Noch eine Nachtschicht: Dafür greifen viele zu kleinen bunten Helfern.  So harmlos, wie sie aussehen, sind sie oft nicht.
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Noch eine Nachtschicht: Dafür greifen viele zu kleinen bunten Helfern. So harmlos, wie sie aussehen, sind sie oft nicht.

Medikamente zur Leistungssteigerung

Turbo-Pillen fürs Gehirn

Medikamente sollen die Lern- und Leistungsfähigkeit steigern. Aber Wundermittel sind eine Illusion und der Weg ist risikoreich. So risikoreich, dass in Deutschland immer noch viele davon absehen, ihr Gehirn mit Pillen zu tunen.

Von Katja Irle

Medikamente sollen die Lern- und Leistungsfähigkeit steigern. Aber Wundermittel sind eine Illusion und der Weg ist risikoreich. So risikoreich, dass in Deutschland immer noch viele davon absehen, ihr Gehirn mit Pillen zu tunen.

Der glücklose Schriftsteller Eddie Morra ist am Ende. Seine Freundin hat ihn verlassen, und die Frist bis zur Abgabe seines ersten Buches läuft bald ab. Doch ein New Yorker Drogendealer katapultiert den Verlierer mit der geheimnisvollen Pille NZT-48 innerhalb weniger Stunden wieder auf die Sonnenseite des Lebens. Eddi wähnt sich bei den Auserwählten: „Wie viele von uns wissen schon, wie es ist, eine perfekte Ausgabe seiner selbst zu sein?“

Eddie ist eine Romanfigur, die Wunderpille gibt es auch nur in der Fiktion. In der US-Verfilmung „Limitless“, die im vergangenen Jahr unter dem Titel „Ohne Limit“ in die deutschen Kinos kam, trieb der Regisseur die Frage nach Hirndoping und seinen Folgen auf die Spitze: Eine einzige Pille schafft Menschen ohne Limit. Aus medizinisch-neurologischer Sicht ist dieses Szenario von der Realität noch weit entfernt. Zwar werden Psychostimulanzien wie Ritalin (Methylphenidat) oder Modafinil, Pillen gegen Demenz oder Antidepressiva auch von vermeintlich Gesunden zur Lern- und Leistungssteigerung sowie zur psychischen Stabilisierung geschluckt. Doch die Wirkung der Medikamente bei Menschen, die sie ohne therapeutische Indikation einnehmen, ist umstritten.

Zwar kann etwa Modafinil (ein Mittel, das eigentlich die Schlafkrankheit Narkolepsie behandeln soll) nachweislich auch übermüdete gesunde Menschen kurzfristig wachrütteln. Ansonsten ist die leistungssteigernde Wirkung eher gering – und zudem mit hohen Risiken wie psychiatrischen Reaktionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.

Warnung vor Hallo-Wach-Pillen

Deshalb warnte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) vor einem Jahr ausdrücklich vor den Hallo-Wach-Pillen und schränkte das Anwendungsgebiet in einem sogenannten Rote-Hand-Brief drastisch ein. Die in den USA übliche Verschreibungspraxis von Modafinil für müde Schichtarbeiter hält die EMA für bedenklich.

Gravierende Nebenwirkungen halten zumindest in Deutschland immer noch viele Menschen davon ab, ihr Gehirn mit Pillen zu tunen. Eine Wunderdroge, die den Geist ganz ohne gesundheitliche Nachteile nachweislich beflügelt, gibt es nicht. Gäbe es sie, wäre das für den Erfinder wohl eine Lizenz zum Gelddrucken.

Belastbare Zahlen darüber, wie viele Menschen trotz hoher Risiken leistungssteigernde Mittel schlucken, gibt es kaum. Die meisten Untersuchungen stammen aus den USA. Oft beruhen sie auf Umfragen, in denen sich Leute als „Hirndoper“ outen. Ob dabei die Wahrheit ans Licht kommt, ist fraglich.

