„Für Schüler mit einer Lernschwäche fühlt man sich bislang nicht wirklich zuständig.“ Frank Molter/dpa
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„Für Schüler mit einer Lernschwäche fühlt man sich bislang nicht wirklich zuständig.“ 

Lernen

Umdenken in der Pädagogik

  • vonJosef Hanel
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Auf den Anfang kommt es an, damit Kinder in der Schule eine stabile Lernbasis erhalten. Der Gastbeitrag.

Bei Wilhelm Busch ist die pädagogische Welt noch in Ordnung, denn damit das Lernen „mit Verstand geschah, war der Lehrer Lämpel da“. Doch angesichts der aktuellen Pisa-Bildungsstudie und der fortwährend bestätigten Misere um die Abhängigkeit des Schulerfolges vom Bildungsstatus der Herkunftsfamilie muss man sich Sorgen machen. Das Argument, dass sich der pädagogische Sachverstand auf 16 Bundesländer verteilt mit 16 unterschiedlichen Schulsystemen, Lehrerausbildungen und Lehrplänen, ist sicher nur ein Teil der Erklärung.

In allen Bundesländern erkennen erfahrene Lehrkräfte sehr schnell, wenn ein Schulkind über den normalen Förderun-terricht hinaus dringend weitere Unterstützung benötigt, die zurzeit aber nicht aus dem Stundendeputat der Schule generiert werden kann. Die Frage, warum die notwendige Unterstützung nicht einsetzt, wird nicht gestellt, obwohl bereits Goethe festge-stellt hat: Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurecht. Wir müssen umdenken, denn es kommt genau auf diesen Anfang an, wenn wir eine stabile Basis für das Lerngebäude eines Kindes herstellen wollen.

Oftmals ist es so, dass auch das Elternhaus die zusätzliche Förderung nicht bieten oder organisieren kann. Auch die schul-psychologische Beratung wird nicht ausreichen, um alle diese Kinder aufzufangen. Viele Schüler nehmen am pädagogischen Ganztag teil und können aus Zeitgründen eine mögliche externe Förderung nicht wahrnehmen, außerdem sind sie einem anstrengenden Schülerarbeitstag geschafft. Bildungsferne Elternhäuser, auch Flüchtlingsfamilien, sind schlichtweg überfordert, mögliche Hilfen etwa beim Jugendamt zu erkennen und durchzusetzen.

Wenn der häufig geäußerte Satz „Wir lassen kein Kind zurück“ ehrlich gemeint wäre, müsste bereits zum Beginn der Schulzeit der Förderbedarf individualisiert im pädagogischen Ganztag möglich sein, entweder mit eigenen Lehrkräften oder mit externen Fachkräften, die in die Schule kommen.

Die Schule muss sich öffnen und die Förderung von Kindern mit multiprofessionellen Kräften in der Ganztagsschule neu denken. Lerntherapeuten und vergleichbare Fachkräfte, die stundenweise an der Grundschule mitarbeiten, nicht aber zum Kollegium gehören müssen, bereichern das pädagogische Geschehen und entlasten die Schule fachlich, die Jugendhilfe und damit die Gesellschaft finanziell. Ebenso wie die Arbeit der Sekretärin oder des Hausmeisters könnte die Tätigkeit der außerschulischen Fachkräfte über die Kommune organisiert werden. Die Lerndefizite können auch als Versagen des Systems Schule verstanden werden. Pisa-Vorzeigeländer in Skandinavien sehen das so, zumal die enge Verbindung zwischen Schüler und Lehrkraft nicht durch Schulwechsel oder Sitzenbleiben aufgelöst werden kann. Der Bildungsjournalist Reinhard Kahl hat das Vorgehen in Schweden zusammengefasst: Im Falle des sich andeutenden Schulversagens setzen sich alle Beteiligten, also neben der Schulleitung und Lehrkräften auch Schulpsychologen und Sozialpädagogen und andere rechtzeitig zu einer kollegialen Beratung zusammen und fragen sich, wie die Lernentwicklung dieses Kindes verbessert werden kann: Was haben wir versäumt? Was hätten wir machen können?Wie können wir dem Schulverlauf eine andere Richtung geben?

Der Diplompsychologe und Pädagoge Josef Hanel.

Die Schule sieht sich ausschließlich in der Verantwortung für die gesamte Lernentwicklung eines Kindes und stellt die not-wendigen Ressourcen bereit und zwar in der Schule und nicht irgendwo in einem Nachhilfe- oder außerschulischen Lerninstitut. Um heute allen Kindern gerecht zu werden, braucht es, wie das Beispiel Schweden zeigt, in jedem Kollegium ein deutliches Mehr an Unterstützung, die auch von Fachkräften von außerhalb der Schule kommen kann.

In der aktuellen Pisa-Studie wird festgestellt, dass die Lernleistung nicht zunimmt, sondern im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften abgenommen hat. Das beklagte Lernversagen wird weiter dazu führen, dass Schüler den Lern-stoff wiederholen müssen, also sitzenbleiben in der Hoffnung, dass dann die Lernleistung wieder steigt. Wir finanzieren somit vorwiegend das Lernversagen und nicht die Lernförderung, die ja zusätzliche Kosten verschlingen würde. Das ließe sich doch umstellen!

