"Made in NRW"

Umstrittene Stipendien

Die Wirtschaft jubelt, doch die Studenten sind skeptisch.

Von ANNIKA JOERES

Die Hochschulen im Westen schauen in die USA: Nordrhein-Westfalen will als erstes Bundesland ein eigenes Stipendiensystem aufbauen. NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hatte immer wieder die amerikanischen Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen gelobt und in dieser Woche nun sein NRW-Modell vorgestellt.

Stipendien in Höhe von 300 Euro pro Monat sollen jeweils zur Hälfte vom Land und von privaten Geldgebern bezahlt werden. Allerdings müssen die Hochschulen in Vorleistung gehen: Nur wenn sie zahlungswillige Unternehmen gefunden haben, schießt das Land die zweite Hälfte bei. "Mit diesem unbürokratischen Anreizsystem erhöhen wir die Chance auf private Gelder", so Pinkwart. Schon im kommenden Wintersemester sollen 1200 Studierende das Monatsgeld erhalten.

Bislang ist dies ein frommer Wunsch: Denn erst jetzt können die Universitäten mit Gesprächen beginnen. "Es ist ein durchaus ambitionierter Plan", räumt der Sprecher des Ministeriums, Ralf-Michael Weimar, ein. Erste Signale aus der Wirtschaft aber belegten bereits großes Interesse.

Pinkwart hatte bei der Einführung der Studiengebühren von 500 Euro pro Semester immer wieder in Aussicht gestellt, neben dem Bafög und rein privat finanzierten Stipendien mit staatlich geförderten Stipendien eine dritte Finanzsäule zu schaffen.

Bislang gibt es deutschlandweit unzählige Studienzuschüsse, die von Unternehmen, Parteien oder Kirchen finanziert werden. Allerdings wurden sie nicht zusätzlich staatlich bezuschusst, wie es in Nordrhein-Westfalen künftig der Fall sein soll.

Das bevölkerungsreichste Land räumt den Geldgebern große Freiheiten ein. Sie dürfen bei der Auswahl der Stipendiaten eigene Prioritäten setzen: Sie können zum Beispiel Studierende mit Migrationshintergrund besonders unterstützen, so Pinkwart.

Notgedrungen hat Nordrhein-Westfalen in dieser Woche den Alleingang gewählt: Pinkwart war erst am vergangenen Montag mit seinem Vorstoß für ein nationales Stipendiensystem auf der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern gescheitert. Die GWK hatte im August eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die konkrete Vorschläge erarbeiten sollte. Für das Pinkwart-Modell aber gab es schließlich keine Mehrheit; Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) lehnte eine Mitfinanzierung durch den Bund ab. Nach Pinkwarts Vorstellung sollte dieser von den staatlichen 50 Prozent mehr als die Hälfte übernehmen.

Bejubelt wird der Liberale nun aus der Wirtschaft. "Pinkwart verfolgt den richtigen Ansatz, über die Förderung von Stipendien den Kontakt zwischen Hochschulen und Unternehmen zu vertiefen", so der Vizepräsident des Deutschen Arbeitgeberverbandes, Gerhard Braun, gegenüber der Frankfurter Rundschau. Für Unternehmen sei es attraktiv, Talente früh an sich zu binden.

Studierendenvertreter können den privaten Geldtöpfen dagegen wenig abgewinnen. "Das Geld kommt nicht denjenigen zugute, die es auch wirklich benötigen", sagt Florian Keller vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs).

Schon in den Bewerbungsgesprächen für bestehende Stipendien würden meist Kinder aus gutem Hause gewinnen. "Sie haben den entsprechenden Habitus und das Auftreten, das die Wirtschaftsvertreter gerne mögen und kennen", so Keller. Für den angehenden Volkswirtschaftler aus Heidelberg kommt nur eine Förderung in Frage: die staatliche. "Am sinnvollsten wäre es, endlich das Bafög zu erhöhen und zum Beispiel die sinnlose Altersgrenze von 30 Jahren aufzuheben." Nur eine öffentliche Förderung sei auch verlässlich.

Studierende befürchten außerdem, dass die ohnehin stärker unterfinanzierten Geisteswissenschaften von dem Unternehmertopf nur wenig profitieren werden. Eine berechtigte Sorge. "Unternehmen engagieren sich besonders für mathematisch-technische Fächer, da hier aus Sicht der Wirtschaft der größte Bedarf besteht", sagt auch Gerhard Braun.

Seiner Meinung nach hinke der Vergleich zwischen dem stark ausgebauten amerikanischen und dem deutschen Fördersystem. "Die USA hat eine lange Tradition der Hochschulförderung, während die Unternehmen in Deutschland seit jeher stärker in die berufliche Aus- und Weiterbildung investieren."

Möglicherweise ist dies aktuell ein Glück für deutsche Studierende. Die Finanzkrise hat amerikanische Hochschulen viele Spender gekostet. Selbst Elite-Universitäten wie Harvard leiden unter massiven Einbrüchen; die Zahl der Stipendiaten ist rapide gesunken. US-Präsident Barack Obama will die Hörsäle nun unabhängiger von der Wirtschaft machen. Er versprach im Wahlkampf, die staatliche Unterstützung von Studenten aufzustocken.

Der Arbeitgeberverband kann nur "schwer abschätzen, wie sich die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise auf die Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen auswirken", so Braun. Ob die ersten Stipendiaten in Nordrhein-Westfalen in wenigen Monaten tatsächlich staatlich-privates Geld auf ihrem Konto haben werden, bleibt fraglich.

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