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Studie

UN-Klimagipfel in Glasgow: Mithilfe der Physik das Klimaziel 1,5 Grad erreichen

  • VonJörg Staude
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Noch ist die Erderwärmung aufzuhalten. Verschiedene Studien zeigen allerdings auf, dass nicht mehr viel Zeit ist, um dem Klimawandel entgegenzusteuern.

Glasgow - So etwas wie Optimismus erfasste kürzlich beim UN-Gipfel in Glasgow die internationale Klimadiplomatengemeinde in dem Moment, als Wissenschaftler:innen all die Zusagen der Staaten zur Treibhausgas-Reduktion zusammenrechneten. Setzen die Länder die Klimamaßnahmen um, zu denen sie sich jetzt schon verpflichtet haben, erwärmt sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um rund 2,7 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Rechnet man noch die für 2030 gegebenen Zusagen ein, könnte die Welt im Jahr 2100 bei einem Plus von 2,4 Grad landen.

Das ist immer noch beunruhigend, ein wirklicher Hoffnungsschimmer aber war: Nimmt man noch die – wenn auch vagen – Versprechen der Länder hinzu, im Laufe des Jahrhunderts Netto-Null-Emissionen zu erreichen, läuft die Prognose auf eine Erwärmung um rund 1,8 Grad zum Ende des Jahrhunderts hinaus, mit einem zwischenzeitlichen Höchststand von 1,9 Grad. Die 1,8 Grad elektrisierten den Gipfel. Ganz unerwartet kam das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad in Reichweite. Die drei restlichen Zehntelgrad oder sogar noch mehr sollten doch machbar sein.

In diese Zuversicht platzt eine jetzt im Fachjournal „Nature Climate Change“ veröffentlichte Studie eines internationalen Teams um Ida Sognnæs vom Cicero-Klimaforschungszentrum in Oslo. Die Forschenden hatten nicht gefragt, was zu tun ist, um ein bestimmtes Klimaziel zu erreichen, sondern sich angesehen, welcher Verlauf der Treibhausgasemissionen bis 2100 am wahrscheinlichsten ist, geht man von der heutigen Klimapolitik aus.

Studie zum Klimawandel: Erderwärmung von 2,2 bis 2,9 Grad bis zum Jahr 2100

Dazu verglichen die Forscher sieben verschiedene „Integrated Assessment Models“. Diese integrierten Bewertungsmodelle bilden ab, wie sich Energiewirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Jedes Modell arbeitet dabei mit unterschiedlichen Annahmen – etwa, wie schnell der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangeht, welchen Anteil Wasserstoff im Energiemix haben wird, in welchem Ausmaß es möglich sein wird, CO2 aus der Atmosphäre zu holen und zu speichern, oder wie sich die Bevölkerungszahlen entwickeln.

Der Perito-Moreno-Gletscher im Nationalpark Los Glaciares in der Nähe von El Calafate. Rund 200 Staaten ringen zwei Wochen lang auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow darum, wie die Klimakrise eingedämmt werden kann.

Das ernüchternde Ergebnis der Studie: Bis zum Jahr 2100 wird sich die Erde gegenüber vorindustrieller Zeit nahezu unweigerlich um 2,2 bis 2,9 Grad erwärmen. Und selbst wenn alle Länder zunächst ihre Klimaziele für 2030 tatsächlich erfüllen, halten die Forscher das Zwei-Grad-Limit, das Minimalziel des Paris-Abkommens, generell für nicht mehr erreichbar, auch bis zum Ende des Jahrhunderts nicht.

Zwar konnte die Studie die auf dem Glasgower Gipfel abgegebenen Netto-Null-Versprechen nicht mehr berücksichtigen – das mindert für Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik aber nicht die Bedeutung der Studie. Im Gegenteil, sagt der Klimaexperte: So werde der Fehler vermieden, die Staaten schon jetzt für ihre Langfrist-Ankündigungen gewissermaßen zu belohnen. Schließlich sei gegenwärtig noch nicht einmal sicher, ob die meisten Länder ihre selbst gesetzten Klimaziele für 2030 erreichen. „Alle Netto-Null-Ziele für Mitte des Jahrhunderts sind im Grunde Versprechen, über deren Realisierungswahrscheinlichkeit man noch keine belastbaren Einschätzungen abgeben kann“, betont Geden, der einer der Leitautoren des jüngsten Weltklimaberichts ist.