Alles nur Hysterie?

In Deutschland versuchte zuletzt die Hochschul-Informations-System (HIS) GmbH mit einer repräsentativen Untersuchung die Debatte über Hirndoping bei Studenten als Medienphänomen und „Ritalin-Legende“ zu entlarven. „Nur“ etwa fünf Prozent der Studenten in Deutschland gehörten zu den „Hirndopenden“, teilte HIS mit – deutlich weniger als bislang angenommen.

Also alles nur Hysterie? „Der Versuch, die eigene geistige Leistungsfähigkeit zu verbessern, ist eine uralte Menschheitstradition und für sich genommen auch eine durchaus positive ethisch-zivilisatorische Wertvorstellung“, sagt der Mainzer Neuroethiker Thomas Metzinger, der sich seit Jahren mit Neuro-Enhancement und seinen Folgen befasst. Mit der Neuroethik entstand eine ganz neue akademische Disziplin – eine Art moralische Folgenabschätzung für das, was die Fortschritte in der Hirnforschung praktisch und theoretisch möglich machen.

Aber es geht nicht nur um die Forschung. Eine neue Qualität sei insbesondere durch neue kommerzielle Zielsetzungen entstanden, sagt Metzinger. Der Wissenschaftler sieht die Tendenz, den eigentlich „gesunden menschlichen Geist“ zu optimieren und möglichst effizient zu „bewirtschaften“. Ein Fall nicht nur für die Medizin des Machbaren, sondern auch für Politik und Philosophie, die sich in Bewertung und Grenzziehung üben.

Alternativen zum Hirndoping

Beispiel Ritalin: Obwohl das Medikament eigentlich zur Behandlung von Kindern dienen soll, die an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leiden, optimiert der in Ritalin verwendete Wirkstoff Methylphenidat zunehmend auch gesunde Erwachsenen-Hirne. Experten zweifeln zudem daran, dass alle Kinder, die Ritalin schlucken, tatsächlich unter ADHS leiden. Dagegen spricht der rasante Anstieg des Verbrauchs: In Deutschland haben sich die verordneten Tagesdosen von Methylphenidat in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Ist das Zappeln in dieser Zeit zum Massenphänomen geworden?

Über Alternativen zum Hirndoping via Pille forscht der Tübinger Philosoph und Politikwissenschaftler Roland Kipke. Für seine ethische Untersuchung zu „Selbstformung und Neuro-Enhancement“ hat er im Februar den Georg-Foster-Preis von der Universität Kassel bekommen. Kipke glaubt, dass es auf Dauer keine gesunde Strategie ist, sich mit Hilfe von pharmakologischen Eingriffen ins Gehirn zu optimieren. Er setzt stattdessen auf Klassiker wie Konzentrationsübungen oder autogenes Training: „Selbstformung ermöglicht das beglückende Erlebnis, sich aus eigener Kraft verändern zu können.“

Ob das auch Eddie, dem Autor aus dem US-Thriller, gelingt, lässt der Film übrigens offen. Die Schlussszene zeigt ihn, wie er fließend Chinesisch parliert – ob Dank Selbststudium, Wunderpille oder beidem zusammen, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Wie im echten Leben auch.

Unter Neuro-Enhancement versteht man den Versuch, bei gesunden Menschen die kognitive Leistungsfähigkeit zu steigern. Dazu können Medikamente dienen, die als IQ-Pillen, Wachmacher, Glücksdrogen angepriesen werden.

Im Zweiten Weltkrieg schluckten Millionen Soldaten und Piloten Amphetamin („go pills“). In Irak putschten sich US-Soldaten mit Modafinil auf.

Für Schüler und Studenten gehören Energy Drinks, Traubenzucker und Koffein zum Lernalltag. Aber auch Denksport, Coaching oder Meditation können Leistungen verbessern. Umstritten ist der Gebrauch von Psychopharmaka zur Leistungssteigerung.

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