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Kakerlakenrennstrecke mit „Zuschauern“ im Experiment. 

Wissenschaft

Auch Kakerlaken leiden unter Versagensängsten

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Kein Witz: Kakerlaken laufen langsamer, wenn ihnen Artgenossen von einer Tribüne aus zuschauen. Das förderte ein Experiment der Unis Frankfurt und Gießen zutage.

  • Forscher aus Hessen haben die Ergebnisse eines Kakerlaken-Experiments widerlegt
  • Kakerlaken leiden demnach unter Versagensängsten
  • Kakerlaken gelten als die schnellsten krabbelnden Insekten der Welt

Frankfurt/Gießen - Kakerlaken werden unterschätzt. Die Tierchen mit sechs Beinen und langen Fühlern, die vielen Menschen als Synonym für „eklig“ gelten und alljährlich den Teilnehmern des RTL-Dschungelcamps das Fürchten lehren sollen, sind lernfähig, sozial – und sensibel. Die ungeteilte Aufmerksamkeit von Artgenossen jedenfalls kann sie ganz schön aus dem Konzept bringen. 

Kakerlaken: Unis in Hessen widerlegen bekannte Ergebnisse

So hat ein Team von Psychologinnen und Psychologen der Goethe-Universität Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität Gießen festgestellt, dass Kakerlaken langsamer laufen, wenn ihnen andere Kakerlaken dabei zuschauen. Sie werden „sozial gehemmt“, formulieren es die Wissenschaftler. Mit ihrer Studie, die in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht wurde, widerlegen die Forscher die Ergebnisse eines 51 Jahre alten Experiments von US-amerikanischen Sozialpsychologen um Robert Zajonc.

Dieser kam 1969 auf die zunächst etwas bizarr anmutende Idee, eine Rennstrecke fürKakerlaken zu bauen und daneben eine kleine Tribüne zu errichten. Kakerlaken erreichen Geschwindigkeiten von bis zu sechs Stundenkilometern und gelten damit als die schnellsten krabbelnden Insekten der Welt. 

Unis in Hessen: Feuern sich Kakerlaken an?

Robert Zajonc also schickte in seinem Mini-Stadion die Schaben ins Rennen – mit und ohne Publikum. In seinem Experiment schienen die Zuschauer die gepanzerten Läufer anzuspornen, denn sie waren schneller am Ziel als vor einer „Geisterkulisse“ ohne Zuschauer. 

Anders sah die Sache aus, als Zajonc die Aufgabe komplizierter machte und die Kakerlaken statt auf gerader Strecke durch ein Labyrinth schickte. In diesem Fall schienen Versagensängste sich negativ auf die Leistung der Tierchen auszuwirken. Die Zuschauer machten sie offenbar so nervös, dass sie Probleme hatten, durch das Labyrinth zum Ziel zu finden; ohne Publikum gelang das viel besser.

Forscher aus Hessen wiederholen Kakerlaken-Experiment

Das Forscherteam aus Hessen wiederholte in seiner Studie diese Versuchsanordnung exakt, hielt dabei aber „aktuelle Standards der Forschung ein“, wie Jan Häussner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Gießen und Leiter der Forschungsgruppe, erklärt. 

Da ein Originalbauplan der Rennstrecken vorhanden war, konnte diese eins zu eins nachgebaut werden. Insgesamt schickten die Wissenschaftler 120 Kakerlaken an den Start. Ihnen wurde einiges abverlangt: Jede einzelne musste zehnmal ran. 

Hessen: Kakerlaken auf der Rennstrecke

Dabei platzierten die Wissenschaftler bei der Hälfte der Teilnehmer je 40 zuschauende Kakerlaken neben der Rennstrecke. Anders als in der alten amerikanischen Studie konstatiert, fanden die deutschen Kollegen in keiner Situation einen Hinweis, dass Publikum auf Kakerlaken unterstützend wirkt und ihre Leistung antreibt. 

Sowohl auf der geraden Strecke als auch bei der komplexeren Aufgabe im Labyrinth liefen die Kakerlaken schneller, wenn sie sich unbeobachtet wähnten. Diese Phänomene werden in der Wissenschaft als „soziale Erleichterung“ und „soziale Hemmung“ bezeichnet. Beide wurden nicht nur an Kakerlaken erforscht, sondern auch an Menschen – beide Spezies scheinen trotz augenscheinlicher Unterschiede auch Gemeinsamkeiten zu besitzen.

Forscher aus Hessen: Kakerlaken haben komplexes Sozialverhalten

Was die Kakerlaken angeht, so sprechen die Ergebnisse aus Hessen „ganz klar gegen das Auftreten von sozialer Erleichterung“ erklärt Emma Halfmann, Erstautorin der Studie: „Offenbar ist die Anwesenheit der Artgenossen sehr stark ablenkend und führt dazu, dass die Aufgabe schlechter ausgeführt wird.“

Die Experimente mit Kakerlaken mögen skurril anmuten, belegen aber, dass die Vielgeschmähten keineswegs stumpfe Kriecher sind, sondern über ein komplexes Sozialverhalten verfügen – das bislang allenfalls in Ansätzen erforscht ist. 

Japanische Forscher: Kakerlaken lernen dazu

Auch bei der Einschätzung ihrer geistigen Fähigkeiten könnte man danebenliegen: Japanische Forscher fanden heraus, dass Kakerlaken aus Erfahrung lernen können und in der Lage sind, Abscheu zu ignorieren: So wie Menschen Kakerlaken fies finden, mögen die Schaben ihrerseits keinen Vanille- oder Pfefferminzduft. Kombinierten die Wissenschaftler jedoch die ungeliebten Gerüche mit leckerem Zucker, so überwanden die Tiere ihre Abneigung und das Wasser lief ihnen im Maul zusammen. 

Die gleiche Reaktion stellte sich – wie beim Pawlow’schen Hund – später auch dann ein, als die Forscher die Kakerlaken nur noch mit Vanille- oder Pfefferminzduft besprühten. Die Forscher bewerteten das als Zeichen, dass Kakerlaken lernfähig sind und über ein Gedächtnis verfügen. Man sollte sie künftig mit anderen Augen sehen.

Die Versuchstiere

Kakerlaken  sind Insekten und gehören zur Gattung der Schaben, in Deutschland heimische Arten werden auch Küchenschaben genannt. Die größten Arten können bis zu zehn Zentimeter lang und bis zu 20 Gramm schwer werden.

Weltweit  gibt es mehr als 400 verschiedene Arten von Kakerlaken. Die meisten leben in der Natur. Gerne halten sie sich in Laub, totem Holz, aber auch in nicht ganz sauberen Küchen auf.

Als Überlebenskünstler, die besonders widerstandsfähig sind, halten sich die gepanzerten Insekten bereits seit mehr als 150 Millionen Jahren auf der Erde. Auch starke radioaktive Verseuchung können sie überstehen. pam

Von Pamela Dörhöfer

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