Bei einer wirtschaftlichen Betrachtung des Sitzenbleibens machen sich die Folgekosten nur dann bemerkbar, wenn sich die Schullaufbahn eines Kindes deswegen verlängert. Das Statistische Bundesamt teilt diese Meinung: „Klassenwiederholungen können die Motivation von Schülerinnen und Schülern positiv aber auch negativ beein-flussen. Ungeachtet dessen führen Klassenwiederholungen zu erheblichen Mehraufwendungen im Bildungsbereich. Die Kosten, die vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Klassenwiederholungen verursachen, gelten als wesentlich niedriger als die, die dadurch entstehen, dass Schülerinnen und Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gehen.“

An deutschen Schulen haben im Schuljahr 2013/2014 insgesamt 149 100 Jungen und Mädchen eine Klasse wiederholt. Blieben diese ein Jahr länger im Schulsystem, entstehen dadurch Kosten, deren Höhe berechnet werden kann. Das Statistische Bundesamt rechnet mit 6800 Euro für ein Schuljahr. 149 100 Schuljahre kosten den Steuerzahler demnach etwas mehr als eine Milliarde Euro. Würden man eine Stelle Schulpsychologie mit etwa 50 000 Euro berechnen und würden alle Schuljahreswiederholer ein Jahr länger im Schulsystem verbleiben, ließe sich mit dem Finanzvolumen rund 20 000 Stellen in der Schulpsychologie schaffen. Das bedeutet, dass jede der rund 16 000 Grundschulen in Deutschland mit mehr als einer Stelle Schulpsychologie ausgestattet werden könnte!

Diese einzusparenden Kosten im Bildungswesen erleichtern das Umdenken in der Pädagogik. Wenn Lernförderung frühzeitig einsetzen würde, ließe sich das Lernversagen oft vermeiden. Der zunehmende Ganztag an vielen Schulen bietet jetzt die Gelegenheit, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen und die Schule so auszustatten, dass sie wieder alleine für den Lernerfolg eines jeden Schülers verantwortlich sein kann.

Genuine Aufgabe der Schulen ist es, allen Schüler/innen den Erwerb der Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen zu ermöglichen. Für Schüler mit einer Lernschwäche wie Legasthenie oder Dyskalkulie fühlt man sich bislang nicht wirklich zuständig. In der Pädagogik hat man sich daran gewöhnt, die Verantwortung für diese Schüler mit Unterstützung der Jugendhilfe an Institutionen außerhalb der Schule abzugeben.

Fachleute aus benachbarten Disziplinen übernehmen dann deren ureigene Aufgabe: Mediziner, Psycho-logen, Lerntherapeuten, Heil- und Sozialpädagogen, Ergotherapeuten et cetera. Und niemand regt sich darüber auf. Dazu ein Vergleich: Wie lange würde sich ein Schuhmacher wohl halten können, wenn er sich für Kunden mit Senk- und Spreizfuß nicht mehr zuständig fühlen würde? In der Pädagogik überlässt man jedoch eine zentrale Aufgabe dem außerschulischen Bildungsmarkt.

Zu bedenken ist aber auch, dass sich der Arbeitsalltag von Lehrern in Zeiten von Inklusion, Migration und Erwerbstätigkeit beider Eltern oder Alleinerziehender verändert hat. Während früher im Klassenzimmer die Wissensvermittlung im Vordergrund stand, ist heute für die Lehrer an vielen Stellen im Schulalltag die soziale Interaktion mit Schülern und Eltern gefragt.

Viele Lehrkräfte beklagen sich heftig über die zunehmende Bürokratie. Man tut so, als ob nur die Kinder und deren Familien eine Bring-Pflicht hätten, so in die Schule zu kommen, wie die Lehrer sie gern hätten. Neben der Bring-Pflicht der Lehrkräfte muss deutlich auf die Verantwortung des Schulministeriums für die Voraussetzungen eines guten Unterrichts hingewiesen werden, gemeint ist nicht nur der Lehrermangel an Grundschulen.

Eigentlich muss es da verwundern, dass unter diesen bescheidenen Voraussetzungen viele gute Beispiele existieren und zwar nicht nur an Schulen, die mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet werden. Überall dort bemüht man sich, qualifizierte Förderkräfte zu integrieren und die Lehrkräfte verstehen sich als wichtige Faktoren in einem multiprofessionellen Kolle-gium. Die Schule ist der geeignetste Lernort für Schülerinnen und Schüler und die zusätzliche Förderung sollte dort stattfin-den, wo das Kind am besten zu erreichen ist: in der Schule.

In Meta-Studien über Schulqualität wird betont, dass der Schulerfolg weniger von der Unterrichtsmethode, von der Klassengröße oder von der Ausstattung der Schule abhängt, sondern hauptsächlich von der Persönlichkeit des Lehrers. Daher gilt es, die richtigen Menschen für den Beruf des Lehrers zu gewinnen, sie entsprechend gut zu bezahlen und ein Schulsystem zu schaffen, das alle Anstrengungen darauf konzentriert, jedes Kind optimal zu unterrichten.

Der pädagogische Sachverstand ist in vielen Schulen verschüttet worden, weil man sich in Deutschland mit dem Mittelmaß arrangiert hat. Ein Paradigmenwechsel würde dazu beitragen, das Ethos in der Pädagogik durch Vernetzung mit anderen gut qualifizierten Förderkräften neu zu beleben. Gute Schulen, guter Unterricht sind nur möglich mit qualifizierten Lehrern, Schulpsychologen, Schulsozialpädagogen und Lerntherapeuten vor Ort. Es muss ein Ruck durch die Bildungslandschaft gehen!

Der Diplompsychologe und Pädagoge Josef Hanel ist Vorsitzender im Verein für Schulpsychologie Detmold.

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