obwohl es Produkte wie Tofu und Seitan natürlich schon viel länger gebe. „Der letzte Schub könnte dann kommen, wenn die Umweltverschmutzung einen Preis bekommt, der etwa die wahren Kosten eines Burgers aus Rindfleisch gegenüber einem Erbsenburger offenlegt.“

Um zu ermitteln, wodurch Innovationen bei der Ernährung sich tatsächlich durchsetzen, haben die Forscherinnen und Forscher in die Vergangenheit geguckt. Wie war das beim Pflug, wie beim Kühlschrank? Sie haben acht Elemente ermittelt, die die Transformation unserer Nahrungsgewohnheiten braucht. Neben dem Setzen marktwirtschaftlicher Anreize und einer stabilen Finanzierung der Forschung soll die Politik demnach auf die Beteiligung von Bürge:innen und Bürgern setzen.

In diesem Sinne hat die Bundesregierung Ende Dezember eine Kommission Kommission für die Zukunft der Landwirtschaft beschlossen. Zuvor hatte die Branche wochenlang gegen das Agrarpaket protestiert, das die Bundesregierung im September vorgestellt hatte. Darin ist unter anderem ein Aktionsprogramm zum Insektenschutz vorgesehen und eine Verschärfung der Düngeverordnung.

Neben Vertreter:innen der Landwirtschaft sollen auch Umweltverbände an der Kommission teilhaben. Die befürchten allerdings, dass es eher um Wirtschaftsinteressen als um das Gemeinwohl gehen wird. Der Grund: Im März traf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Agrarlobbyist:innen, um über die Kommission zu sprechen, sagte aber ein Treffen mit den Umweltgruppen zum Thema ab.

BUND, DNR, NABU, WWF und Greenpeace gaben dazu eine gemeinsame Erklärung ab: „Bei allem Verständnis in den aktuellen Krisenzeiten: Mit einem solchen Vorgehen setzt die Bundesregierung die Akzeptanz der Zukunftskommission Landwirtschaft schon vor ihrem Beginn aufs Spiel.“

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