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„Eine autofreie Stadt ist auch dann gut, wenn es keinen Klimawandel gäbe“, sagt der Soziologe Harald Welzer.

Klimaschutz

Der Traum von der autofreien Stadt

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Experten beraten, warum Warnungen vor dem Klimawandel oft nicht zu beherztem Handeln führen und was es stattdessen braucht.

Warum der Klimaschutz nicht so schnell vorankommt, wie es notwendig wäre, liegt für Tatiana Herda Muñoz auf der Hand. Die Botschaften der Klimawissenschaftler kommen nicht an. Die frühere Klimaschutzmanagerin von Mainz wollte ältere Bewohner der Stadt für die energetische Sanierung ihrer Eigenheime gewinnen. Doch zur eigens organisierten Veranstaltung kam – niemand.

Als sie den Rentnerinnen und Rentnern bei einer Kaffeefahrt mit ihren Argumenten auf den Leib rücken wollte, merkte Muñoz schnell, dass die Senioren zwar gerne Kekse essen und Apfelsaft trinken, aber nichts über das Dämmen ihrer Häuser erfahren wollten.

Also hörte sich Muñoz die Sorgen der Senioren an – und merkte nach einer Weile, dass sie an den Rentnern vorbeigeredet hatte. „Erst wenn man die Menschen versteht, kann man sich Strategien ausdenken, sie zum Klimaschutz zu bewegen“, sagt Muñoz heute, inzwischen ist sie als Ortvorsteherin von Mainz-Hechtsheim tätig.

Je mehr sie den Leuten zuhörte, desto mehr wurde Muñoz klar, dass sie es anders machen musste. So versuchte sie es bei den Mitgliedern eines Fastnachtsvereins, die ihr anfangs noch kritisch begegneten. Aber dass sich ein Karnevalsumzug besser in einer Fußgängerzone durchführen lässt, überzeugte auch die Vereinsmitglieder, die nun gemeinsam mit ihr für eine autofreie Straße trommeln.

Welche Kommunikation es braucht, damit Gesellschaften engagiert gegen den Klimawandel vorgehen, fragt sich auch Marie-Luise Beck vom Deutschen Klima-Konsortium, ein Verband universitärer und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen im Bereich der Klimaforschung. Die Wissenschaft solle zwar weiter Klima-Projektionen vorlegen und den Anteil des Klimawandels am Extremwetter berechnen, aber Informationen und Fakten allein reichten nicht aus. „Wir können nicht bei der Beschreibung der Wetterphänomene stehenbleiben“, sagt Beck. Es brauche eine andere Breite und eine andere Sprache als bislang.

Das Gefühl, den übermächtigen Naturgewalten nichts entgegensetzen zu können

Das bestätigt auch Mike Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich. „Ein großer Teil der Klimawandel-Kommunikation konzentriert sich auf mögliche negative Folgen wie extreme Wettereignisse, steigende Meeresspiegel, Verlust an Biodiversität und Ähnliches“, sagt Schäfer. Eine entsprechende Berichterstattung bringe zwar Aufmerksamkeit, aber sie paralysiere auch viele Menschen, die das Gefühl hätten, den übermächtigen Naturgewalten nichts entgegensetzen zu können.

Ab Dienstag wollen deshalb rund 500 Wissenschaftler aus Natur- und Geisteswissenschaften mit Praktikern auf einem Kongress in Karlsruhe darüber diskutieren, wie über Klima und Klimaschutz gesprochen und geschrieben werden kann, damit die notwendigen Verhaltensänderungen in der Gesellschaft möglich werden – um den Ausstoß an Treibhausgasen massiv zu verringern und die Erhitzung des Planeten zu stoppen.

Die Berichterstattung übers Klima hat in den vergangenen ein, zwei Jahren merklich zugenommen. Einer der Gründe dürften die häufigeren Wetterextreme sein wie etwa der Hitzesommer 2018. Aber auch die Fridays-for-Future-Proteste –inspiriert vom Schulstreik der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg – haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Klimakrise gelenkt.

Harald Welzer: „Fridays for Future hat dem Klima-Thema eine weitere Dimension hinzugefügt“

Warum die Jugendbewegung so erfolgreich dabei ist, liegt für den Soziologen Harald Welzer auf der Hand. „Fridays for Future hat dem Klima-Thema eine weitere Dimension hinzugefügt“, sagt Welzer, der auch an dem zweitägigen Klimakommunikations-Kongress teilnehmen wird. Die Bewegung stelle die Gerechtigkeit für junge und kommende Generationen in den Vordergrund – und der soziale Aspekt spreche mehr Menschen an.

Doch nun sei eine tiefgreifende Transformation der Gesellschaft erforderlich, die mit der bisherigen Kommunikation nicht gelingen könne. Bisher, so sieht es Welzer, haben sich die Botschaften der Klimawissenschaftler zu sehr an den eigenen Maßstäben orientiert. Was ihnen selbst einleuchte, müsse aber nicht bei anderen verfangen. Ähnlich argumentiert auch die klassische Reklametheorie: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Den negativen Botschaften will Harald Welzer deshalb konkrete Bilder und Entwürfe der Zukunft entgegensetzen. „Eine autofreie Stadt ist auch dann gut, wenn es keinen Klimawandel gäbe“, führt Welzer als ein Beispiel an.

Auch Kommunikationsforscher Schäfer von der Uni Zürich wirbt dafür, stärker auf die positiven Folgen des Klimaschutzes hinzuweisen. Anstatt immer nur von den Kosten zu sprechen, sollten die möglichen Gewinne in den Vordergrund rücken. „Und das so konkret wie möglich.“ Schäfer empfiehlt, von einer „gesünderen, weniger gefährlichen Lebenswelt für uns und unsere Kinder“ zu sprechen oder von „weniger Hitzeperioden in unserer Stadt“.

Mehr Informationen zum Karlsruher K3 Kongress zu Klimawandel, Kommunikation und Gesellschaft im Internet unter: www.k3-klimakongress.org

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