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Die äußere Erscheinung seines Charakters kann der Spieler verändern, die Angaben links, wie Name und Alter, aber nicht.

„Through the Darkest of Times“

Auf dem Computer zum NS-Widerstandskämpfer werden 

Das Berliner Studio Paintbucket Games entwickelt ein Spiel, in dem man seine eigene Widerstandsgruppe gegen Hitlers Regime führt. Ganz nah an den historischen Begebenheiten geht es dabei nicht nur ums Überleben, sondern auch um die Frage: Was hätte ich gemacht?

Einen ordentlichen Bekanntheitsschub hatte das Computerspiel „Through the Darkest of Times“ im vergangenen Jahr erfahren. Es war das erste Spiel, dass eine offizielle Erlaubnis der Prüfstelle USK bekam, um Hakenkreuze und Hitlergruß darzustellen. Die USK hatte ihre Richtlinien geändert und sieht nun die Möglichkeit vor, die Sozialadäquanzklausel zu nutzen. Laut dieser dürfen verfassungsfeindliche Symbole gezeigt werden, wenn die Darstellung "der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst (…) oder ähnlichen Zwecken dient“. Nach dem Medienrummel von 2018 muss das Spiel nun aber zeigen, ob es auch mit seiner Qualität für Schlagzeilen sorgen kann. 

Auf der Gamescom 2019 stellte Spieleentwickler Jörg Friedrich sein Videospiel vor. Friedrich ist zeitgleich auch einer der Gründer des Berliner Entwicklerstudios Paintbucket Games. Anfangs wurde „Through the Darkest of Times“ noch von zwei Entwicklern programmiert. Seitdem der Publisher Handy Games sich dem Vertrieb angenommen hat, sind es vier Entwickler. Ergänzt wird das Team von einem Sounddesigner und einer historischen Beraterin. 

Inhalte sind von echten Gruppen inspiriert

Die Beratung ist sehr wichtig, denn das Strategiespiel ist in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland angesiedelt. Der Spieler übernimmt die Rolle eines Anführers einer Widerstandsgruppe, die nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 die Bevölkerung wachrütteln und das Regime schwächen will. „Die Inhalte sind von echten damaligen Gruppen inspiriert“, sagt Jörg Friedrich. Besonders die Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack habe der Entwickler vor Augen gehabt. Das Spiel beginnt also 1933 in Berlin. Zunächst sucht sich der Spieler einen Avatar aus einer Vielzahl von vorgegebenen männlichen oder weiblichen Profilen aus. Name, Alter, Beruf und politische Einstellung sind dabei für jeden Charakter vorgegeben und unveränderbar. Das äußere Erscheinungsbild kann angepasst werden. „Jede Figur hat versteckte Eigenschaften, die sich erst im Laufe des Spiels offenbaren“, sagt Friedrich. So kann es sein, dass der gewählte Widerstandskämpfer homosexuell oder jüdisch ist oder dass er eine Familie hat. Je nach dem entwickelt sich die Hintergrundgeschichte anders. „Der Spieler soll sich auf die Figur einlassen, die er spielt.“ Das bedeutet auch Empathie empfinden und um das Schicksal seines Avatars bangen. 

Nimmt die Gestapo den Spieler fest, kann er sich im Verhör mit etwas Glück noch herausreden.

Das eigentliche Spiel läuft rundenweise ab. Jede Runde symbolisiert eine Woche, wobei man die Gruppe pro Kapitel 24 Wochen begleitet. Gruppe? Richtig. Bis zu fünf Mitglieder (inklusive man selbst) kann der Widerstandstrupp haben. Wer dabei zur Gruppe stößt ist zufällig und kann in jedem Spieldurchgang neu sein. Auch die Unterstützer, die man versucht mit seiner Gruppe bei Aktionen zu gewinnen, werden vom Spiel immer komplett zufällig generiert. Dadurch bekommt man andere Quests und neue Möglichkeiten. „Eigentlich hatten die historischen Gruppen viel mehr Mitglieder“, sagt der Entwickler. Doch um die einzelnen Geschichten und die damit verbundenen Identifikation richtig zur Geltung kommen zu lassen, habe Friedrich die Größe beschränkt. 

