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Der starke Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft ist hausgemacht.
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Der starke Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft ist hausgemacht.

Gastbeitrag

Schule in der Corona-Krise: Umdenken in der Pädagogik

  • vonJosef Hanel
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Mit dem Ganztag alle Kinder besser fördern – eine Antwort auf die Corona-Pandemie. Der Gastbeitrag.

Lernerfolge in Zeiten der Corona-Pandemie sind besonders für Kinder mit Lernerschwernissen oder Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie in der Grundschule schwieriger geworden. Zu befürchten ist, dass bei Kindern aus bildungsfernen Familien noch größere Defizite eintreten werden als vorher und viele ihre schulischen Ziele nicht erreichen. Es muss eine Rückbesinnung auf den qualifizierten Unterricht in der Schule erfolgen, damit in künftigen Bildungsstudien bessere Ergebnisse erzielt werden.

In der IQB-Bildungsstudie von 2017 wurde festgestellt, dass Viertklässler schlechter lesen können als Grundschüler vor fünf Jahren. 15 Prozent von ihnen nicht einmal in der Lage sind, einfache Rechenaufgaben zu lösen. Auch die IQB-Bildungsstudie von 2019 zeigt keine besseren Ergebnisse und die OECD-Studie von 2018 bescheinigt Deutschland erneut ein ungerechtes Bildungssystem mit der Kernaussage, dass der immer noch starke Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft hausgemacht ist.

Bei Mangel an Kapazitäten externe Fachkräfte holen

Eine Antwort wird sein, nach den Erfahrungen mit Homeschooling in der Corona-Krise viel stärker als bisher auf das digitale Lernen für Kinder mit Lernerschwernissen zurückzugreifen und neue Zeitfenster für die individuelle Förderung in der Schule zu finden. Dazu bietet es sich förmlich an, den bisherigen Ganztag in der offenen Grundschule (OGS) weiterzuentwickeln zu einem pädagogischen Ganztag, in dem die notwendige zusätzliche Förderung integriert werden kann. Sollten die dazu vorhandenen Kapazitäten nicht aus dem Kollegium selber generiert werden können, was bei zwei Förderstunden pro Woche in der Regel nicht möglich ist, müssen externe Fachkräfte zur Unterstützung in die Schule geholt werden.

Der gesetzliche Auftrag einer Grundschule ist klar zu umreißen: alle Schüler:innen mit zumindest normaler Intelligenz sollen durchschnittliche Leistungen in den Kulturtechniken erreichen. Und das alleine würde ein radikales Bekenntnis der Grundschule zur eigenen Verantwortlichkeit für den Schulerfolg nach sich ziehen, eben weil die Schule der beste Förderort ist. Nur so kann man sicher gehen, dass auch wirklich jedes Kind die entsprechende Lernunterstützung erhält. Der Bildungserfolg würde nicht mehr so sehr von der Herkunftsfamilie abhängig sein. Vergegenwärtigen wir uns eine typische Situation: In einer dritten Klasse werden zwei Kinder wegen fehlender Lernerfolge zurückgestuft. Bleiben diese Kinder ein Schuljahr länger im Schulsystem, verursacht dies Kosten in Höhe von 2 mal 6800 Euro = 13 600 Euro (Statistisches Bundesamt 2016). Warum sollte man nicht überlegen, wie sich die Unterrichtssituation in dieser Klasse bereichern ließe, wenn die engagierte Lehrkraft frühzeitig mit diesem Geld eine zusätzliche Förderung in ihrer Klasse implementieren könnte? Finanzverantwortliche und Ministerien müssen zu dem Schluss kommen, dass Steuergeld auf dem Wege der schulinternen Förderung nicht nur sehr sinnvoll, sondern auch sparsamer ausgegeben werden würde.

„Wir lassen kein Kind zurück“

Die Jugendhilfe tritt mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (hier im § 35a KJHG) als Bewilligungsstelle für eine Therapie bei Legasthenie und Dyskalkulie zusätzlich auf den Plan und übernimmt die Kosten für eine Therapie. Nach einem Gutachten werden Eingliederungshilfen in Form von 20 Therapieeinheiten pro Schulhalbjahr gewährt, wenn bei den Kindern eine (drohende) seelische Behinderung nachgewiesen werden kann. Da an diesem Diagnoseprozess viele zu beteiligen sind wie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Schulpsychologie, Lehrkräfte, Schulaufsicht etc., und es möglicherweise zu einem Rechtsstreit kommt, wird schon vor Beginn einer außerschulischen Therapie viel Geld verbraucht.

