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Tumore der unter der Harnblase gelegenen Prostata sind die häufigste Krebsart bei Männern. Getty
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Tumore der unter der Harnblase gelegenen Prostata sind die häufigste Krebsart bei Männern. Getty

Prostatakrebs

Krebsforschung mit neuer Therapie – Tumorzellen von innen gezielt bestrahlen

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Die neuartige PSMA-Radioliganden-Therapie kann die Lebenserwartung bei forgeschrittenem metastasiertem Prostatakrebs verlängern. Behandlung auch bei anderen Krebsarten denkbar

Frankfurt – Bei Prostatakrebs geht die Schere weit auseinander: Wird ein Tumor früh erkannt, sind die Heilungschancen sehr hoch, handelt es sich um eine langsam wachsende Form, reicht sogar oft eine Beobachtung aus. Ganz anders sieht es bei sehr aggressiven Tumoren aus – und umso schlechter, wenn sich bereits Metastasen gebildet haben. „Bei diesen Männern stehen wir relativ bald mit dem Rücken zu Wand“, sagt Boris Hadaschik, Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Essen. Jährlich werden in Deutschland 14 000 Todesfälle durch Prostatakrebs verzeichnet. Fast allen ist ein Stadium vorangegangen, in dem moderne Hormon- und Chemotherapien nicht mehr wirken, weil die Tumorzellen Resistenzen entwickelt haben. Die Hormontherapien – auch medikamentöse Kastration genannt – unterdrücken die Produktion männlicher Geschlechtshormone. Das soll bewirken, dass Krebszellen „einschlafen“ – leider aber funktioniert das nicht immer auf Dauer.

Für Patienten mit einer solchen „Kastrationsresistenz“ – so der für Laien etwas irritierend anmutende Fachbegriff – gibt es nun mit der PSMA-Radioliganden-Therapie eine neue Behandlungsoption, die zwar in diesem fortgeschrittenen Stadium keine Heilung versprechen, aber doch die Lebenszeit verlängern kann – nach heute verfügbaren Daten um etwa vier Monate. Das mag zunächst nicht nach viel klingen, ist aber vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Betroffenen in diesem Stadium der Erkrankung durchschnittlich nur noch ein Jahr leben. Bewährt sich die Therapie bei diesen bislang nur palliativ behandelbaren Patienten, so könnte sie in einigen Jahren möglicherweise auch schon zu einem früheren Zeitpunkt eingesetzt werden, dann mit dem Ziel der Heilung, sagt Boris Hadaschik.

Therapie in Deutschland bereits als „individueller Heilversuch“ zu haben

Nachdem die positiven Ergebnisse einer großen internationalen Phase 3-Studie im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden, ist nun bald mit der Zulassung der PSMA-Radioliganden-Therapie in Europa und den USA zu rechnen. Beteiligt an dieser „Vision“-Studie waren Teams aus mehreren Ländern, darunter auch Forschende des Universitätsklinikums Essen sowie der Schweizer Pharmakonzern Novartis.

In Deutschland wird die neue Therapie bereits an einigen Zentren als „individueller Heilversuch“ auch ohne offizielle Zulassung angeboten. Voraussetzung ist, dass die Nuklearmedizin einer Klinik über Betten verfügt, denn die Therapie erfordert in Deutschland einen zweitägigen stationären Aufenthalt.

Neue Krebstherapie nutzt Oberflächenprotein als Zielstruktur

Die PSMA-Radioliganden-Therapie ist eine Art innere Strahlentherapie, mit der Tumorzellen gezielt bestrahlt werden, erklärt Hadaschik. Und das funktioniert so: PSMA (die Abkürzung für prostataspezifisches Membranantigen) ist ein Protein, das verstärkt auf der Oberfläche von Tumorzellen eines Prostatakrebses auftritt, in besonderem Maße bei aggressiven Formen; eine große Dichte von PSMA gilt als Marker für eine schlechte Prognose. Grundsätzlich ist dieses Eiweiß aber nicht nur auf krankhaft veränderten Zellen, sondern auch auf gesunden Zellen etwa in den Speicheldrüsen, den Nieren oder dem Zwölffingerdarm zu finden.

Leitlinien zur Früherkennung

Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebsart bei Männern. Jährlich erhalten mehr als 60 000 Patienten in Deutschland diese Diagnose. Die Malignität von Prostatakrebs schwankt stark. Langsam wachsende Tumore bedürfen keiner aktiven Therapie, andere Formen wachsen und streuen eher schnell.
Zur Früherkennung gibt es neue Leit- linien. Nach der Aufklärung über den möglichen Nutzen und Schaden einer Früherkennung bleibt das Bestimmen des PSA-Wertes im Blut die zentrale erste Säule. Da dies aber ein sehr sensibler Marker ist, der auch bei gutartigen Prozessen und langsam wachsenden Tumoren erhöht sein kann, besteht die Gefahr der Überdiagnostik und Übertherapie. Bisher folgte bei erhöhten Werten immer eine Biopsie. Das hat sich nun geändert. Statt der Gewebeentnahme sollte nun zunächst eine Untersuchung im Magnetresonanztomographen (MRT) erfolgen. Erst wenn sich dort Auffälligkeiten zeigen, steht eine Biopsie an. pam