Kamp gegen den Klimawandel: Mit der derzeitigen Politik ist das 1,5-Grad-Ziel nicht zu erreichen

Zudem sei bei manchen dieser nationalen Netto-Null-Ziele, etwa dem von Indien für 2070, unklar, ob sie sich nur auf CO2 beziehen oder auf alle Treibhausgase. Letzteres sei wesentlich anspruchsvoller – gerade bei Ländern wie Indien, in denen die Landwirtschaft eine große Rolle spielt.

Die Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London hält es allerdings für gefährlich, aus den neuen Modellrechnungen schon jetzt den Schluss zu ziehen, dass die Zwei-Grad-Grenze gerissen wird, egal wie die künftige Klimapolitik der Staaten ausfällt. Physikalisch sei es „auf alle Fälle möglich“, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, betont Otto. „Der neueste Sachstandsbericht des Weltklimarats hat sogar deutlich gezeigt, dass auch eine Begrenzung auf 1,5 Grad möglich ist.“ Das erfordere aber eine schnelle und konsequente Klimapolitik.

Für die Klimawissenschaftlerin sind die neuen Modellrechnungen der Fingerzeig, dass Klimapolitik für 1,5 Grad nicht mit der derzeitigen, langsamen Politik funktioniert. „Wir müssen die Umsetzung der Klimaziele deutlich beschleunigen. Das ist die große Herausforderung“, sagt sie – auch in Richtung Deutschland.

Klimaforscherin über Ziele des Paris-Abkommens: „Es ist noch nicht zu spät“

Klaus Hubacek, Umweltökonom an der niederländischen Uni Groningen, sieht alle Modellrechnungen von 1,8 bis 2,7 Grad noch im Bereich des Möglichen. Was eintreten wird, hängt auch für ihn von den politischen Entscheidungen ab: Werden zum Beispiel fossile Brennstoffe weiter subventioniert und wird in ihre Förderung investiert? Allerdings scheine sich die Menschheit derzeit auf das „obere Ende“ der Modellszenarien zuzubewegen, warnt Hubacek.

Trotz aller Unwägbarkeiten, die langfristige Prognosen in sich tragen, sind diese für Friederike Otto unverzichtbar. Erst solche Modellierungen würden es ermöglichen, richtungsweisende CO2-Budgets zu berechnen. Zugleich dürfen aber Projektionen möglicher Zukünfte nicht mit Vorhersagen verwechselt werden, betont die Klimawissenschaftlerin. „Am Ende liegt es in unserer Hand, welchen der möglichen Wege wir beschreiten.“ Sollten all die neuen Ziele vom Glasgower Klimagipfel erreicht werden, bleibe die Welt unter zwei Grad Erwärmung. „Nur mit den Vorhaben aber, die tatsächlich bereits in geltendes Recht umgesetzt sind, sind wir eben erst bei 2,7 Grad.“

Prinzipiell schaut Otto noch optimistisch in die Zukunft. Eine der wichtigen Erkenntnisse aus dem jüngsten, dem sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates sei, dass die globale Mitteltemperatur aufhöre zu steigen, wenn die Menschheit „Net Zero CO2“, also netto null CO2-Emissionen, erreiche. „Das physikalische System gibt uns alle Chancen, die Ziele des Paris-Abkommens einzuhalten. Es ist noch nicht zu spät“, bilanziert die Klimawissenschaftlerin. „Das Klimasystem ist richtig nett zu uns, aber das heißt im Umkehrschluss: Es liegt wirklich an uns.“ (Jörg Staude)

Rubriklistenbild: © Natacha Pisarenko/dpa

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