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Australopithecus sediba.  

Evolution

Spektakulärer Fund in Südafrika bringt Annahmen zur Evolution ins Wanken

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Der Paläoanthropologe Lee Berger machte in Südafrika spektakuläre Funde. Wie sie einzuordnen sind, ist noch nicht restlos geklärt.

Wo kommen wir her, von wem stammen wir ab, wer waren unsere Vorfahren? Während fast allerorten die Digitalisierung rasant fortschreitet, über die Fähigkeiten und Grenzen Künstlicher Intelligenz diskutiert wird, sind grundlegende Fragen zur Herkunft des Menschen so schwer zu beantworten wie noch vor Jahrzehnten – trotz besserer Möglichkeiten der Datierung von Fossilien und trotz neuer, spektakulärer Funde; oder vielleicht auch gerade deshalb. Denn je mehr Überreste von Homininen – menschenartigen Lebewesen – aus der Frühzeit entdeckt werden, desto komplexer und verzweigter präsentiert sich der Stammbaum von Homo sapiens.

So hat der in Südafrika arbeitende Paläoanthropologe Lee Berger mit seinen Funden in den vergangenen zehn Jahren einige bis dahin gängige Annahmen zur menschlichen Evolution heftig ins Wanken gebracht. „Australopithecus sediba“ und „Homo naledi“ heißen die beiden neuen Verwandten, mit denen vorher niemand gerechnet hatte. Australopithecus sediba lebte vor knapp zwei Millionen Jahren in Afrika, einer für die Wissenschaft besonders interessanten Zeit, denn damals erschienen auch die ersten Vertreter der Gattung Homo – Mensch – auf der Bildfläche.

Homo Naledi: Ein Cousin des Homo sapiens

Homo naledi hingegen, der zweite große Fund Bergers, gibt sein Alter nur zögerlich preis. Nach aktuellem Stand könnte er ein Zeitgenosse des sehr frühen Homo sapiens sein, eine Art entfernter Cousin; auf jeden Fall aber ist er einer der kuriosesten und am schwersten einzuordnenden Vertreter der Gattung Mensch. „Beide haben nicht ins Bild gepasst“, kommentiert Berger die von seinen Entdeckungen ausgelösten Irritationen lapidar. Am Mittwochabend berichtete der Paläoanthropologe bei der diesjährigen Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald-Lecture im Senckenbergmuseum von seiner Arbeit.

Lee Berger in seinem Büro an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. 

Der 53-Jährige ist ein talentierter Erzähler. Ein extrovertierter Wissenschaftler, unelitär, schillernd und auch streitbar in seinen Theorien; Letzteres nicht außergewöhnlich in diesem Fach. Der gebürtige US-Amerikaner hat an der Universität Witwatersrand in Johannesburg den Philip-Tobias-Lehrstuhl für Human Evolution inne und leitet dort die Abteilung Paläoanthropologie. 2016 kürte ihn das Time Magazine zu einem der „hundert einflussreichsten Menschen weltweit“. Bei Forscherkollegen kommt Lee Berger nicht immer so gut an. Donald Johanson zum Beispiel, der 1974 in Äthiopien das berühmte Skelett der mehr als drei Millionen Jahre alten „Lucy“ ausgegraben hatte, bezeichnete ihn gegenüber der Fachzeitschrift „Science“ als „Grandstander“, was sich als „Wichtigtuer“, „Selbstdarsteller“ oder unfeiner als „Großkotz“ übersetzen lässt. Berger wiederum ließ die renommierten Wissenschaftsmagazine bei der Publikation des „Homo naledi“-Fundes links liegen und veröffentlichte stattdessen in einem frei zugänglichen Internet-Magazin und in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „National Geographic“. Daten aus der Forschung allen zur Verfügung zu stellen, sei ihm sehr wichtig, das betont Berger auch bei einem Pressegespräch in Frankfurt. Bis zur Jahrtausendwende habe ein kleiner geschlossener Kreis die Paläoanthropologie dominiert, ein „Boys Club“, der nicht davon ausgegangen sei, dass noch viel Neues zu finden sei.

Afrika: die Wiege der Menschheit

Berger selbst hat – und das ist unbestritten – das Gegenteil bewiesen. Im August 2008 fand er in der Malapa-Höhle westlich von Johannesburg in einer als „Wiege der Menschheit“ bezeichneten Region das erste Fossil einer bis dahin unbekannten Spezies, die später den Namen Australopithecus sediba bekam. (Australopithecinen sind eine ausgestorbene Gattung von Homininen, die vor etwa vier bis zwei Millionen Jahren in Afrika lebten). Genau genommen war es nicht Lee Berger selbst, der den ersten Knochen – ein rechtes Schlüsselbein – entdeckte, sondern sein damals neunjähriger Sohn, der gerufen haben soll: „Dad, I found a bone.“ „Papa, ich habe einen Knochen gefunden.“ Datierungen schätzen die Fossilien auf ein Alter von 1,977 Millionen Jahren.