Die neue Therapie nutzt das Oberflächenprotein als Zielstruktur: Man nimmt ein Molekül, das sich an das PSMA binden kann, und koppelt es an radioaktives Lutetium-177. Der Patient wird dabei nicht von außen bestrahlt, sondern bekommt den Komplex aus dem bindenden Molekül und Betastrahlen per Infusion verabreicht, erläutert der Essener Urologe. Die Radioaktivität wird dann von den „markierten“ Zellen mit PSMA auf der Oberfläche aufgenommen, was zur Zerstörung dieser Zellen führen soll. Auf diese Weise entfaltet die Strahlung ihre Wirkung im Körper direkt an den Krebszellen, die damit „wie mit einer Präzisionswaffe“, so Hadaschik, zielgenau beschossen werden, während umgebendes gesundes Gewebe weitgehend verschont bleibt. Entwickelt wurde das in der „Vision“ Studie verwandte PSMA-Bindungsmolekül am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Neue Krebsbehandlung kommt „für acht von zehn Patienten (…) in Betracht“

Um sich einen Eindruck über die Anzahl und die Lokalisation der Metastasen zu verschaffen, werden die Patienten vor der Behandlung per Positronen-Emissions-Tomographie (PET) untersucht, ein bildgebendes Verfahren, bei dem Veränderungen im Körper mithilfe von radioaktiven Strahlen sichtbar gemacht werden. Auf dieser Basis könne man die Therapie dann personalisiert einsetzen, erklärt Hadaschik. Anders als manche anderen zielgerichteten Behandlungen, die bei Tumoren mit bestimmten Merkmalen ihre Wirkung entfalten und oft nur für einen kleinen Teil der Erkrankten geeignet sind, komme die PSMA-Radioliganden-Therapie „erfreulicherweise für acht von zehn Patienten mit kastrationsresistentem Prostatakrebs in Betracht“, sagt der Mediziner. „Damit werden wir in Zukunft vielen Männern helfen können.“

Die innere Strahlenbehandlung wirke grundsätzlich bei Metastasen überall im Körper, „in den Lymphknoten besser als im Knochen“, beides sind die häufigsten Orte, wohin Prostatakrebs streut. Allerdings werden freilich auch gesunde Zellen mit PSMA auf der Oberfläche erreicht, etwa die Speichel- und die Tränendrüsen – der Grund, warum zu den häufigsten Nebenwirkungen Mundtrockenheit zählt. „Insgesamt ist diese Therapie aber sehr gut verträglich“, sagt Hadaschik. Sollte sie aber eines Tages auch in einem sehr viel früheren Stadium eingesetzt werden, müssten mögliche langfristige Folgen stärker in den Blick rücken, die zehn oder 20 Jahre nach einer Strahlenbehandlung auftreten können.

Denn mit dem Einsetzen als alleinige Therapie bei schwerstkranken Patienten sollen die Möglichkeiten der neuen Behandlung nicht ausgereizt sein. Es seien viele Studien geplant, so der Urologe, unter anderem soll getestet werden, wie gut die Therapie wirkt, wenn man „sie nach vorne zieht“, sie also bei Patienten anwendet, die noch auf Chemotherapie und medikamentöse Kastration ansprechen, denkbar wäre sogar, sie bereits vor einer Operation zu verabreichen.

Forschung: Prostatakrebstherapie könnte auch andere Krebsarten behandeln

Vor allem auch soll in kommenden Studien die Kombination der PSMA-Radioliganden-Therapie mit anderen Behandlungen getestet werden, insbesondere mit einer Immuntherapie. Eine der Hoffnungen: „Möglicherweise lässt sich auf diese Weise in Zukunft auch bei einer metastasierten Erkrankung noch eine Heilung erzielen.“ Bislang sei das allein mit der inneren Radiotherapie nicht möglich: „Wir sehen, dass sich damit ein Großteil der Krebszellen umbringen lässt, aber einige wenige überleben meist. Das könnte sich bei einer Kombination mit der Immuntherapie ändern.“

Auch wäre es vorstellbar, das Prinzip der Radioliganden-Therapie nicht nur beim Prostatakarzinom, sondern noch bei anderen Tumoren einzusetzen, die ebenfalls durch eine verstärkte Präsenz bestimmter Proteine auf der Zelloberfläche gekennzeichnet sind. Dazu gehört unter anderem der schwer behandelbare Bauchspeicheldrüsenkrebs. Hierbei kann es ein weiterer Ansatz sein, nicht nur die Tumorzellen selbst, sondern auch das umgebende Bindegewebe als Zielobjekt in den Blick zu nehmen: „Man muss sich nicht immer nur auf den Tumor konzentrieren, man kann auch das Mikromilieu um ihn herum angreifen.“ Allerdings ist zu beachten, dass diese Eiweiße so beschaffen sein müssen, „das man Radioaktivität drankleben kann“, wie es Hadaschik anschaulich ausdrückt. Auch muss das Molekül spezifisch genug sein und darf nicht auf zu vielen gesunden Zellen vorkommen, um die potenziellen Nebenwirkungen überschaubar zu halten. Gleichwohl, so der Urologe: „Einige weitere solcher Eiweiße sind bereits im Fokus.“ (Pamela Dörhöfer)

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