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Russland will deutsches Weltraumteleskop kapern

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Von: Tanja Banner

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Das deutsche Röntgenteleskop eRosita vor dem Start ins Weltall.
Das deutsche Röntgenteleskop eRosita vor dem Start ins Weltall. © dpa/MPE/Peter Friedrich

Wegen des Ukraine-Kriegs pausiert Deutschland die Arbeit des Weltraumteleskops eROSITA. Doch nun will Russland das Teleskop eigenmächtig reaktivieren.

Garching/Moskau – Eigentlich soll das deutsche Weltraumteleskop eROSITA, das vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) in Garching gesteuert wird, die Tiefen des Universums erkunden. Das Röntgenteleskop, das sich an Bord der russischen Raumsonde Spektr-RG befindet, durchsucht normalerweise den Himmel nach Quellen, die Röntgenstrahlung abgeben (schwarze Löcher und Neutronensterne) und arbeitet dabei eng zusammen mit dem russischen Instrument ART-X, das supermassereiche schwarze Löcher sucht.

Doch seit Russland im Februar 2022 die Ukraine überfallen hat, ist nichts mehr normal – auch in der Raumfahrt hat der Ukraine-Krieg einiges auf den Kopf gestellt. Als Reaktion auf den Ukraine-Konflikt wurde nicht nur die europäisch-russische Kooperation beim Mars-Rover „Rosalind Franklin“ von der europäischen Raumfahrtorganisation Esa auf Eis gelegt, auch das MPE reagierte: Das deutsche Weltraumteleskop eROSITA wurde am 26. Februar „in einen sicheren Zustand versetzt“, teilten die Betreiber mit. Der wissenschaftliche Betrieb werde pausiert.

Weltraumforschung: Russland will deutsches Röntgenteleskop kapern

Vier von acht geplanten Durchgängen zur Durchmusterung des gesamten Himmels wurden seit dem Start des Teleskops im Jahr 2019 abgeschlossen. Doch seit mehr als drei Monaten bewegt sich das Röntgenteleskop durch das Weltall, ohne seiner Arbeit nachzugehen. Das könnte sich jedoch ändern. Dmitri Rogosin, Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, erklärte kürzlich in einem Fernsehinterview, dass er Anweisungen gegeben habe, „die Arbeiten zur Wiederherstellung des Betriebs des deutschen Teleskops im Spektr-RG-System zu starten, damit es mit dem russischen Teleskop zusammenarbeitet“. Das berichtet die Deutsche Welle (DW).

„Trotz der Forderung Deutschlands, eines der beiden Teleskope von Spektr-RG abzuschalten, bestehen die russischen Spezialisten darauf, die Arbeit fortzusetzen. Roskosmos wird in naher Zukunft entsprechende Entscheidungen treffen“, zitiert die Deutsche Welle Rogosin. Und weiter: „Sie – die Leute, die die Entscheidung zur Abschaltung des Teleskops getroffen haben – haben nicht das moralische Recht, diese Forschung für die Menschheit zu stoppen, nur weil ihre pro-faschistischen Ansichten unseren Feinden nahe stehen.“ Rogosin gilt als Putin-treu, er hat den Krieg in der Ukraine mehr als ein Mal verteidigt und bereits mehrfach mit dem Ende der Zusammenarbeit bei der Internationalen Raumstation ISS gedroht.

Deutsches Weltraumteleskop eROSITA pausiert wegen des Ukraine-Kriegs

Doch ganz so einfach scheint es nicht zu sein: Ein Neustart des Teleskops ohne deutsche Beteiligung könne dem Gerät selbst schaden, warnen Beteiligte an dem Projekt. Die Wiederinbetriebnahme könne nur mit der Zustimmung Deutschlands erfolgen, da sonst die Gefahr bestehe, dass das Teleskop ausfalle, zitiert DW den russischen Astrophysiker Rashid Sunyaev. Gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax erklärte Sunyaev: „Einseitiges Handeln in dieser Situation führt nur zu mehr Misstrauen zwischen den Menschen.“

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Deutsches Röntgenteleskop eROSITA befindet sich auf russischer Raumsonde

Rein rechtlich ist die Angelegenheit offenbar schwierig, wie Space.com berichtet. „Da Russland der registrierende und der startende Staat ist, hat es eine ziemlich starke Kontrolle über das Objekt“, zitiert das Portal den Weltraum-Anwalt Christopher Johnson. „Deutschland ist nach wie vor Eigentümer von eROSITA, auch wenn es sich auf einem russischen Raumschiff befindet, und beide Parteien sind verpflichtet, zusammenzuarbeiten und der anderen Partei die gebührende Achtung zu erweisen sowie das Recht der anderen Partei auf Erforschung des Weltraums und Weltraumforschung nicht zu beeinträchtigen.“

Zwar könnte Russland das Abschalten des Teleskops durch Deutschland als einen Rückzug von der Zusammenarbeit betrachten, Russland habe jedoch „nicht das Recht, das Weltall mit dem Teleskop eines anderen Staats zu erforschen“, so Johnson.

Bevor Deutschland eROSITA wegen des Ukraine-Kriegs deaktiviert hat, lief es für das Röntgenteleskop gut: Ein erster Datensatz wurde im Juli 2021 veröffentlicht – darin enthalten waren mehr als drei Millionen neu entdeckte schwarze Löcher und Neutronensterne. Die Analyse der Daten durch Forschende geht jedoch weiter, erst im vergangenen Monat haben Forschende bekannt gegeben, dass eROSITA erstmals eine Nova im Röntgenlicht beobachtet hat. Zuvor hatte das deutsche Röntgenteleskop gigantische Blasen in der Milchstraße entdeckt. (tab)

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