Eine übergeordnete neutrale Kostenrechnung würde ergeben, dass das übliche Procedere bei Eingliederungshilfen wesentlich mehr Finanzmittel bindet als die nachfolgende therapeutische Intervention. Wenn dieser Sachverhalt stimmig ist, wäre es doch sinnvoller, den Schulen direkt dieses Geld zu gewähren, damit der Förderunterricht mit den fachkundigen Helfern aus außerschulischen Instituten in der Ganztagsschule ausgebaut werden kann. Dass dies ein Erfolgsmodell für die Grundschule sein kann, wird vom Bundesverband für Legasthenie bereits vorgeschlagen.

Der gut gemeinte Ausspruch „Wir lassen kein Kind zurück“ erhält dann einen neuen Sinn, wenn Schule die umfassende Förderung in der pädagogischen Ganztagsschule selber organisieren und verantworten darf. Viel zu lange hat man in der Pädagogik zugelassen, dass sich benachbarte Disziplinen wie Medizin, Psychologie, außerschulische Lerninstitute etc. der Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oder Dyskalkulie bemächtigt haben, indem sie anstelle eines fundierten Förderunterrichts eine aufwendige Therapie anbieten, die in der Schule von Pädagogen in Zusammenarbeit mit externen Lerntherapeuten einfacher zu realisieren wäre.

Wie kann man die Lernentwicklung der Kinder verbessern?

Folgt man Wolfram Meyerhöfer, dann sind Dyskalkulie und Legasthenie lediglich theorie-sprachliche Konstrukte. Nachdem man Jahrzehnte damit verbracht hat, danach zu suchen, was im Kopf dieser Kinder nicht in Ordnung ist, wurde dennoch nichts Einleuchtendes gefunden. Professor Meyerhöfer stellt fest: „Ihr sucht an der falschen Stelle nach der Lösung. Nicht der Kopf der Kinder ist das Problem, sondern ihr Unterricht: Kinder sind sehr unterschiedlich.“

Bei der Durchsicht der zahlreichen Meta-Studien zum Schulerfolg wird deutlich, dass nicht die Unterrichtsmethode, die Klassengröße oder die Zusammensetzung der Klasse entscheidend ist, sondern die Persönlichkeit des Lehrers/der Lehrerin. Die Auswahl der künftigen Lehrkräfte, die Inhalte der universitären Ausbildung sowie die Bezahlung gehören auf den Prüfstand.

Wir können die Lerndefizite auch als Versagen des Systems Schule verstehen so wie die Pisa-Vorzeigeländer in Skandinavien. Im Falle sich andeutender Schulprobleme setzen sich alle am Kind Beteiligten – also neben der Schulleitung und den Lehrkräften auch Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Lerntherapeuten und andere – rechtzeitig zu einer kollegialen Beratung zusammen und fragen sich, wie die Lernentwicklung dieses Kindes verbessert werden kann: Was haben wir versäumt? Was hätten wir machen können? Wie können wir dem Schulverlauf jetzt eine andere Richtung geben?

Die Schule sieht sich ausschließlich in der Verantwortung für die gesamte Lernentwicklung eines Kindes und stellt notwendige Ressourcen bereit und zwar in der Schule und nicht irgendwo in einem Nachhilfe- oder außerschulischen Lerninstitut. Eine frühzeitige gelingende Intervention bei Lernversagen würde Betroffenen viel Leid ersparen und sogar Steuergeld einsparen. Wir fordern einen Paradigmenwechsel: Therapie und Lernförderung findet in einer Kompetenzgrundschule künftig nicht mehr außerschulisch statt, sondern im pädagogischen Ganztag in der Schule. Es muss ein Ruck durch die Bildungslandschaft gehen.

Dr. Josef Hanel ist Vorsitzender im Verein für Schulpsychologie Detmold.

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