Gaming-Boom geht weiter: Was sich in den nächsten Jahren ändern wird

Zu Beginn jeder Runde gibt es Zeitungsartikel, die auf das Geschehene hinweisen. Anfangs sind die Medien noch kritisch und liberal. Später wandeln sich die Artikel. Meist werden historische Ereignisse, beispielsweise die Fertigstellung des Zeppelin Hindenburg, aufgeführt – so ist das Spiel auch ein Stück weit Wissensvermittlung. Wer im Vorfeld um die Geschichte weiß, wird von manchen Ereignissen im Spiel auch nicht überrascht und kann sie vielleicht zu seinem Vorteil nutzen. Beispielsweise indem man seine kommunistischen Gruppenmitglieder nach dem Reichstagsbrand nicht mehr zu sehr in die Öffentlichkeit bringt. Diese wurden damals für den Brand verantwortlich gemacht. Zu Rundenanfang entspinnt sich im Hauptquartier in der Regel auch ein Gespräch zwischen den Gruppenmitgliedern. Der Spieler entscheidet durch Dialogoptionen, was er antwortet und wem er beipflichtet. So kann man das zukünftige Vorgehen des Trupps festlegen. Das hat zunächst keine Auswirkungen. Verspricht man jedoch Notleidenden zu helfen und konzentriert sich dann auf Sabotageaktionen, muss man sich vor der Gruppe rechtfertigen, die dann sauer ist. Doch auch die Gruppenmitglieder haben bestimmte Vorstellungen. Wer immer nur Notleidenden hilft, vergrault vielleicht jemanden aus seiner Truppe, der die Meinung vertritt man sollte den Nationalsozialisten mit Sabotage beikommen. Ein Charakter der die Gruppe verlässt, fehlt nicht nur bei Aktionen sondern kann unter Umständen auch zum Verräter werden. 

Drei Werte: Empathie, Heimlichkeit und Propaganda

Schließlich geht es an die Wochenplanung. Auf einer Karte werden verschiedene durchführbare Aktionen aufgelistet. Manche benötigen nur ein Mitglied der Gruppe, andere mehrere und manchmal auch Objekte, wie Flugblätter, ohne die man die Aktion nicht durchführen kann. Jedes Mitglied hat drei Werte: Empathie, Heimlichkeit und Propaganda. Im Laufe des Spiels können sich die Werte verbessern. Ist ein Charakter aber beispielsweise verletzt, mindern sich die Werte. Bevor man die Aktion startet, sieht man ein prozentuale Erfolgswahrscheinlichkeit. Anfangs kommt man noch leicht auf gut Erfolgsquoten, später wird es schwieriger und man ist wieder in der Zwickmühle: Versuche ich es trotz schlechter Quote oder lasse ich es bleiben, was auf die Moral drückt. Genau diese Moral ist sozusagen die Lebensenergie der Gruppe. Sinkt sie auf null, löst sich der Trupp auf. Mit jeder gelungenen Aktion kommt Moral hinzu, Unmut und Fehlschläge senken den Wert. 

Auf der Karte plant man seine Missionen und teilt seine Gruppenmitglieder entsprechend auf.

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Nach jeder Runde bekommt man nicht nur die Ergebnisse seiner Aktionen geliefert, sondern wird auch mit Ereignissen konfrontiert. So muss man als Spieler der Bücherverbrennung beiwohnen, beobachtet den Reichstagsbrand und steht immer wieder machtlos den historischen Fakten gegenüber. Erst bei kleinen Ereignissen kann man mehr tun. Ein Mann wird von drei SA-Leuten umringt. Geht man näher oder radelt man davon, als hätte man nichts gesehen? Die Entscheidung und die Konsequenzen liegen beim Spieler. Optisch fällt das Spiel durch die Abwesenheit von bunten Farbe auf. Es dominieren Schwarz-, Weiß-, Grau- und Brauntöne. Nur an wenigen Stellen, etwa bei den Augenfarben oder auf der Karte wird es etwas bunt. Auffällig ist noch die Farbe Rot, die bei Blut oder den Hakenkreuzfahnen zum Einsatz kommt. Die eher gediegenen Farben passen zur damals tristen Zeit und den damals dominierenden Fotografien in Schwarz-Weiß. 

Verschiedene Enden für das Spiel

Insgesamt wird es vier Kapitel geben. Jeweils in den Jahren 1933, 1936, 1941 und 1945 übernimmt der Spieler die Geschicke der Widerstandsgruppe. Dass man bis zum Ende kommt, ist aber keineswegs selbstverständlich. Je nach Spielweise, Risikobereitschaft und unvorhersehbare Entwicklungen, kann sich die Gruppe auch in einem früheren Kapitel auflösen. Oder von der Gestapo erwischt werden. Friedrich verspricht verschiedenen Enden für das Spiel. Oberstes Ziel sei es als Gruppe zu bestehen. Von den beiden Begriffen gewinnen und verlieren hält der Entwickler aber in seinem Spiel nichts. „Hat eine Gruppe, die 50 Menschen gerettet hat und sich dann aber in frühen Jahren auflöst, wirklich verloren?“ Die echten Widerstandsgruppen im realen Leben hätten sich meistens aufgelöst, als die Gefahr oder eben die Zweifel zu groß wurden. Genau das soll auch der Spieler erleben. Je weiter das Spiel voranschreitet, desto schwerer wird es, die Moral der Truppe oben zu halten und umso gefährlicher sind die Aktionen. 

Immer wieder gibt es moralische Entscheidungen, die auch Konsequenzen haben können. Mischt man sich ein, wenn die SA einen Mann drangsaliert?

Das Spiel wird in Deutsch und Englisch erscheinen, Friedrich kann sich durchaus auch weitere Sprachen vorstellen. Der Erscheinungstermin ist auf Anfang 2020 datiert. Das Videospiel wird durch das Berlin-Brandenburgische Medien-Board finanziell gefördert.

Von Steven Micksch

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