Australopithecus sediba wäre damit jünger als die bislang ältesten Überreste eines Vertreters der Gattung Homo, denen ein Alter von 2,4 Millionen Jahren zugeschrieben wird. Es handelt sich dabei um einen Unterkiefer, den Friedemann Schrenk 1991 in Malawi im Südosten von Afrika ausgrub. Homo rudolfensis heißt dieser frühe Menschentyp. Schrenk ist heute Professor für Paläobiologe an der Goethe-Universität Frankfurt und Leiter der Sektion Paläoanthropologe am Senckenberg Forschungsinstitut.

Nun steht Australopithecus entwicklungsgeschichtlich allerdings vor der Gattung Homo. Passt es da zusammen, dass Bergers Sediba-Fund jünger sein soll als der erste Mensch? Der Paläoanthropologe schätzt seine Fossilien als einen Grenzfall ein. Noch Australopithecus? Oder doch schon Mensch? Wirklich festzustehen scheint allein, dass mehrere Spezies von Vor- oder Frühmenschen nebeneinander gelebt haben können.

Homo naledi.

Das belegt auch Bergers zweiter Coup, der nicht allein Aufsehen erregte, sondern der Fachwelt bis heute reichlich Kopfzerbrechen bereitet, Lee Berger bezeichnet Homo naledi als eine der seltsamsten Entdeckungen überhaupt, als geradezu „bizarr“. Ab 2013 barg er mit seinem Team in zwei Kammern des Rising-Star-Höhlensystems in Südafrika Knochen und Zähne von 15 Individuen – insgesamt mehr als 1500 einzelne Teile, darunter auch die Überreste eines zwar zerbrochenen, aber noch größtenteils vorhandenen Schädels.

Sonderbare Merkmale des Homo naledi

Was erscheint Experten nun so sonderbar an diesem Material? Das ist die Kombination von sehr primitiven und modernen Merkmalen bei Homo naledi, erläutert Berger: „Die Schultern waren affenähnlich, doch je näher es bei den Armen Richtung Finger ging, desto moderner wurde die Anatomie.“ Ähnlich verhält es sich mit Becken, Beinen und Füßen der etwa 1,50 Meter großen Spezies. Mit dieser körperlichen Ausstattung dürfte Homo naledi zum aufrechten Gang ebenso wie zum geschickten Klettern befähigt gewesen sein.

Außergewöhnlich präsentiert sich auch das Gehirn dieser Frühmenschen: Eine Rekonstruktion des Innenvolumens des Schädels ergab eine Größe von lediglich 500 Kubikzentimetern, das liegt dichter bei Menschenaffen als bei Frühmenschen. Zum Vergleich: Das Gehirnvolumen eines Schimpansen beträgt etwa 400 Kubikzentimeter, das von Homo sapiens rund 1400 Kubikzentimeter. Dessen direkter Vorfahre Homo erectus kam auf etwa 1000 Kubikzentimeter und sogar Homo rudolfensis mit seinen mehr als zwei Millionen Jahren auf dem Buckel weist schon 800 Kubikzentimeter auf.

Homo naledi: ein kleines Denkorgan, modern geformt

Gleichwohl schien das kleine Denkorgan von Homo naledi relativ modern geformt zu sein. Dass diese Frühmenschen trotz der geringen Hirngröße zu komplexen symbolhaften Handlungen fähig waren, dafür würde auch die Annahme sprechen, dass sie Angehörige ihrer Gruppe bestatteten. Der Fundort in schwer zugänglichen Kammern des Höhlensystems lässt die Vermutung zu, dass die Toten bewusst dort abgelegt wurden. Bewiesen ist das aber nicht.

Das Alter ist eine weitere Merkwürdigkeit bei dieser aus heutiger Sicht so sonderbar und widersprüchlich anmutenden Spezies: Die zum Teil sehr archaisch wirkenden körperlichen Merkmale führten anfangs dazu, dass bis zu zweieinhalb Millionen Jahre möglich schienen. 2016 war man dann schon auf ein „höchstwahrscheinliches“ Alter von knapp unter einer Million Jahre runtergegangen. Eine Datierung von 2017 beziffert das Alter der Fossilien mittlerweile auf ein Alter von „nur“ 236 000 und 335 000 Jahren. Damit wäre Homo naledi ein Zeitgenosse des späten Homo erectus oder des frühen Homo sapiens. Ganz schön verwirrend, was Lee Berger der Forschung mit seinen Funden beschert hat. Die Evolution der Menschen sei eben keine Leiter, sagt er, sondern ein Baum mit ganz vielen Ästen.

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