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Vor einem Hügel im Ort Naraha türmen sich Säcke voll mit Erde, Blättern und Trümmern – alles radioaktiv verseucht.

Klimawandel

„Tepco hat uns jahrzehntelang ausgebeutet“

Der Chef der Aizu Electric Power Comany, Yauemon Sato, erklärt, warum er die Stromversorgung in der Präfektur Fukushima auf erneuerbare Energien umstellen will.

Von Benjamin von Brackel

Herr Sato, Sie wollen die Stromversorgung in der Präfektur Fukushima komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Wie kam es dazu?
Die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 war für uns ein großer Schock. Unsere wunderschöne Heimat war total verstrahlt, Tausende Menschen mussten evakuiert werden. Bis dahin wurde uns immer gesagt, die Atomenergie sei eine saubere, günstige und sichere Energie. Da ist uns erstmals bewusst geworden, dass die Regierung uns jahrelang angelogen hat.

Wie haben Sie reagiert?
Es ist müßig zu sagen: Tepco ist schuld, die Regierung ist schuld. Wir müssen selbst aufstehen und versuchen, eine saubere und sichere Energieversorgung mit Erneuerbaren aufzubauen. Die Präfektur-Regierung hat das Ziel vorgegeben, bis zum Jahr 2040 die gesamte Präfektur Fukushima mit erneuerbaren Energien abzudecken. Wir haben insgesamt zehn Kernkraftwerke in unserer Präfektur, die sollen bis 2040 komplett stillgelegt werden. Daraufhin haben wir die Aktiengesellschaft der Aizu-Stromversorger gegründet.

Wo waren Sie am 11. März 2011?
In meiner Heimatstadt Kitakata. Die Stadt war nicht unmittelbar betroffen. Aber wir konnten im Fernsehen verfolgen, wie unsere Nachbarstädte und -dörfer durch den Tsunami verwüstet wurden. Ich hatte Angst um meine Mitmenschen. Insbesondere mit denen in Itate, einem Dorf, mit dem ich persönlich verbunden bin. Ich habe mich in meinem früheren Beruf dort um den Tourismus gekümmert. Es wurde völlig verstrahlt und alle 6700 Bewohner wurden evakuiert – aber erst nach drei Monaten. Das ist eine Riesentragödie.

Welche Konsequenzen zogen Sie?
Wir haben eine Mitschuld, weil wir das Kernkraftwerk viele Jahre lang unterstützt haben. Deswegen müssen wir jetzt für eine Wende sorgen: weg von der Kernenergie, hin zu erneuerbaren Energien. Die Investitionen, die wir jetzt vornehmen, sind Investitionen in die nächste Generation.

Wie weit sind Sie mit dieser Wende?
Es gibt uns erst dreieinhalb Jahre. Angefangen haben wir mit Photovoltaik, bis Ende 2016 haben wir 50 dezentrale Solarstrom-Anlagen in der Region aufgebaut, mit einem Megawatt Anschlussleistung. Das stark verseuchte Dorf Itate haben wir mit 60 dezentralen Anlagen unterstützt. In diesem Jahr werden wir weitere 30 aufbauen. Und dann werden wir nach und nach in andere Erneuerbaren-Bereiche gehen: Mikro-Wasserkraftwerke, Windkraft- und Biogasanlagen, Geothermie.

Bis zu Ihrer Vision von 100 Prozent erneuerbaren Energien ist das noch ein weiter Weg.
Es geht uns in erster Linie um die Wiederbelebung der lokalen Wirtschaft. Die Finanzmittel müssen in der Region bleiben. Wenn wir irgendwo etwas investieren, leihen wir uns die Gelder von den Finanzinstitutionen vor Ort. Damit werden lokale Handwerksbetriebe bezahlt, die Arbeitsplätze in der Region schaffen. Das Geld bleibt hier. Früher kam es von außen und floss auch wieder dorthin. Wir wurden über Jahrzehnte von den Stromkonzernen wie Tepco ausgebeutet, die Japan monopolistisch in zehn Regionen aufgeteilt haben. Nur ein kleiner Teil des Umsatzes blieb in der Region. Wir haben gesagt: Das geht so nicht weiter.

Wie wollen Sie das ändern?
Wir versuchen, von der angeschlagenen Tepco alles nach und nach zurückzukaufen: Wasserkraftwerke, Übertragungsnetze, Wechselrichter. Denn das ist unser Wasser, das durch den schmelzenden Schnee in die Stauseen fließt, es sind unsere Flüsse, Berge und Wälder, durch die Energie entsteht.

Sie wollen mit Schnee Energie erzeugen?
Das Schmelzwasser geht in die Flüsse und in Stauseen. Wir nutzen den natürlichen Höhenunterschied. Wir haben von den Gemeinden und lokalen Finanzinstitutionen Startkapital bekommen, auch von den Bürgern. Damit versuchen wir all das aufzukaufen. Wir sind nicht gewinnorientiert, obwohl wir Aktiengesellschaft heißen. Wenn wir da ein Vorbild abgeben, werden die Nachbarpräfekturen es uns gleichtun, denn auch dort gibt es sehr viele Wasserkraftwerke, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs den großen Energieunternehmen gehören.

Die japanische Regierung setzt stark auf Kohle und Atomkraft. Können Sie dem Landestrend etwas entgegenstellen?
Wir können dem Rest Japans erstmal nur unseren Willen zeigen. Denn die Abe-Regierung möchte die Kernkraftwerke weiterhin betreiben. Tepco oder andere Stromversorger können die Kernkraftwerke nicht abschalten, denn das würde heißen, dass sie Defizite machen und Abe könnte seine hochgelobten Abenomics [das Wirtschaftsprogramm von Premier Shinzo Abe, Anm.d.R.] nicht zum Erfolg bringen. Denn bei Stilllegung der Kernkraftwerke würde es heißen, dass sich die Banken zurückziehen, die Finanzinstitutionen, die Versicherungen. Die Aktienkurse würden fallen und die Konjunktur leiden. Die Regierung hat sich noch überhaupt keine Gedanken gemacht, wie man die Kernkraftwerke stilllegen kann, wo die Endlager sein sollen. Es geht nur um eines: Japans Konjunktur muss nach oben gehen und nicht nach unten. Dabei sind die Kernkraftwerke eine veraltete Industrie. Soll das der richtige Weg für die Zukunft unserer Kinder sein? Wir dürften das eigentlich nicht so hinnehmen.

Benjamin von Brackel ist Journalist beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau in einer Kooperation die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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