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Polit-Talkshows erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit.

Gastbeitrag

Unruhestifter

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Wissenschaft und freie Rede sind dazu bestimmt, neue Positionen zu entwickeln.

In Zeiten, in denen jeder sagen kann was er will, mag es seltsam anmuten, über die Freiheit der Rede zu schreiben. Es geht auch vielmehr um die Freiheit des Diskurses. Was die allgemeine Rede angeht, so zeichnet sie sich durch ein „zu viel“ aus. Dieses „zu viel“ findet man derzeit überall: Plastikmüll in den Meeren, Hitze in der Atmosphäre, nationalistische Gedanken, unüberschaubare Komplexität, Fehler im Gesamtsystem – und eben eine Vielzahl an Meinungen, obwohl wir alle es sind, die diesen Zustand durch Handlungen beheben können.

Einen zentralen Beitrag für den Überschuss an Kommunikation leisten die sozialen Medien, die sich dadurch auszeichnen, dass sie als „Partizipationsbefehl zum Gequatsche“ zu verstehen sind.

Die derzeitigen Kommunikationsarchitekturen spiegeln die Umstellung von einseitiger Informationsvermittlung auf eine sich wechselseitig beziehende Kommunikation wider. Trotz dieser Errungenschaften ist die Freiheit des auf Argumenten basierten Diskurses in Gefahr.

Die Optionen für Meinungsaustausch haben zwar zugenommen, aber das Ringen um das „Wahre“, die Suche nach dem guten, überzeugenden Argument, die Sehnsucht, eine Materie wirklich durchdringen zu wollen, die dazu führt, sich selbst auch in Frage zu stellen, ist verloren gegangen. Der Grund liegt darin, dass die Kommunikation als Stilelement mittlerweile zur Kosmetik des Egos geworden ist.

In einer auf Wettbewerb abgestellten Gesellschaft, in der es zwangsläufig auch immer um den Vergleich gehen muss, wird Kommunikation vor allem genutzt, um sich und seine Meinungen durchzusetzen. Eine Meinung zu haben, mitreden zu können, ist wichtig in einer Welt, die alles zum Thema macht und die Inhalte ungefiltert in die gesellschaftliche Diskussion zurückspielt. Es fehlt die Zeit, sich tatsächlich in ein Thema einarbeiten zu können.

Wissen, oder besser Informationen, wird als Instant-Komponente angeboten, die lediglich dazu beiträgt, am oberflächlichen Meinungsaustausch teilzuhaben. Am Ende geht es dann gar nicht mehr darum, neues Wissen, fundierte Diversität, entstehen zu lassen, als vielmehr zu schauen, welcher Seite man sich in dem oberflächlichen Gesellschaftsdiskurs anschließt.

Dort ist die Vielfalt des Wissens zumeist auf zwei Positionen, nämlich „Pro“ und „Contra“, zusammengeschmolzen. So bleibt es dabei, dass die einen etwa für die Begrenzung der Aufnahme von Geflüchteten sind, während die anderen dagegen votieren. Das „Grau“ der dazwischen vermittelnden und innovativen Lösungen verschwindet zusehends, da der Diskurs dazu drängt, sich einer der beiden „klaren“ Positionen anzuschließen.

Optionen einer öffnenden und mit neuen Erkenntnissen behafteten Diskussion werden verbrannt. Wie sehr wir uns daran bereits gewöhnt haben, sieht man an der ungebrochenen Beliebtheit von Polit-Talkshow-Formaten, die in Wahrheit nichts anderes produzieren, als die Wiederholung bereits bekannter Kommunikations- und im besten Falle Argumentationsmuster – natürlich nur bezogen auf „Pro“ und „Contra“.

Frank E. P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen und welche Rolle spielen dabei Wissenschaft und Hochschulen? Es sind alle Lehrformen zu begrüßen, die den Aufbau und Austausch rationaler Argumente befördern und unterschiedliche Grade an Veränderungen des eigenen Wissenskanons ermöglichen. Das zu tun, dürfte einer Reduktion des Wissens gleichkommen; diese ist notwendig, will man in der Argumentationsführung eine bestimmte Tiefe erreichen.

Keine Panik, es wird nicht weniger gelernt, sondern eben bloß effektiver. Es muss wieder vermehrt darum gehen, die elementaren Grundfunktionen wissenschaftlichen Denkens und Arbeiten zu vermitteln. Dies, einmal erlernt, kann dann ohne Weiteres in anderen Kontexten auf anderes Wissen übertragen werden. Das macht insofern Sinn, da in einer Zeit ständig sinkender Halbwertszeiten von Fachwissen ohnehin nicht mehr „auf Halde“ gelernt werden kann. Es braucht also mehr wissenschaftliches Grundlagenwissen.

Da es Wissenschaft letztendlich um die innovative Weiterentwicklung von Gesellschaft geht, ist sie der Diversität als Grundlage für eine faktenbasierte Meinungs- und Wissensbildung verschrieben.

Fest zementierte duale Pro- und Contra-Positionen reichen nicht aus. Wissenschaft und Hochschulen sind daher verpflichtet, alles zu tun, keine „Safe Spaces“ zuzulassen, wie sie zunehmend und besorgniserregend in den USA zu beobachten sind.

Es ist ja gerade die Irritation, die es vermag, vermeidlich sichere Positionen aufzugeben. Die Komplexität der heutigen Zeit zwingt uns dazu, neue Positionen zu entwickeln, wollen wir als Gesellschaft überleben. Das müssen wir aushalten lernen, auch wenn es schmerzhaft ist. Schaffen wir das nicht, verkümmert unsere Gesellschaft im müden Meinungsaustausch der Lächerlichkeiten.

Der Betriebswirt und Soziologe Frank E. P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

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