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FR-Interview mit dem Psychotherapeuten Professor Frank Neuner

„Das Tabu bleibt“

Psychotherapeut Frank Neuner spricht im FR-Interview über Gewalt in Schulen, Internaten und die Folgen für die Opfer.

Herr Professor Neuner, die Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch sehen kaum Bewegung bei der Prävention. Hat die öffentliche Debatte nicht dazu beigetragen, Schulen, Internate und Heime sicherer zu machen?

Sie hilft, aber das Tabu ist damit längst nicht gebrochen. Man kann zwar vermuten, dass es künftig weniger spektakuläre Fälle von systematischem Missbrauch geben wird, wie er etwa an kirchlichen Einrichtungen oder der Odenwaldschule geschehen ist. Aber der sexuelle Missbrauch ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Was verbirgt sich noch darunter?

Man weiß mittlerweile, dass emotionaler Missbrauch wie permanente Beschimpfungen, Entwertungen, Ausschluss oder Demütigungen durch Bezugspersonen oder Mitschüler langfristig ähnlich schwerwiegende Folgen haben kann. Und alle bisherigen Untersuchungen zeigen, dass Missbrauch und Misshandlungen in der Regel ein Kontinuum sind, das aus mehr als hundert Einzeltaten bestehen kann. Den Betroffenen fällt es schwer, darüber zu reden – trotz der öffentlichen Debatte.

Heißt das, auch die Missbrauchs-Opfer von heute werden wieder Jahrzehnte schweigen?

Die Gefahr besteht. Denn das Dilemma für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bleibt: Viele empfinden das, was passiert, als normal. Sie wissen nicht, dass ihnen Unrecht geschieht. Gerade wenn sie in Heimen oder Internaten aufwachsen, dann fehlt ihnen der Vergleich. Und selbst wenn ihnen klar wird, dass etwas Unrechtes geschieht, ist die Scham darüber zu reden, sehr groß.

Ein großer Vorteil für die Täter...

Viele steuern das ganz bewusst, weil das Schweigen sie schützt. Die meisten missbrauchten Kinder glauben zudem, sie trügen eine Mitverantwortung für das, was passiert. Letztlich ist das auch ihre einzige Möglichkeit, die Illusion von Kontrolle aufrecht zu erhalten und nicht völlig im Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Täter zu versinken.

Können Vertrauensleute, Fortbildungen für Pädagogen oder Notrufsysteme an Schulen und Heimen überhaupt etwas gegen diese Mechanismen ausrichten?

Ansprechpartner vor Ort helfen sicher, aber das reicht nicht, weil die Opfer sich in der Regel nicht von sich aus melden. Wichtiger wäre eine direkt aufsuchende Hilfe. Es müsste systematische Befragungen in Schulen, Heimen oder Internaten geben – natürlich nicht als „Verhör“, aber mit direkten Fragen zum Erleben der Kinder und Jugendlichen im Kontakt zu Bezugspersonen und Mitschülern, ohne den Begriff Missbrauch zu verwenden. Unabhängige Experten müssen regelmäßig prüfen, was in den Institutionen vor sich geht – und zwar nicht nur an jenen, wo Missbrauchsfälle bekannt wurden. Es fehlen auch systematische Studien. Man weiß mehr über den Missbrauch in den Familien als über den in Institutionen, weil es hier kaum Dunkelfelduntersuchungen gibt.

Offenbar beginnt sich die Forschung, allen voran die Erziehungswissenschaft, erst jetzt dafür zu interessieren. Warum?

In allen Disziplinen gibt es Vorbehalte dagegen, sich mit den Themen Missbrauch, Misshandlung und Trauma zu beschäftigen. Es gibt eine starke Tendenz in der Gesellschaft, den alltäglichen Schrecken nicht wahrhaben zu wollen, und die Angst lieber auf ein paar spektakuläre Einzelfälle zu verlagern. Das betrifft Gewalt in der Familie genauso wie Gewalt in Institutionen. Davor sind auch Wissenschaftler nicht gefeit.

Wie sieht die Therapie für Erwachsene aus, die in der Kindheit missbraucht wurden?

Wir versuchen, die Lebensgeschichten der Betroffenen aufzuarbeiten. Denn gerade bei massiven Missbrauchserfahrungen muss der Betroffene das Erlebte in die eigenen Biografie erst einordnen.

Warum ist das wichtig?

Gedächtnisinhalte, die unter massiver Bedrohung abgespeichert werden, verbleiben ohne zeitlichen oder räumlichen Kontext in der Erinnerung. Das führt dazu, dass die Bedrohungsgefühle oft über Jahrzehnte, manchmal das ganze Leben hinweg erhalten bleiben. Da hilft es nur, die Ereignisse im Detail zu erzählen und neu zu verorten.

Warum müssen die Betroffenen in der Therapie die Taten noch einmal durchleben?

Auch ohne Therapie erleben viele Betroffene sie jeden Tag von neuem in Form von Gefühlen und Bildern. Das ist ein wesentlicher Teil der Symptomatik, führt aber alleine nicht zu einer Verarbeitung. In der narrativen Expositionstherapie versuchen wir dagegen, die Lebensgeschichte der Patienten zu rekonstruieren, dazu gehört auch die genaue Erzählung der Traumatisierung. Denn die Betroffenen haben meistens eine sehr schwache Erinnerung an ihre gesamte Kindheit. Wenn sie aber ihre eigene Geschichte nicht kennen, können sie auch nicht klären, wer eigentlich die Schuld trägt. Mit der Therapie können wir natürlich die Ereignisse nicht besser machen, als sie waren, aber die Patienten lernen, dass der Schrecken vorbei ist und es keine akute Bedrohung mehr gibt.

Interview: Katja Irle

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