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Demonstration gegen Bayer.

Dr. Hontschiks Diagnose

Wie der „David“ taz den „Goliath“ Bayer in die Knie zwang

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Wie die kleine taz den großen Bayer-Konzern in die Knie zwang.

Als David, der kleine Wirtschaftsredakteur der taz, in der Redaktionskonferenz eintraf, saßen schon alle beisammen und waren sehr niedergeschlagen. „Was ist denn los?“ fragte David. „Wir müssen zum Gericht. Der Bayer-Konzern hat uns verklagt. „Das wird hart“, sagte Saul, der Chef vom Dienst, „ich sehe schwarz!“

Und das kam so: Die taz hatte im Oktober 2018 nicht einfach nur über das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat von Bayer berichtet, das für die Entstehung von Lymphdrüsenkrebs verantwortlich gemacht wird. Die taz hatte außerdem mit einer Aufsehen erregenden Karikatur auf ihrer Titelseite das krebserregende Glyphosat von Bayer mit dem Krebsmedikament Aliqopa von Bayer kombiniert. Das hatte der Pharmakonzern speziell zur Behandlung von Lymphdrüsenkrebs entwickelt. Bayer verursacht Krebs und Bayer behandelt Krebs, das Krebs-Rundum-Sorglos-Paket, was für ein lukratives Geschäftsmodell! Die Konzernleitung tobte. Sie verklagte die taz. Die taz müsse sich verpflichten, diese Behauptung zu unterlassen.

Saul, der Chef vom Dienst, öffnete den Wikipedia-Eintrag des Bayer-Konzerns und projizierte ihn auf die Großleinwand. Die Redaktion der taz sah sich den großen Bayer-Konzern mit seinen 100.000 Angestellten und seinen 35 Milliarden Euro Jahresumsatz an: Sehr beeindruckend für eine kleine Tageszeitung mit 250 Angestellten und 50.000 verkauften Exemplaren. Furchterregend war auch die riesige, international aufgestellte Anwaltskanzlei des Konzerns. Unter ihnen stach ein Anwalt hervor, ein Baum von einem Kerl namens Goliath, mehr als drei Meter hoch und mit einem mächtigen Kopf. Der hatte ihnen am Morgen noch eine Email geschickt: „Wer seid ihr schon, ihr Wichte? Nichts als ein Haufen armseliger Redakteure! Ihr wollt euch wirklich mit mir anlegen?“ Seine höhnische Art sollte allen den Mut nehmen.

David aber war voller Wut, als er das hörte. „Lasst ihr euch das gefallen?“ rief er in die Redaktionskonferenz. „Ja, was denn sonst“, stöhnte ein Kollege. „Willst du vielleicht mit so einem Riesen kämpfen?“ „Ja, das will ich“, sagte David, der kleine Wirtschaftsredakteur, und er ging zu Saul, dem Chef vom Dienst. „Ich bin kein Kind mehr“, sagte er ihm. „Ich bin Redakteur. Ich weiß, wie ich Bürger vor Konzernen beschütze. Sollte ich da nicht wissen, wie ich den Bayer-Konzern besiegen kann?“

Kleiner Wirtschaftsredakteur gegen großen Wirtschaftsanwalt

Saul spürte, dass er David nicht von seinem Plan abbringen konnte und gab ihm den Rat: „Nimm meinen Kampfanzug, der ist besonders gut.“ Doch der passte David nicht. Der Helm rutschte ihm über die Ohren, die Jacke hing bis zum Knie hinunter, und die Stiefel waren vier Nummern zu groß. „Nein“, sagte David. „Ich kämpfe so, wie ich bin. Wenn ich den Bayer-Konzern besiegen will, muss ich nicht auf dessen Art kämpfen, sondern auf meine.“ David wählte die Nummer seines alten Studienfreundes, der vor Kurzem eine kleine Anwaltskanzlei in Kreuzberg eröffnet hatte, und traf sich mit ihm in einem Café am Oranienplatz.

Als die Anwälte des Bayer-Konzerns im Gerichtssaal erschienen, tönte der große Goliath: „Wo bleibt er denn, euer Kämpfer?“ Da sah er den kleinen David und rief höhnisch: „Du?“ – „Ja, ich!“ antwortete dieser, „du hast die Millionen im Rücken und bist ein großer Wirtschaftsanwalt. Ich aber werde dir zeigen, dass wir uns auch ohne Millionen und ohne ein Heer hochbezahlter Anwälte wehren können.“

Da ging Goliath, der riesige Anwalt des Bayer-Konzerns, fluchend auf David, den kleinen Wirtschaftsredakteur los. Der aber lief nicht weg. Das hatte Goliath noch nie erlebt, seit er für den Bayer-Konzern arbeitete. Rasch zog David, der kleine Wirtschaftsredakteur, seine Steinschleuder aus dem Gürtel, und bevor der ganze große Anwaltstross des Bayer-Konzerns reagieren konnte, sauste ein Stein durch die Luft und traf Goliath, ihren Anführer, hinter dem Ohr. Der schwankte kurz und fiel rücklings besiegt zu Boden.

So war es in Wirklichkeit natürlich überhaupt nicht. So war es nur in der Bibel. Tatsächlich betrat Goliath, der große Wirtschaftsanwalt, den Gerichtssaal und legte siegessicher den Standpunkt des Bayer-Konzerns dar. Da drehte Davids alter Studienfreund, der kleine Wirtschaftsanwalt, plötzlich den Spieß um und erhob gegen den Bayer-Konzern eine „negative Feststellungsklage“. Mit diesem kleinen, aber wirkungsvollen Trick, den nur Juristen wirklich verstehen können, hatte er den Konzern überrascht und aufs Glatteis geführt, von dem dieser nicht mehr entkommen konnte. Der große Bayer-Konzern musste sich nun verpflichten, nicht länger „gegen die als Satire eingeordnete Berichterstattung auf dem Titelblatt der taz vom 24.10.2018 vorzugehen.“

Dass David, der kleine Wirtschaftsredakteur, zusammen mit seinem Studienfreund, dem kleinen Wirtschaftsanwalt, den großen Bayer-Konzern mit Goliath, dem großen Wirtschaftsanwalt, besiegt hatte, sprach sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land herum. Da fassten die Menschen wieder Mut. Und die Redaktion der taz feierte ein großes Fest und ließ sich nie wieder einschüchtern.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de 

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